Unerschrockener Verfechter des Freihandels: Ontarios Handelsminister Michael Chan. Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Alle westlichen Staaten machen sich Sorgen über zu viel Globalisierung und zu viel Zuwanderung? Stimmt nicht. Kanada will weiter offen bleiben, macht ein Minister der Provinz Ontarion beim Besuch in Stuttgart klar.

Stuttgart - Kanada steht seit vielen Jahren im Ruf etwas langweilig, weniger marktschreierisch und gewalttätig zu sein als die USA, der mächtige Nachbar im Süden. In Zeiten, in denen der amerikanische Präsident Donald Trump Mauern gegen den Welthandel und die Zuwanderung errichten will, sehen viele Beobachter in aller Welt das kanadische Modell fast ungläubig staunend mit neuen Augen. Kanada ist kein Land, das Türen zuschlagen oder Zugbrücken hochziehen will. Und: „Das ist ein richtiges Industrieland, es funktioniert und ist nicht korrupt“, bringt ein schwäbischer Außenwirtschaftsexperte die positiven Seiten des nordamerikanischen G-7-Staats prägnant auf den Punkt.

Michael Chan, Handelsminister der wirtschaftlich wichtigsten kanadischen Provinz Ontario, weiß die neugewonnene Aufmerksamkeit geschickt für seine Mission zu nutzen. „Ontario und Kanada sind sicher und stabil“ sagt er am Montagabend vor rund 150 geladenen Gästen des deutsch-kanadischen Wirtschaftsklubs in Stuttgart. Die 30 Jahre alte Partnerschaft zwischen Baden-Württemberg und Ontario führte ihn zu Gesprächen mit der Landesregierung und Unternehmen in die Landeshauptstadt. „Wir würden diese erfolgreiche Partnerschaft gerne fortführen“, sagt der Minister unserer Zeitung. Aus dem Staatsministerium gibt es ähnliche Töne.

Minister Chan für freien Handel

Minister Chan, wie Kanadas Premier Justin Trudeau, von der Liberalen Partei, tritt unerschrocken für einen freien Handel ein. „Der Freihandel in Nordamerika hat die Wirtschaft wachsen lassen“, meint er mit Blick auf das von Trump hart kritisierte Nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta. Und vom umstrittenen Freihandelsvertrag Ceta zwischen EU und Kanada erwartet er nichts anderes: Damit würden neue Marktzugänge und neue Arbeitsplätze geschaffen und Innovationen befeuert.

Dass der Handel auch zur Verlagerung von Industrie aus Ontario nach Mexiko geführt hat, möchte Chan nicht gelten lassen. „Da bin ich anderer Meinung.“ Man könne sich die Globalisierung auch nicht wegwünschen. „Deshalb bleiben wir offen.“ Doch anders als die USA federt Kanada die sozialen Folgekosten des Wandels besser ab. So gibt es etwa eine allgemeine Krankenversicherung, und die Arbeitslosenversicherung fällt höher aus als beim Nachbarn im Süden.

Kanadier befürworten Zuwanderung

Das könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass Kanada auch in der Zuwanderungsfrage anders als die USA und andere westliche Industriestaaten an seinem offenen Kurs festhält: 2016 nahm Kanada rund 330 000 Einwanderer auf – fast ein Prozent der 36 Millionen Einwohner, zudem noch gut 40 000 syrische Flüchtlinge. „Das machen wir seit Jahrzehnten so“, sagt Chan mit Blick auf die Einwanderung. In der Tat meinte schon 1957 ein Premierminister über das zweitgrößte Land der Erde: „Kanada muss sich bevölkern oder es geht unter.“ Und auch wenn es Zweifel und Spannungen etwa über kulturelle Unterschiede zwischen Muslimen und der Mehrheitsbevölkerung gibt, äußern in Umfragen 80 Prozent der Kanadier die Überzeugung, dass Zuwanderer gut seien für die Wirtschaft.

„Wir wollen den Neuankömmlingen dabei helfen erfolgreich zu sein“, sagt Chan, selbst vor mehr als 40 Jahren aus Hongkong zugewandert. Gemeint ist damit das Punktesystem, das der Regierung die Chance gibt, die Zuwanderer ins Land zu lassen, die es haben möchte. Und ein Sponsoren-Programm für Flüchtlinge, das laut offizieller Statistik dazu führt, dass schon ein Jahr nach ihrer Ankunft die Hälfte der privat betreuten Flüchtlinge ein Einkommen hat.

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