Tübinger Lehrerinnen und Lehrer üben an sogenannten Phantomen die Wiederbelebung. Dieses Wissen sollen sie im Unterricht an Kollegen und Schüler weitergeben Foto: DRK Tübingen

Nur jeder Fünfte, der in Deutschland einen Herzstillstand erleidet, bekommt sofort Hilfe von anderen. Kultusministerium und Rotes Kreuz wollen deshalb die Wiederbelebung an Schulen zum Thema machen. Bisher sind 1400 Lehrer mit von der Partie.

Stuttgart/Tübingen - Im Saal des Tübinger Kreisverbands des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) bietet sich ein ungewöhnliches Bild: 50 Lehrer sitzen auf der Schulbank und lassen sich unterrichten. Vorne stehen Ärzte und Vertreter des DRK. Der Rollenwechsel hat einen guten Grund. Denn die Lehrer sollen an diesem Tag etwas über Wiederbelebung lernen. Und die neu erworbenen Kenntnisse später an ihre Klassen und Kollegen an den weiterführenden Schulen im Land weitergeben.

„In Deutschland gibt es jedes Jahr etwa 100 000 Herz-Kreislauf-Stillstände“, sagt DRK-Schulkoordinator Jovin Bürchner. Bei den Überlebenschancen sei Deutschland aber europaweit Vorletzter hinter Rumänien. „Das liegt oft daran, dass derjenige, der direkt daneben steht, nichts tut. Weil er es eklig findet oder glaubt, das würden schon andere erledigen. Es gibt 1000 Gründe“, so Bürchner. Dementsprechend werde nur jedem fünften Betroffenen durch Umstehende geholfen.

Wenn Bürchner selbst an Schulen geht, macht er den Kindern dieses Problem auf anschauliche Weise klar. Er teilt die Klassen im Schulhof auf. Ein Fünftel wird separiert. Dem großen Rest sagt er: „Ihr seid diejenigen, die im Stich gelassen werden.“ Spätestens dann ist jedem klar, wie wichtig es ist einzuschreiten. Und weil man dabei nicht zu viel verlangen kann, beschränkt man sich beim Projekt auf das Wesentliche: zuerst die Person ansprechen. Wenn sie offenkundig Hilfe braucht, die 112 anrufen – und dann mit der Herzdruckmassage beginnen. 100-mal pro Minute den Brustkorb mit beiden Händen tief eindrücken, entsprechend dem Takt des Liedes „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees. Und das so lange, bis professionelle Hilfe kommt. Vereinfachte Laienreanimation nennt sich das: prüfen, rufen, drücken.

Ziel: Alle weiterführenden Schulen erreichen

Im September 2015 haben das DRK, das Kultusministerium, die Stiftung Deutsche Anästhesiologie, der Sparkassenverband und Laerdal Medical daraus ein offizielles Projekt gemacht. Mittlerweile ist es auf fünf Jahre angelegt und mit einer Millionensumme ausgestattet. Unter dem Motto „Löwen retten Leben“ sollen in dieser Zeit möglichst alle 1530 weiterführenden Schulen im Land erreicht werden.

„Wir wollen etwas verändern und Leben retten“, sagt Bürchner. Dafür werden reihum in den Land- und Stadtkreisen Schulungen für Lehrer angeboten. Ziel ist, dass jede Schule zwei Lehrkräfte schickt, die dann auch weitere Kollegen einbeziehen sollen. „Alle kommen freiwillig. Deshalb setzen sie das Gelernte auch gut um“, so Bürchner. Bis heute haben 1391 Lehrer aus 784 Schulen teilgenommen.

Im Kultusministerium geht man davon aus, dass das Projekt in der bestehenden Form einzigartig in Deutschland ist. „Baden-Württemberg übernimmt als Flächenland mit der nachhaltigen Umsetzung des Themas an Schulen eine Vorreiterrolle“, sagt eine Sprecherin. Nach und nach entdecken aber weitere Länder die Problematik für sich. So gibt es zum Beispiel in Sachsen seit Januar die ganz ähnliche Aktion „Schüler retten Leben“, bei der Kinder von der 7. Jahrgangsstufe an in Laienreanimation unterrichtet werden. In Baden-Württemberg kommen noch ergänzende Initiativen hinzu. So geht die Björn-Steiger-Stiftung bereits seit 2009 in einigen Bundesländern und seit 2014 im Südwesten an Schulen, um Wiederbelebung zu zeigen, und verteilt dabei auch Defibrillatoren.

Kultusminister wollen feste Verankerung im Lehrplan

Die Kultusministerkonferenz hat 2014 ­sogar empfohlen, von der 7. Klasse an zwei Unterrichtsstunden pro Jahr für die Wiederbelebung fest im Lehrplan zu verankern. Das allerdings ist noch nicht flächendeckend passiert. Das Kultusministerium Baden-Württemberg weist darauf hin, die Thematik sei über den Punkt „Prävention und Gesundheitsförderung“ im Bildungsplan verankert, zudem könnten die Schulen sie auf eigener Basis aufgreifen. In den Grundschulen laufe außerdem das Juniorhelferprogramm des DRK an, das über kurz oder lang ebenfalls flächendeckend angeboten werden solle.

Die Lehrer in Tübingen sind mittlerweile fleißig bei der Sache. Und kommen ins Schwitzen. Vor ihnen liegen sogenannte Übungsphantome, die sie später inklusive Unterrichtsmaterial auch für ihre Schulen bekommen. An den Figuren können sie die Wiederbelebung üben. 100-mal pro Minute drücken, das geht ans Eingemachte. Und kann Leben retten. Getreu dem guten alten Bee-Gees-Lied: „Stayin’ Alive.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: