Millionen von Rumänen suchten ihr Arbeitsglück in der Fremde. Inzwischen ist das Land Ziel von Einwanderern – und wird von Fremdenhass geplagt.
Die Attacke kam unvermittelt. Gegen 22.30 Uhr wartete am vergangenen Dienstag ein Fahrradkurier aus Bangladesch vor einer roten Ampel in Rumäniens Hauptstadt Bukarest, als ihm ein 20-Jähriger mit der Faust ins Gesicht schlug. „Warum? Was ist das Problem?“, fragte der Mann mit dem Fahrradhelm auf einer verwackelten Filmaufnahme entgeistert. „Geh zurück in Dein Land!“, so die Antwort des Angreifers: „Du bist ein Eindringling!“
Der Täter filmte seinen Faustschlag selbst – und wurde von einem zufälligen Zeugen, einem Polizisten nach Feierabend, überwältigt. Schockiert reagierte die Öffentlichkeit im Karpatenstaat auf die im Web verbreiteten Aufnahmen der Hassattacke.
Er verurteile die Aggression gegen einen jungen Mann, der nach Rumänien zur Arbeit gekommen sei, „aufs Schärfste“, so Staatschef Nicusor Dan: „Er wurde geschlagen und gedemütigt, nur weil er nicht hier geboren wurde. Das ist nicht hinnehmbar“. In den letzten Wochen hätten sich leider die Stimmen gemehrt, die „zum Hass gegen Ausländer aufstacheln, und Worte haben reale, manchmal dramatische Konsequenzen.“
Nepali ins Koma geprügelt
Nepali ins Koma geprügelt
Noch immer ringt in einer Intensivstation in Cluj (Klausenburg) ein 30-jähriger Nepali um sein Leben, der vorige Woche von einem 18-jährigen Rumänen mit einem Holzstück ins Koma geprügelt worden war. Das Rumänien des Jahres 2025 habe alles, wovon frühere Generationen geträumt hätten, „und doch sind wir in unseren eigenen Vorurteilen gefangen geblieben“, klagt der Kolumnist des Webportals „republica.ro“: „Wir haben vergessen, dass Millionen unserer Landsleute zum Arbeiten nach Italien, Spanien oder Deutschland gegangen sind. Wir wissen, wie Verachtung schmerzt, doch wir geben sie selbst weiter. Wir hatten die Chance, besser zu sein. Aber wir haben sie nicht genutzt.“
Auf fünf bis sechs Millionen wird die Zahl der Rumänen geschätzt, die in den vergangenen drei Jahrzehnten ihr Glück in der Fremde suchten. Doch im Emigrationsland ist seit dem EU-Beitritt 2007 Arbeitskraft zunehmend knapp geworden – vakante Jobs vor allem auf dem Bau, in der Gastronomie und bei Kurierdiensten werden zunehmend mit Arbeitsimmigranten aus Asien besetzt. Wurden 2013 lediglich 5500 Arbeitsvisa für Nicht-EU-Bürger ausgestellt, ist deren Zahl mittlerweile auf 100 000 pro Jahr geklettert.
Vom Sorgenkind zum Wachstumstiger
In den 18 Jahren seit dem EU-Beitritt hat sich in Rumänien laut einem Bericht des Wirtschaftsportals „zf.ro“ das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verdreifacht, das durchschnittliche Nettogehalt vervierfacht und der Mindestlohn versechsfacht. Lag das BIP pro Kopf beim Beitritt 2007 noch bei rund 30 Prozent des EU-Mittels, rangiert Rumänien mit 80 Prozent heute auf demselben Niveau wie Polen und hat EU-Partner wie Ungarn und Kroatien (76 Prozent) überholt.
Vom Sorgenkind zum Wachstumstiger
Doch die Wandlung vom EU-Sorgenkind zum Wachstumstiger geht nicht problemlos über die Bühne. Nicht nur Rumänen im Ausland und in der Provinz fühlen sich als Wendeverlierer. Populistische Heilsbringer gewinnen auch in den Städten Zulauf: Bei der Präsidentschaftswahl im Frühjahr war mit AUR-Chef George Simion fast einem Ultranationalisten der Sprung an die Staatsspitze geglückt. Den Scharfmachern der AUR schreiben Kritiker eine Mitverantwortung für die plötzliche Mehrung fremdenfeindlicher Übergriffe zu. „Wacht auf und hören Sie auf, den Import von Arbeitskräften aus Afrika und Asien zu fördern!“, hatte AUR-Vizechef Dan Tanosa Mitte August per Facebook zu einem Boykott ausländischer Fahrradkuriere aufgerufen: „Lehnen Sie Bestellungen ab, wenn sie nicht von einem Rumänen geliefert werden.“
Aus „Worten sind Taten, aus Anstachelung ist Gewalt gegenüber ausländischen Arbeitnehmern geworden“, klagt das Webportal der Zeitung „Adevarul“: „Das Schlimmste ist, dass die Anstifter und öffentlichen Manipulatoren ungestraft davonkommen und nicht zur Rechenschaft gezogen werden.“