Spielfreudig: Martina Lechner als Amneris Foto: Ufuk Arslan

Die Freilichtspiele in Schwäbisch Hall zeigen das Disney-Musical „Aida“ mit Musik von Elton John und Texten von Tim Rice. Beim Bühnenbild wird geklotzt, nicht gekleckert. Bleiben die Songs des britischen Popstars im Ohr?

Schwäbisch Hall - Eine gewaltige, in Gold getauchte Pyramide beherrscht die Stufen der Großen Treppe vor der Kirche St. Michael in Schwäbisch Hall. Acht Meter lang, vier Meter hoch und begehbar ist dieser Koloss. Den optischen Gegenpol bilden wie von Riesenhand hingeworfene (Pappmaché-)Felsen auf der anderen Seite. Merke: Bei der Neuproduktion „Elton John und Tim Rice’s Aida“, die jetzt bei den Freilichtspielen Premiere hatte, wird geklotzt, nicht gekleckert.

Wie schon bei Giuseppe Verdi vor bald 150 Jahren dreht es sich auch im Disney-Musical um das Schicksal des nubischen Sklavenmädchens Aida, das den ägyptischen Krieger Radames liebt, der seinerseits der Pharaonentochter Amneris versprochen ist. Da eine solche Dreieckskonstellation nicht mal in der Disneyschen Zuckerzauberwelt gut ausgehen kann, haben sich die Macher eine versöhnliche Rahmenhandlung ausgedacht. Zum Auftakt des Musicals stürmt eine Gruppe Touristen in ein ägyptisches Museum. Just dort treffen sich am Ende Aida und Radames in heutiger Kleidung und bei bester Gesundheit wieder. Die tröstliche Botschaft: Liebe besiegt die Zeit.

Dazwischen liegen gut zwei Stunden Musiktheater, das mit allertiefsten Gefühlen und allergrößten Gesten zumindest einem Musical-affinen Publikum Tränen in die Augen treiben kann. Ein Hauch von Stage-Palladium-Theater weht über der Treppe, auf der sich Kimberly Thompson als stimmlich sehr dramatische, ansonsten allzu statisch agierende Aida und die überaus spielfreudige, mit komischem Talent gesegnete Martina Lechner (Amneris) gegenüberstehen. Da mag sich Rupert Markthaler (Radames) nur so die Seele aus dem Leib brüllen: Den beiden Frauen gegenüber bleibt er insgesamt blass.

Krieger in Sado-Maso-Outfits

Die Bühnenbildnerin Kati Kolb, auch für die Kostüme verantwortlich, hat sich für simple Schwarzweiß-Optik entschieden. Die Nubier als tapfere Widerstandskämpfer sind in helle, weit schwingende Gewänder gehüllt. Die Krieger hat sie in eine Art Sado-Maso-Outfit aus schwarzem Leder gezwängt, was nicht jeder Darsteller figürlich einlösen kann. Die ägyptischen Herrscher tragen dunkle, bodenlange Kutten. Üppige Massenszenen sind mit einem zehnköpfigen Ensemble kaum zu bewerkstelligen; ein wenig mehr Choreografie, etwas mehr Bewegung hätte dem Geschehen trotzdem gutgetan. Christopher Tölle (Regie und Choreografie) setzt wenig Akzente, lässt die Handlung über weite Strecken dahinplätschern. Positive Ausnahme ist etwa ein Tanz im Lager der Nubier, bei dem die Sklaven aufbegehren und Aida anflehen, sie zu führen.

Auch die Musik des britischen Komponisten Elton John, dessen Bekanntheitsgrad dank Kinofilm und Abschiedstournee seinen Höhepunkt erreicht haben sollte, trägt trotz des toll aufspielenden zehnköpfigen Orchesters unter der Leitung von Heiko Lippmann nicht. Von Elton-John-Schnulzen-Sound keine Spur, kaum eine Melodie der gefühligen Rock-Pop-Songs bleibt im Ohr, die banalen deutschen Songtexte (Michael Kunze) ohnehin nicht. In Erinnerung ist vielleicht noch die Szene mit dem Song „Wie Vater, so Sohn“, in der sich Radames und Zoser (herrlich böse: Andrea Matthias Pagani) in einem heftigen Disput umkreisen.

Die dicken Decken im Gepäck der Zuschauer am Eröffnungswochenende wollen nicht so recht zur Reise nach Ägypten passen. Nun, das Wetter liegt nicht in der Entscheidungsgewalt der Schauspielleitung. Das Disney-Musical auf die Große Treppe zu bringen schon. Solche Retorten-Stücke tragen nicht zur Bildung einer Haller Theaterhandschrift bei.

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