Das in der Heiligenmalerei verwendete Blattgold beschert keinen Reichtum, erfuhren FSJler in einem Online-Seminar Foto: oh

Vergangenheit trifft Zukunft: 22 Teilnehmer eines Freiwilligen Sozialen Jahres im Bereich Denkmalpflege absolvieren eine Seminarwoche. Coronabedingt geht das Programm im Online-Modus über die Bühne. Das hat beim Hantieren mit Knoblauchsaft auch Vorteile.

Esslingen - Ohne Knoblauchsaft und Bier geht gar nichts. Nicht nur als Genussmittel sind sie für viele unentbehrlich. Sie kommen auch in der Heiligenmalerei als Binde- und Klebemittel zum Einsatz. Das sei kein Hörfehler, betont Barbara Springmann und erklärt: Ikonendarstellungen seien etwas Heiliges. Da sollten keine synthetischen Stoffe verwendet werden. Möglichst natürliche Materialien würden die Reinheit der Bilder unterstreichen. Darum müssen ihre Zuhörer und Zuschauer an den Computerbildschirmen nun mit Bier und Knoblauchsaft hantieren. Virtuell gibt die freie Restauratorin aus Stuttgart im Online-Seminar ihr Wissen an 22 junge Erwachsene weiter, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Bereich Denkmalpflege absolvieren. Die meiste Zeit verbringen sie an ihren Einsatzstellen in ganz Baden-Württemberg. Doch sechs Mal im Jahr kommen sie zu Seminaren zusammen. Zwei dieser Workshops werden in Esslingen organisiert.

 

Mehr Bewerber als Stellen

Normalerweise gehen sie als Präsenzveranstaltungen über die Bühne. Aber Corona hat einmal mehr alle Pläne über den Haufen geworfen. Wegen steigender Inzidenzzahlen hat Bildungsreferent David Nonnenmann als Koordinator und Betreuer der FSJler die Seminarwoche in eine Online-Veranstaltung umgemodelt. Ein Teil des digitalen Programms ist der Kurs am Donnerstag von 9 bis 17 Uhr bei Barbara Springmann. Bier und Knoblauchsaft bilden also die Grundlage der gemeinsamen Arbeit. Die virtuellen Seminarteilnehmer haben diesen ungewöhnlichen Grundierungsmix auf Farbausdrucke von Heiligendarstellungen angebracht. Darauf kommt Blattgold, das mit einem Pinsel aufgetragen wird. Dieses Sturmgold hat Barbara Springmann den Teilnehmern vorab per Post versandt. Durchgebrannt ist damit keiner. Das seien ja keine wertvollen Goldbarren, stellt die Fachfrau klar, sondern hauchdünne Folien. Ein acht mal acht Zentimeter großes Blattgold-Blättchen sei gerade mal 1,50 Euro wert. Keine Summe, die redliche Charaktere in Versuchung führen könnte.

Blattgold ist kein Luxus

Für „seine FSJler“ legt David Nonnenmann ohnehin die Hand ins Feuer. Er kennt sie alle persönlich und besucht sie während ihres Freiwilligendienstes zwei Mal an ihren Einsatzstellen. 22 Plätze kann er pro Jahr für ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Denkmalpflege vergeben. Doch die Nachfrage, sagt er, ist drei- bis viermal so hoch. Außer der Altersbeschränkung von 16 bis 26 Jahren gibt es keinerlei Zugangsvoraussetzungen. Doch die meisten der jungen Erwachsenen sind zwischen 19 und 20 Jahre alt. Die FSJler kommen aus ganz Deutschland, aber auch internationale Bewerber aus anderen Ländern können zum Zug kommen. Ihre Einsatzstellen sind landesweit Museen, Ämter, kirchliche Einrichtungen oder Handwerksbetriebe, die mit Denkmalpflege zu tun haben. „Sie dürfen keine Fachkraft ersetzen, sollen aber aktiv und praktisch in den Arbeitsprozess miteingebunden werden. Das ist ein nicht immer einfaches Spannungsfeld“, erklärt David Nonnenmann. Etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Absolventen entscheiden sich später für eine Tätigkeit in diesem Berufsfeld.

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Leonie und Anna haben das vor. Sie sind online beim Kurs von Restauratorin Springmann mit dabei. Aber sie klinken sich kurz aus, um einen Erfahrungsbericht abzugeben. Leonie Dengler aus Sulz am Eck hat zwei Jahre Kunstgeschichte in Tübingen studiert. Doch die 20-Jährige hatte die reine Online-Wissensvermittlung in Coronazeiten satt und suchte Alternativen. Ein Studium im Bereich Restaurierung würde die junge Frau interessieren. Da dafür ein Praktikum nötig ist, bewarb sie sich für das FSJ. Anna Kallinger aus Esslingen könnte sich eine Arbeit im Bereich Architektur oder als Bauzeichnerin vorstellen, und die 18-Jährige wollte durch den Freiwilligendienst herausfinden, ob ihr eine solche Tätigkeit gefallen könnte. An ihrer gemeinsamen Einsatzstelle, einer Firma in Ebersbach-Roßwälden im Kreis Göppingen, fühlen sich beide Frauen wohl.

Persönlicher Kontakt fehlt allen

Mit der Seminarwoche im Online-Modus haben sie sich arrangiert. Sie hätte im Rahmen ihres Freiwilligendienstes ja schon zwei Präsenzveranstaltungen erleben dürfen und dabei ihre FSJ-Kollegen kennengelernt, meint Anna Kallinger. Das Ganze sei auch so organisiert, dass die Teilnehmenden nicht nur am Computer sitzen würden. Und Leonie Dengler ist froh über das abwechslungsreiche Programm der virtuellen Seminarwoche. Durch die Angebote würde sie über die Tätigkeit im Einsatzbetrieb hinaus praktische Erfahrungen sammeln können: „Das ist ganz was anderes als die tägliche Arbeit hier.“ Schade sei nur, dass persönliche Kontakte mit den anderen FSJlern im digitalen Modus nicht möglich seien. Da aber bei dem Kurs von Barbara Springmann mit Knoblauchsaft und Bier hantiert wurde, ist eine gewisse geruchssichere Distanz vielleicht kein Fehler.

Das FSJ in der Denkmalpflege

Die Organisation
Ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege startet am 1. September und endet im August des Folgejahres. Absolventen erhalten ein Taschengeld sowie Zuschüsse zu Verpflegung und eventuell zur Unterkunft. Die begleiteten Seminarwochen ergänzen die Arbeit im Einsatzbetrieb, gelten als Arbeitszeit und behandeln Schwerpunkte wie Baustilkunde, Archäologie, Lehmbau oder Schmieden.

Die Bewerbung
Die Bewerbungsfrist für ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Denkmalpflege mit Start im September 2022 ist laut David Nonnenmann gerade angelaufen. Interessenten können sich vorab online auf verschiedenen Seiten informieren. David Nonnenmann hat sein Büro im Technischen Rathaus in der Ritterstraße 17 in Esslingen. Er ist unter der Rufnummer 0711/35 12 21 41 und der E-Mail-Adresse fsj.denkmal.bw@ijgd.de zu erreichen.

Mehr unter unter www.denkmalschutz.de und www.ijgd.de