Die Ausstellung „Hungerbrot & Fruchtsäule“ ist einem wichtigen Abschnitt der Landesgeschichte gewidmet: dem Beginn der staatlichen Landwirtschaftsförderung. Foto: Horst Rudel

Die neue Dauerausstellung „Hungerbrot & Fruchtsäule“ im Freilichtmuseum Beuren beleuchtet die Hungerjahre zu Beginn des 19. Jahrhunderts und ihre Folgen.

Beuren - Katastrophen und Krisen sind häufig ein Ausgangspunkt für Innovationen, die den Weg in eine bessere Zukunft ebnen. Am Anfang des 19. Jahrhunderts hat eine solche Katastrophe dazu geführt, dass die Landwirtschaft in Württemberg einen enormen Schub erfahren hat. Die neue Dauerausstellung „Hungerbrot & Fruchtsäule“ im Freilichtmuseum Beuren zeigt auf, wie ein Vulkanausbruch in Südostasien hier erst zu einer Hungersnot und schließlich zur Förderung der württembergischen Landwirtschaft führte.

Der erste Teil der Ausstellung, die im Wohn-Stall-Haus präsentiert wird, thematisiert die weltweiten Folgen des Naturereignisses vom April 1815. Der Vulkan Tambora im heutigen Indonesien – circa 12 000 Kilometer von Stuttgart entfernt – brach aus. Aschepartikel und Gas wurden so hoch in die Luft geschleudert, dass die Sonneneinstrahlung abgeschwächt wurde.

Ein Jahr ohne Sommer

Ein „Jahr ohne Sommer“: Das Ergebnis war eine Abkühlung mit gravierenden Folgen für die Landwirtschaft auch hierzulande. Lediglich die Hälfte der üblichen Weizenernte konnten die württembergischen Bauern im Jahr nach dem Vulkanausbruch einbringen. Wegen der Knappheit stieg der Brotpreis in einigen Regionen um mehr als 400 Prozent. Notgedrungen behalfen sich die Menschen mit Hungerbrot. Nicht nur, dass die Laiber immer kleiner wurden, auch der Teig wurde mit anderen Zutaten gestreckt. Das Hungerbrot wurde zum Sinnbild dieser Zeit.

Welche Zutaten dies gewesen sind, erfährt der Besucher mit einem Blick in die Töpfe der neuen Dauerausstellung. Gelehrte und Bäcker suchten nach Wegen, um die Not zu lindern. Der Tübinger Arzt und Klinikdirektor Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth etwa knetete einen Teig mit Birkenmehl und veröffentlichte sein Rezept unter dem Titel „Gründliche Anleitung zur Brodzubereitung aus Holz“.

Forschung in Hohenheim

Für König Wilhelm I. waren solche aus der Not geborenen Versuche kein langfristig geeignetes Mittel zur Ernährungssicherheit der Bevölkerung. Ernteausfälle und Preissteigerungen führten in dem von der Landwirtschaft abhängigen Agrarstaat zu Hungersnöten und der Ausbreitung von Armut. Unter dem Eindruck der Krise entschloss sich der Monarch zu einer intensiven Förderung der Landwirtschaft. Als „König der Landwirte“ ging er denn auch in die Geschichtsbücher ein.

Im Jahr 1818 gründete Wilhelm im Schloss Hohenheim eine Lehranstalt für Landwirte, die „Landwirtschaftliche Unterrichts, Versuchs- und Musteranstalt“. Sie stand in enger Verbindung mit dem Landwirtschaftlichen Verein, den Wilhelm bereits ein Jahr zuvor als Grundstein für langfristige Fördermaßnahmen ins Leben gerufen hat. „Die Einrichtung war das Gehirn der württembergischen Landwirtschaft“, steht auf einer der Tafeln im Museum zu lesen.

Der Verein war Anlaufstelle für Bauern, förderte den Wissensaustausch und war Grundlage zur Verbesserung der heimischen Landwirtschaft. Diesem Ziel diente auch das Landwirtschaftliche Fest in Cannstatt, das erstmals im Herbst 1818 stattfand. Zur Verbesserung der Viehzucht wurden fortan in Cannstatt die besten Viehzüchter prämiert. Ein Volksfest und ein Pferderennen sorgten für Unterhaltung.

Von Indonesien bis Bad Cannstatt

Die Ausstellung, die einen wichtigen Teil der regionalen Wirtschaftsgeschichte beleuchtet, ist abwechslungsreich gestaltet. Man kann beispielsweise der Beschreibung eines indonesischen Sultans lauschen, der als einer der wenigen den Vulkanausbruch überlebt hat. Außerdem gibt es ein Fotoalbum von Wilhelm I. zum Durchblättern, in alten Landwirtschaftszeitungen lässt sich manch Amüsantes und Kurioses entdecken oder ein historischer Festzug des Cannstatter Fests bestaunen. Eine Begleitpublikation zur Ausstellung ist im Freilichtmuseum erhältlich.

Die auf Wilhelm I. zurückgehenden Institutionen Universität Hohenheim und Cannstatter Volksfest bestehen bis heute fort. Das Wahrzeichen des Cannstatter Volksfest ist die Fruchtsäule. Hungerbrot und Fruchtsäule: zwei Symbole für die Krise und für die Bewältigung derselben.

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