Wegen der Nationalfeiertage am 17. und 18. September werden Tänze eingeübt. Foto: Jasmin Föhner

Ein ganzes Jahr lang hilft Jasmin Föhner aus Möhringen an einer Schule im Armenviertel von Santiago de Chile. Regelmäßig berichtet sie über ihre Erlebnisse in dem südamerikanischen Land. Gleich zu Beginn ihres Aufenthalts gab es ein Erdbeben.

Möhringen/Santiago de Chile - Am 10. August ging es für mich von Frankfurt nach Santiago de Chile zum Freiwilligendienst in der Schule Belén O´Higgins in Santiago.

Ich wohnte gleich von Anfang an mit meinen drei Mitfreiwilligen in unserer Wohngemeinschaft – einer Art Bungalow mit drei Schlafzimmern. Ich musste mich erst an die einfachen Verhältnisse gewöhnen. Keine Spülmaschine, Warmwasser aus dem Boiler zum Anzünden, eine Waschmaschine mit kaltem Wasser, keine Heizung bei elf Grad Celsius im Haus und so weiter. Mit einer Kollegin teile ich mir ein Zimmer.

In der WG haben wir auch schon viel erlebt: zwei Tage Stromausfall, am Morgen kein Feuerzeug, um den Gasherd und Boiler anzuzünden, oder von unserem WG-Hund aufgerissene Mülltüten, deren Inhalt über den ganzen Hof verteilt war. Am 16. September erlebten wir unser erstes großes Erdbeben, was für mich sehr interessant war und trotz einer Stärke von 8,4 auf der Richterskala glücklicherweise noch einmal relativ harmlos verlief.

Jasmin Föhner Foto: z

Das Schönste an Santiago sind mit Sicherheit die Anden, die man von fast überall sehen kann – auch von unserem Haus aus. Wir sind jeden Tag aufs Neue beeindruckt und fasziniert.

Die Menschen in Chile sind sehr nett, offen und hilfsbereit. Nur die Verständigung fiel mir am Anfang etwas schwer, denn das Spanisch wird sehr undeutlich ausgesprochen und die Chilenen verwenden viele sogenannte Chilenismen, sodass es schon fast wieder eine eigene Sprache ist. Doch es wird mit jedem Tag ein bisschen besser.

Ich arbeite in einer evangelischen Schule. Diese heißt Belén o Higgins. Dort unterstütze ich die Klassenlehrerin in der vierten Klasse und fungiere als Assistentin. Ich helfe dabei, in der sehr großen Klasse – es sind 35 Kinder – für Ruhe zu sorgen. Ich erkläre den Schülern die Aufgaben, bin Trösterin, Zuhörerin und Spielkameradin.

Die Kinder stammen aus ärmlichen Verhältnissen

In meiner Klasse fühle ich mich von den Kindern richtig gut angenommen und habe schon viele schöne Momente erlebt. Wie zum Beispiel am Geburtstag eines Schülers, dem ich gleich am Eingangstor gratulierte. Später umarmte er mich und sagte, dass ich die dritte Person gewesen sei, die an seinen Geburtstag gedacht habe. Die Kinder sind alle sehr herzlich und aufgeschlossen, jedes Kind begrüßt einen am Morgen mit einem „Hola Tía“ (auf Deutsch Hallo Tante). In meinen ersten zwei Wochen ging es in der Schule ziemlich fröhlich zu, weil in jeder freien Minute ein nationaler Gruppentanz anlässlich der Fiestas Patrias (Nationalfeiertage) am 17. und 18. September geübt wurde, und so ständig Musik über den Innenhof tönte. So fand auch ein Tanzwettbewerb im nationalen Paartanz Cueca zwischen mehreren Schulen statt und eine Tanzvorführung der Gruppentänze für die Eltern.

Montags ist immer ein sogenannter Acto Civico, wo zunächst die Nationalhymne gesungen wird, es Ankündigungen und eine kleine Predigt gibt. Die Schule geht jeden Tag von 8.30 Uhr bis 15.45 Uhr, außer freitags, da ist schon früher Schluss. Die Schule Belén O´Higgins bietet den Kindern, die aus Familien der Unterschicht stammen, so viel sie kann: kostenloses Frühstück und Mittagessen, Arbeitsgruppen und jeden Freitag werden Grundnahrungsmittel und Geld für die ärmsten Familien der Schule gesammelt.

Es gibt eine Schulpsychologin und Sonderpädagogen

Immer wieder gibt es Kleidermärkte für die Familien der Schule, wo die Kleidung sehr günstig verkauft wird. An Weihnachten bekommen die Kinder Päckchen von der deutschen Schule in Santiago de Chile und im Winter warme Schals, Mützen und Decken. Die Lehrer sind alle unglaublich nett zu den Kindern und zusätzlich zu den Lehrern gibt es noch eine Schulpsychologin und ausgebildete Sonderpädagogen für die Inklusionskinder an der Schule.

Ich fühle mich rundum wohl und bin dankbar, dass ich hier sein darf und für die vielen Erfahrungen und Eindrücke, die ich jetzt schon sammeln konnte.

Jasmin Föhner
absolviert seit August 2015 einen zwölfmonatigen Freiwilligendienst in Chile. Die 19-jährige Möhringerin arbeitet in der Schule Belén o Higgins in der Hauptstadt Santiago de Chile mit. Diese gehört zu den diakonischen Projekten der Versöhnungsgemeinde der Iglesia Evangélica Luteran in Chile. Entsendet wurde Föhner vom evangelischen Gustav-Adolf-Werk im Rahmen des Weltwärts-Programms des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In regelmäßigen Abständen berichtet sie in der Filder-Zeitung von ihren Erlebnissen in dem südamerikanischen Land.

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