Die Gartenwirtschaft des Ratskellers im Jahr 1910. Foto: muse-o

Es soll Leute geben, die die Stuttgarter für verhockt halten. Das mag sein. Doch immerhin hocken die Stuttgarter draußen, solange das Wetter es erlaubt. Und das nicht erst seit Weindorf ist.

Im Freien sitzen hat in Stuttgart Tradition. Gemeint ist an dieser Stelle nicht die schlimme Situation vor der Ausländerbehörde in der Eberhardstraße, sondern das vergnügliche Draußenhocken in der Freiluftgastronomie. Im Nachgang zum schönen Spätsommerwetter darf an eine diesbezügliche Rechercheleistung des rührigen Museumsvereins Ost ( Muse-o) erinnert werden.

 

Im vergangenen August zeigte der Verein im Alten Schulhaus in Gablenberg die Ausstellung „Draußenhocker. 300 Jahre Gartenwirtschaften in Stuttgart“ – einen historischen Streifzug durch Stuttgarter Freiluftlokale. Der Historiker Ulrich Gohl, der die Schau aus rund 200 „Draußensitzbildern“ komponierte, hatte herausgefunden, dass in Stuttgart auch schon früher eine „fast durchgehende Freiluftbegeisterung herrschte“. Beginnend im 18. Jahrhundert, als zum Missfallen der Geistlichkeit die ersten Gartenlokale aufblühten: „eines auf dem Bollwerk und eines vor dem Esslinger Tor“.

Das gemütliche Draußensitzen kommt nicht aus dem Süden

In den 1780er Jahren strömten die Stuttgarter auf den Weißenhof, wo der Bäckermeister Georg Philipp Weiß eine Gaststätte mit großem Außenbereich betrieb. So ging das weiter: Auf dem Reinsburghügel entstand eine Weinstube mit Außengastro – die Silberburg. An der oberen Heusteig eröffnete die Stitzenburg, an der Pragkreuzung das Pragwirtshaus und in der Seidenstraße die Gartenwirtschaft Zur Kelter.

Das alles deutet nicht auf Stubenhocker hin. Gohl widerspricht daher auch der landläufigen Annahme, die Stuttgarter hätten das gemütliche Draußensitzen erst in den späten 1950er- und 1960er-Jahren von den „Gastarbeitern“ gelernt oder aus dem Italienurlaub mitgebracht: „Das ist ebenso oft wiederholt wie falsch“, betont er.

„Auch das weibliche Geschlecht besucht solche Orte“

Eine Blütezeit erlebte die Freiluftgastronomie nach Gohls Worten zwischen 1850 und 1914, als sich Stuttgart zur Großstadt entwickelte. Es entstanden Gartenwirtschaften, Ausflugsgaststätten, Brauereigärten und Vereinsheime. Männer und Frauen fühlten sich gleichermaßen angesprochen. Auch früher schon. Gohl zitiert den Stuttgarter Pädagogen und Historiker Karl Pfaff (1795-1866) mit den Worten: „Was früher für einen argen Verstoß gegen die gute Sitte gegolten hätte, ist jetzt schon Gewohnheit geworden, auch das weibliche Geschlecht besucht solche Orte“ – nämlich die Biergärten, die allerdings erst seit den 1980er Jahren in Stuttgart so hießen. Da saßen die Damen laut Pfaff dann, „Strickzeug oder Nähterei in der Hand, frische Luft genießend und etwas Bier nippend.“

Ein weiteres Zitat verdeutlicht die ausgeprägte, ganz und gar unpietistische Lust der Stuttgarter am Draußenhocken. So notierte der Volksdichter Eduard Paulus (1937-1907): „An den Bergen hangen Gärten, / Blechmusik durchdröhnt die Nacht, / Und hier sitzt der Kern des Volkes. / Und benebelt sich mit Macht.“ Es muss also ganz schön was los gewesen sein ringsum den Kessel und auch mittendrin. 1914 wurden nach den Recherchen Gohls im Bereich der heutigen Innenstadtbezirke 41 Freiluftlokale gezählt. Auch im Schlossgarten hat laut Gohl damals bereits eine Außengastro existiert: das Orangeriecafé – 100 Jahre vor den in diesem Sommer eröffneten Theater-Terrassen.

Palmen vor dem Rathaus

Anhand alter Fotografien verdeutlicht Gohl, was er meint, wenn er von „einer ausgeprägten Stuttgarter Freiluft-Kultur“ spricht, die erst im Ersten Weltkrieg zerbrach und dann bis in die 1950er Jahre brauchte, um sich wieder zu entwickeln. Ein Foto zeigt das Straßencafé des Schlossgarten-Restaurants im Jahr 1927, eine anderes die sogenannte Siechen-Bierstube bei der Ruine des Neuen Schlosses im Jahr 1956.

Auf einem dritten Bild ist die Gartenwirtschaft des Ratskellers im Jahr 1910 vor dem später im Krieg zerstörten Rathaus zu sehen – mit weißen Tischtüchern und Kübel-Palmen. Im Außenbereich stand damals auch ein Klavier. Im Sommer wurde zudem der Innenhof des Rathauses bewirtschaftet, dort, wo heute städtische Fahrzeuge stehen. Die Stadt darf dieses Foto gerne als zeitlose Anregung verstehen.