Günstig mit dem Sozialticket Stadtbahn fahren und keine Kindergartengebühr zahlen: die Bonuscard + Kultur ist seit der Einführung immer attraktiver geworden. Foto: dpa

Die Zahl der Bonuscards in Stuttgart hat die 80 000er-Marke gerissen. Vor allem 2015 , nach der Einführung des Sozialtickets, hat es einen signifikanten Anstieg gegeben. Ab 2017 wird der Zugang zur Bonuscard an den Sozialleistungsbezug gekoppelt.

Stuttgart - Die Zahl der Bonuscardempfänger hat in Stuttgart einen Rekordstand erreicht: Laut Sozialamt besitzen aktuell mehr als 80 000 Stuttgarter eine Bonuscard + Kultur. Das sind so viele wie noch nie. 2006, vor zehn Jahren, waren es mit 42 000 fast halb so viele, damals gab es noch nicht den Zusatz plus Kultur. Seit 2009 herrschtesechs Jahre lang Stabilitätmit immer rund 65 000 bis 68 000 Bonuscards. Doch im vergangenen Jahr sind die Anträge in die Höhe geschnellt. 67 809 Inhaber waren es zu Jahresbeginn, 77 763 Ende Dezember. 2016 hat sich diese Entwicklung fortgesetzt. Flüchtlinge seien für einen Teil des Anstiegs verantwortlich (sie sind seit 2009 Bonuscardberechtigt), aber nur für einen Teil, berichtet die für Sozialleistungen zuständige Abteilungsleiterin im Sozialamt, Susanne Lechler.

Die Stadt macht vor allem die Attraktivitätssteigerung der Bonuscard durch das Sozialticket für den Anstieg verantwortlich. Das Sozialticket wurde zum 1. Januar 2015 eingeführt. Bonuscard-Inhaber erhalten einen 50-prozentrigen Zuschuss für die Innenstadtzonen 10 und 20. Infolgedessen haben laut einer Gemeinderatsvorlage auch Berechtigte eine Bonuscard beantragt, die dies zuvor nicht getan hätten. Die finanziellen Folgen des Booms sind beachtlich. Die Stadt hatte mit der VVS einen Deckel für das Sozialticket vereinbart. „Der wurde ausgeschöpft“, sagt Susanne Lechler. Mit 2,7 Millionen Euro hatte die Stadt an Mehrkosten wegen des Sozialtickets geplant, es wurden 4,9 Millionen. Wegen der Preissteigerungen wird der Deckel für 2016 angehoben. Außerdem wird der Erhalt der Bonuscard von 2017 an beschränkt.

Erhalt wird an Bezug von Sozialleistungen gekoppelt

Der Erhalt der Bonuscard + Kultur wird in Zukunft an den tatsächlichen Bezug von Sozialleistungen gekoppelt, so steht es in einem Brief der Stadt, den diese Mitte Mai an einige Tausend Haushalte verschickt hat. Er geht auf einen einstimmigen Gemeinderatsbeschluss zum Doppelhaushalt zurück. Betroffen sind die sogenannten Schwellenhaushalte, deren Mitglieder die Bonuscard bekommen, ohne Sozialleistungen zu beziehen: Es reicht, nachzuweisen, dass man unter einer gewissen Einkommensgrenze liegt, die tatsächlichen Belastungen (Miethöhe/Immobilienbesitz) sind nicht relevant. Auch Familien mit mindestens fünf Kindern zählen zu den Schwellenhaushalten, sie erhielten die Bonuscard bisher einkommensunabhängig. In dem Brief wird den Betroffenen nahelegt, Wohngeld zu beantragen (siehe Infobox).

Zum 1. Januar haben sich die Bedingungen geändert, sodass deutlich mehr Personen wohngeldberechtigt sind als zuvor. Gut möglich also, dass die Mehrheit der Schwellenhaushalte – 2015 gab es von diesen 4635, in denen 11 751 Personen lebten – nun wohngeldberechtigt ist und auf diesem Weg die Bonuscard erhalten kann. Wer ein geringes Einkommen, jedoch keine finanziellen Belastungen hat, fällt in Zukunft raus. Hinzu kommen die gut verdienenden Großfamilien, die ebenfalls auf die Bonuscard werden verzichten müssen. „Wir können die Entscheidung nicht nachvollziehen, ausgerecht Großfamilien nicht mehr zu unterstützen und das in der hochgelobten kinderfreundlichen Stadt Stuttgart“, haben betroffene Eltern anonym an unsere Zeitung geschrieben. „Das sind doch die Familien, die auf jeden Fall unterstützungs- und förderungswürdig sind“, schreiben sie.

Familiencard bekommen Familien ab dem vierten Kind ohne Einkommensnachweis

Finanziell ändert sich für die Großfamilien tatsächlich einiges: mit Bonuscard fallen die Kitagebühren weg, was mehrere Tausend Euro im Jahr ausmachen kann. Auch das Sozialticket bedeutet eine deutliche Ersparnis. Wer fünf Kinder oder mehr habe und diese in eine teurere Privatkita, zum Beispiel eine anthroposophische Einrichtung gebe, bekomme die Kosten bisher komplett vom Jugendamt ersetzt, so Lechler. Die Stadt habe deshalb nicht nur Mindereinnahmen wegen der derzeitigen Regelung, sondern auch Mehrausgaben, erklärt die Abteilungsleiterin, die betont, dass die Bonuscard eine Freiwilligkeitsleistung ist und dass Stuttgart die Bedürftigkeit weiterhin vergleichsweise großzügig auslege, weil sogar der Wohngeldbezug als Voraussetzung ausreicht. Familien würden zudem weiter mit der Familiencard unter stützt: Ab vier Kindern wird diese einkommensunabhängig vergeben. Die Kita- und die Musikschulgebühren reduzieren sich mit der Familiencard, zudem gibt es 70 Euro pro Kind für Unternehmungen in Museen, der Wilhelma, den Bädern. „Es ist richtig, die Bonuscard auf Bedürftige zu beschränken“, meint Susanne Lechler.

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