Das einzige Freilichtmuseum der Stadt, das als historische Gartenanlage und steinernes Bilderbuch des alten Stuttgart eine einmalige Besonderheit darstellt, feiert 75-jähriges Bestehen und ist bis 5. Oktober geöffnet
Es ist ein Stück Italien und ein Hort Stuttgarter Geschichte: Das städtische Lapidarium, das steinerne Bilderbuch dieser Stadt. Ein Ort, dessen Magie man sich nicht entziehen kann und will. Wie der Herr im gesetzten Alter, dessen Graukopf ein Kränzlein aus Gänseblümchen ziert. Animiert von der Statue der Blumengöttin Flora? Geschmückt jedenfalls zur Eröffnung der Saison und des 75-Jahr-Jubiläums am Samstag in diesem Freilichtmuseum, das die Stadt dem großbürgerlichen Wunsch von Karl Ostertag-Siegle im Jahr 1905 nach einem Renaissancepark italienischer Vorlage verdankt.
Treuer Besucherkreis
Die große Anziehungskraft dieses idyllischen Gartens am Fuß der Karlshöhe mit annähernd 400 Exponaten von der Antike bis ins 20. Jahrhundert belegen die 12 660 Besucher, die in der vergangenen Saison an Führungen teilgenommen haben. „Ich liebe das Lapidarium und bin oft hier“, wird Angelika Linckh, eine von vielen Gästen der Saisonpremiere, fast schwärmerisch. Nein, sie wohne keineswegs in der Nachbarschaft, „ich komme mit dem Rad her“. Simone und Didi sind einer Empfehlung für Wochenend-Unternehmungen unserer Redaktion gefolgt: „Wir entdecken Stuttgart neu und sind ganz begeistert von diesem Ort.“ Stefan Hahn, ebenfalls regelmäßig dort anzutreffen – „auch im Herbst, da ist die Stimmung etwas morbide und auch sehr reizvoll“ – kommt nie ohne Kamera. Sein bevorzugtes Motiv an diesem Tag: Der Jazz Chor Stuttgart, geleitet von Christiane Holzenbecher, der sich mal vor dem Apollo von Belvedere, dann auf der Terrasse über der Nische mit dem Nymphenkopf des Bildhauers Dannecker und schließlich beim Arkadengang postiert.
Aus den Trümmern gerettet
Weit mehr als die sonst 20 zulässigen Führungsteilnehmer folgen Barbara von Münchhausen zu deren Lieblingsstücken. Da ist erst mal der Orpheus von 1927 des Bildhauers Josef Zeitler, der früher am Kunstgebäude stand und seinen Fuß auf eine Schildkröte setzt: „Eigentlich soll die Schildkröte Wasser speien“, merkt die freie Mitarbeiterin des Stadtmuseums Stadtpalais an, zu dem das Lapidarium gehört. Dann die Schale aus sibirischem Jaspis, die Zar Nikolaus I. seiner Tochter, Königin Olga, zur Hochzeit mit König Karl I. schenkte. Und die Antikenwand voller römischer Relikte und Fragmente. Wie kam einst Ostertag-Siegle in ihren Besitz? Aufgesammelt oder erworben? Wie auch immer, heute ist jeder alte Stein tabu, warnt die Expertin und wendet sich der überlebensgroßen Wiesennymphe von Dannecker, eingerahmt von der Portaleinfassung des Gasthofs „König von England“ von 1798, zu. Wieder eines der Zeugnisse aus Stuttgarts prächtiger Vergangenheit, die wie unzählige Konsolen, Karyatiden und Kapitelle, Säulen und Skulpturen aus den Trümmern gerettet wurden, die der Zweite Weltkrieg hinterließ.
Das Lapidarium in der Mörikestraße 24/1 ist bis zum 5. Oktober am Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet, öffentliche Führungen jeden Samstag (außer 17. Mai und 6. September) um 16 Uhr, 4 Euro pro Person, 3 Euro ermäßigt. Informationen, auch über das Jubiläumsjahr unter www.lapidarium-stuttgart.de