Meike Winnemuth lebt und reist mit kleinem Gepäck. Foto:  

Meike Winnemuth hat sich verkleinert: Die Autorin zog aus ihrer Fünfzimmerwohnung in ein 38-Quadratmeter-Apartment

Frau Winnemuth, kürzlich war Weihnachten. Was haben Sie mit den Geschenken gemacht?
Es gab keine. In meiner Familie und meinem Freundeskreis ist es seit Jahren Sitte, sich nichts Materielles mehr zu schenken. Stattdessen gibt’s Erlebnisse: gemeinsame Ausflüge, Reisen, Konzertbesuche oder Ähnliches. Das macht deutlich mehr Spaß, als irgendetwas­ ins Regal zu stellen.
Die Sache mit dem „Weniger ist mehr“ fing bei Ihnen mit einem blauen Kleid an.
Für mein Projekt „Das kleine Blaue“ habe ich ein Jahr lang jeden Tag das gleiche Kleid getragen. Aus hygienischen Gründen gab es drei identische Kleider. In dieser Zeit habe ich auf der Website daskleineblaue.de aus Spaß eine Art Nebenprojekt gemacht: die Aktion „Und Tschüs“.
Wem haben Sie da den Laufpass gegeben?
Ich habe mich jeden Tag von einem Ding in meinem Leben getrennt: weggeworfen, verschenkt. Das Teil wurde fotografiert. Dazu habe ich dann geschrieben, was es ist, warum es jetzt weg kann und wohin­ es geht.
Fiel Ihnen mancher Abschied schwer?
Nein, überhaupt nicht. Es ist erstaunlich, wie leicht das ist, wenn man erst mal angefangen hat. Man kommt in einen regelrechten Wegwerfrausch. Wenn man bedenkt, dass jeder durchschnittliche Haushalt aus mindestens 10 000 Dingen besteht, ist es erschreckend einfach, sich von 365 Objekten zu trennen.
Hatte das Experiment mit dem blauen Ganzjahres-Kleid Folgen?
Seit dieser Zeit trage ich nur noch blaue Kleidung: Dunkelblau als Basis, dann gibt es noch ein paar knallblaue und hellblaue Blusen zum Kombinieren. Ich muss nie wieder überlegen, was ich morgens anziehe. Alles passt zueinander.
Nachdem Sie 2010 in Günther Jauchs Quizshow „Wer wird Millionär?“ 500 000 Euro gewonnen haben, waren Sie auf Weltreise. Sie haben in zwölf Städten gewohnt – je einen Monat lang. Nach der Rückkehr erschien Ihnen Ihre Altbauwohnung zu groß. Wie das?
Wenn man ein Jahr lang aus dem Koffer lebt, ohne etwa zu vermissen, wird einem alles andere zu viel. So ging es mir zumindest.
Die entscheidende Veränderung war dann . . .
. . . dass ich von meiner 200 Quadratmeter großen Fünfzimmerwohnung in eine Einzimmerwohnung mit 38 Quadratmetern zog. Dort lebe ich jetzt seit drei Jahren – und das sehr, sehr glücklich.
Was durfte mit? Gab’s einen Grundsatz?
Es gibt ja das Prinzip, dass etwas entweder schön oder nützlich sein muss, idealerweise beides. Daran habe ich mich gehalten. Jedes einzelne Ding, das ich nun in meiner übrigens gar nicht spartanischen, sondern gemütlichen und kommoden Wohnung habe, mag ich richtig gern.
Vermissen Sie das Ausrangierte manchmal?
Nein, ich habe noch nie etwas vermisst oder gebraucht. Nicht einmal ein Buch, das ich erneut hätte lesen wollen. Es gibt ja noch so viel Ungelesenes und Neues. Es hat mich selbst erstaunt, wie wenig man benötigt.
Ausmisten ist das eine: Wie schaffen Sie es, dass sich die Dinge nicht erneut anhäufen?
Das Anhäufen passiert automatisch: Leute bringen etwas mit, schenken mir etwas, Bücher und Zeitschriften kommen dazu. Ich gehe alle zwei, drei Monate mit scharfem Blick durch meine Wohnung und miste aus. Bücher werden dann verschenkt oder übers Internet verkauft. Habe ich eine Zeitschrift auch nach Wochen nicht gelesen, wandert sie ins Altpapier. Ich bin auch mir selbst gegenüber konsequenter geworden und bescheiße mich nicht mehr so sehr.
Wenig zu besitzen, über Teil- und Leihsysteme jedoch alles auf Zeit haben zu können – ist das eine Option?
Das ist eine Option. Eine Zeit lang habe ich mich mit Sharing-Autos durch die Gegend bewegt. Da ich mitten in Hamburg wohne, kann ich das meiste ohnehin zu Fuß machen. Jetzt habe ich einen Hund, und da ist ein eigener Wagen doch angenehmer.
Macht Verzicht erst Spaß, wenn man zuvor im Überfluss gelebt hat?
Auf jeden Fall. Die meisten Menschen auf der Welt – ich schätze mal 95 Prozent – hätten gern das Luxusproblem, sich von zu vielen Dingen trennen zu wollen oder zu sollen. Das ist mir spätestens durch meine Weltreise bewusst geworden – ob im indischen Mumbai oder in Addis Abeba in Äthiopien, wo ich jeweils einen Monat gelebt habe. Man wird dankbarer und zugleich kritischer mit den eigenen Besitztümern.
Spielen in Ihrem Reduzierungsprojekt ökologische oder soziale Überlegungen eine Rolle?
Nein. Ich möchte kein Guru einer Reduzierungsbewegung sein und habe keinerlei Bedürfnis­ nach Bekehrung anderer. Ich halte es prinzipiell für schwierig, andere zu ihrem Lebensglück nötigen zu wollen. Das geht selten gut.
Nachahmer gibt es aber.
Viele sagen: „Ich habe gelesen, was du machst, und jetzt probiere ich das auch mal.“ Die wichtigste, auch luxuriöseste Frage, die sich ein Mensch stellen kann – und die ich tatsächlich jedem nahelege – ist: Wie will ich leben? Im Unterschied zu: Wie soll ich leben­ wollen? Noch immer orientieren sich ja die Leute an gesellschaftlichen Vorgaben, an Erwartungen anderer. Wenn die Antwort dann ist, dass einer goldene Wasserhähne möchte, weil ihn das glücklich macht: fein. Auch das ist völlig legitim.
Wie sind die Reaktionen auf Ihren Befreiungsschlag vom Zuviel?
Leute, die mich kennen, wissen, dass ich gerne mit meinem Leben herumexperimentiere und Selbstversuche mache, um etwas am eigenen Leib herauszufinden. Insofern hat da niemand groß die Augenbrauen gehoben.
Und der Gewinn Ihrer Reduktion? Weniger Dinge, dafür neue Erfahrungen?
Ja, ich versuche, mir mehr Freiraum zu verschaffen, auch in gedanklicher Hinsicht. Dadurch, dass ich nur noch eine kleine Wohnung zu finanzieren habe, bin ich auch freier in der Entscheidung, wie viel ich arbeiten will. Ich muss nicht mehr jeden Auftrag annehmen und schreibe nur noch über Themen, zu denen ich etwas zu sagen habe. Diese Freiheit ist mir sehr kostbar geworden.
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