Noch ist er ein stolzer Lebemann: Gunter Heun (re.) als Jedermann auf der Großen Treppe in Schwäbisch Hall Foto: Ufuk Arslan

Der Intendant Christian Doll inszeniert das Traditionsstück „Jedermann“ auf der Großen Treppe in Schwäbisch Hall und zeigt eine eindrückliche, heutige Interpretation des Stoffs.

Schwäbisch Hall - Was bedeutet das Leben angesichts des bevorstehenden Sterbens? Eine Frage, die sich am Ende nicht nur der „Jedermann“ stellt, der mal wieder in Schwäbisch Hall auf der Treppe gezeigt wird. 1925 haben die Freilichtspiele als „Jedermann-Festspiele“ begonnen. Lange Jahre wurde hier ausschließlich das „Spiel vom Sterben des Reichen Mannes“ gegeben. Bis heute hat jeder der Haller Intendanten (in den Jahren 1926 bis 1938 war es eine Frau, Else Rassow) dem Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal die Referenz erwiesen. Jetzt auch Christian Doll.

Dessen Inszenierung beginnt mit dem Ende: Unglück, Bruchlandung, Absturz. Auf den Stufen liegen Wrackteile eines Kleinflugzeugs verteilt. Gott der Herr (ganz in Weiß die betagte, kleine Christine Dorner) ist verärgert darüber, dass die Menschen ihn missachten und schickt den Tod (ganz in Schwarz der groß gewachsene Stefan Lorch). Er möge ihm den Jedermann bringen, an dem er ein Exempel statuieren will. Währenddessen liegt dieser, grotesk verzerrt, neben dem Cockpit auf dem blanken Stein. Dann kommt ganz schön viel Leben in den Haller „Jedermann“.

Glaube an die Macht des Geldes

Gunter Heun ist der vom festen Glauben an die Macht des Geldes beherrschte Lebemann. In Alltagskleidung (Bühne und Kostüme: Cornelia Brey) stolziert er über die Stufen, gibt hier den Knechten Befehle, lässt dort die Arme Nachbarin (Kerstin Marie Mäkelburg) abblitzen und sich vom Guten Gesell (Alexander Martin) schöntun: „Dem hast du’s gegeben recht mit Fug. Ja, das weiß Gott, viel Geld macht klug.“ Mit einem Satz ist er sich seiner vermeintlichen Unverwundbarkeit und Unsterblichkeit gewiss. Auch die Begegnung mit der Mutter (abermals Christine Dorner) vermag ihn nicht zu erschüttern.

Das ändert sich, zunächst unmerklich, mit dem Auftritt der Buhlschaft. Martina Maria Reichert, ganz Weib im geblümten Sommerkleid mit tiefem Ausschnitt, möchte den Jedermann in ein erotisch aufgeladenes Spiel verwickeln, was ihr nicht so recht gelingen will. Denn schon schallt der schaurige Ruf von der Spitze des Turms der Kirche St. Michael: „Jedermann, Jedermann, Jedermann!“ Derweil zappelt die Festgesellschaft in lilafarbenen Samtjacken zu Technoklängen über die Stufen. Die falschen Töne sind nicht zu überhören. Das gilt aber nicht für Johannes Weik, der, oben im Torbogen sitzend, mit Eigenkompositionen an der Gitarre dem Geschehen eine wundersam-schwebende Ästhetik verleiht.

Heun ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens

Die Begegnung mit dem Tod verwandelt den ehedem stolzen Jedermann in ein winselndes Wesen, das erkennen muss, dass es am Ende doch ganz alleine ist. Die Werke (Tabea Scholz) nämlich sind schwach, Gutes hat er zeitlebens zu wenig getan. Und der Glaube (abermals Martina Maria Reichert)? Bleibt stumm, Trost spenden lediglich beschützende Gesten. Auf die Erlösung durch christliche Bekenntnisse will die Regie nicht setzen. Dann betreten Sanitäter die Treppe. Das Wrack beginnt zu qualmen, der Tatort wird abgesperrt, doch die Wiederbelebungsversuche bleiben ohne Erfolg. Wir ahnen: Das Geschehen währte nur Sekunden, die angesichts des Todes vor dem inneren Auge Jedermanns abgelaufen sind. Eine eindrückliche, jetzige Interpretation des Stoffes.

Die Stärke der Regiearbeit ist zugleich ihre Schwäche. Die Inszenierung ist ganz auf den brillanten Hauptdarsteller zugeschnitten. Heun bringt die altertümlichen Knittelverse Hofmannsthals zum Klingen, kitzelt das Komische wie das Tragische seiner Figur heraus, ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens – und lässt seine Mit- wie Gegenspieler blass aussehen. Das tut der Inszenierung nicht immer gut. Das Premierenpublikum spendet nach knapp zwei Stunden freundlich Beifall.

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