Hannah Lange fliegt Anfang August nach Indien, lebt dort ein Jahr in einem Dorf im Bundesstaat Rajasthan Foto: Jan Reich

Den Schulabschluss in der Tasche und dann erst Mal weg: Viele Schulabgänger träumen von einer Zeit der Freiheit nach der Schule. Hannah Lange erfüllt sich den Traum, reist nach dem Abitur am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium für ein Jahr nach Indien.

Stuttgart - Hannah ist es fast peinlich, nach ihrem Notendurchschnitt gefragt zu werden. Nicht weil er schlecht, sondern weil er so gut ist: eine glatte 1,0. Damit könnte die 18-Jährige so ziemlich alles studieren, worauf sie Lust hat. Hat sie aber nicht – jedenfalls jetzt noch nicht: „Ich wollte nach dem Abitur schon immer am liebsten reisen“, sagt die 18-Jährige. Anfang August fliegt sie nach Indien, lebt dort ein Jahr in Setrawa, einem Dorf in dem sehr konservativen Bundesstaat Rajasthan.

„Ich bin zufällig im Internet auf die Seite von Volunta gestoßen und dort unter dem Link „weltwärts“ auf einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst, der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ins Leben gerufen worden ist“, sagt Hannah. Volunta sitzt in Hessen und wird vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) getragen. Das Projekt „Woman Empowerment“, ein Förderprojekt für Frauen, von der indischen Organisation Sambali-Trust hat sich für Hannah besonders spannend angehört. „Die Mädchen und Frauen in Setrawa sollen in die Lage versetzt werden, selbstbestimmter zu leben und sich selbst mehr wertzuschätzen “, sagt Hannah.

Zurück geht das Projekt auf einen wohlhabenden Inder, dem nach dem Tod seines Vaters bewusst wurde, wie schwer es Mädchen, Frauen und vor allem verwitwete Frauen aus niederen Schichte in Indien haben. Hannahs Aufgabe wird es sein, gemeinsam mit anderen Freiwilligen die Dorfbewohnerinnen in Englisch und Rechnen zu unterrichten, sie über Körperpflege aufzuklären und Workshops anzubieten, in den sie etwas über andere Kulturen erfahren. „Noch immer sind viele Inderinnen Analphabetinnen“, weiß Hannah. Aber es geht auch darum, mit den Mädchen und Frauen das Nein-Sagen zu trainieren und ihnen Strategien der Selbstverteidigung beizubringen. „Es ist erschreckend, wie viele Inderinnen vergewaltigt werden“, sagt Hannah.

Ob sie selbst Angst vor dem Sprung ins kalte Wasser hat? Davor, dass sie nicht klar kommt in der fremden Kultur? Die Abiturientin zuckt die Schultern, gesteht: „Ein bisschen mulmig ist mir schon. Aber ich bin ja nicht allein. Sechs weitere Freiwillige gehen ebenfalls nach Rajasthan. Eine lebt sogar im gleichen Dorf, bei der selben Familie wie ich. Wir teilen uns sogar ein Zimmer .“

Ganz ins kalte Wasser springt die 18-Jährige nicht: Sie war schon zwei Wochen im Schüleraustausch in Mumbai. Ihr Opa hat in Indien für Brot für die Welt ein Krankenhaus mit aufgebaut, ihre Mutter ist in jungen Jahren durch Indien gereist und ihr Vater hat zehn Jahre in Pakistan gelebt. „Da steckt die Liebe zum Land in den Genen“, vermutet sie lachend. Klar, ihre Eltern machen sich mit jedem Tag, den die Abreise näher rückt, mehr Sorgen. Aber sie stehen hinter den Plänen der Tochter. Einen Vorbereitungskurs hat die Abiturientin bereits absolviert. Dort wurde sie darauf hingewiesen, zum Beispiel keinen Kontakt zu Männern zu suchen, da das missverstanden werden könnte.

Die Koffer sind zwar noch nicht gepackt, doch das Reisefieber hat sich schon eingestellt. „Aber ob ich mich an die indische Dusche, die aus einem Eimer Wasser besteht, gewöhnen werde? Das weiß ich nicht“, gesteht sie. Und Heimweh? „Das werde ich bestimmt bekommen“, weiß Hannah schon jetzt. Denn sie war noch nie lange weg von ihrer Familie.

Neugierig, wie es Hannah in Indien ergeht? Im Blog schreibt sie Tagebuch, nachzulesen unter: www.hannah-in-setrawa.auslandsblog.de. Dort steht auch die Nummer für ein Spendenkonto: Mit den Spenden soll der Auslandsaufenthalt der Freiwilligen mit finanziert werden.

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