Claudia Jungeilges aus Hemmingen (Kreis Ludwigsburg) ist freie Trauerrednerin und Bestatterin. Sie spürt: Der Umgang der Gesellschaft mit dem Tod hat sich verändert.
Es ist mitten in der Beisetzung. Die Menschen sitzen schweigend auf ihren Plätzen, manche weinen. Auf einmal steigen Seifenblasen auf. Die Kinder in der Aussegnungshalle staunen. „Kinder trauern anders, deshalb sollte auf einer Beerdigung auch für sie Raum zum Abschiednehmen sein“, findet Claudia Jungeilges.
Die Hemmingerin ist freie Trauerrednerin auf Beerdigungen – und das aus tiefer Überzeugung. „Dieser letzte Abschied wird immer schwer sein, aber er soll auch schön sein, dass man sich gerne daran erinnert.“
Der Bedarf nimmt zu
Als freie Trauerrednerin gestaltet Claudia Jungeilges Beisetzungen von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind oder sich bewusst gegen eine kirchliche Beisetzung entschieden haben. Und der Bedarf an freien Rednern nimmt weiter zu. Nicht nur daran zeigt sich ein Wandel im Umgang der Menschen mit dem Tod und dem Abschiednehmen. Ob zum Guten oder zum Schlechten? Dazu hat die Trauerrednerin und gleichzeitige Bestatterin eine klare Meinung.
Bei der Hingabe, mit der Claudia Jungeilges von ihrer Arbeit als Trauerrednerin erzählt, ist es kaum vorstellbar, dass sie erst vor einigen Jahren überhaupt dazu gekommen ist. Mit Mitte 40 entschied die vierfache Mutter, neu ins Berufsleben einzusteigen. Sie belegte ein Fernstudium Journalismus und war für einige Zeit für die Leonberger Kreiszeitung tätig. Doch der Tod einer Cousine im Münsterland, ihrer früheren Heimat, veränderte etwas in ihr. Denn die Beerdigung, die von einem katholischen Pfarrer geleitet wurde, hat Claudia Jungeilges als sehr enttäuschend in Erinnerung.
„Meine Cousine war erst 49 Jahre alt, als sie starb. Sie hatte kein leichtes Leben, aber ständig erzählte der Pfarrer nur, wie sie in der Stadt Kaffee trinken war, das hat er dauernd wiederholt.“ Claudia Jungeilges spürte bei dieser Rede keinerlei Verbindung zu ihrer Cousine, „sie war einfach nicht da“. Da sagte sie zu ihrem Mann: „Wenn du mir mal was Schönes schenken möchtest, dann eine Fortbildung zur freien Trauerrednerin.“ Ein „bisschen schräger Wunsch“, wie ihr Mann ihr attestierte – den er ihr aber erfüllte.
Nach ersten Aufträgen kam Claudia Jungeilges über ihre Arbeit für die Zeitung in Kontakt zu einem bekannten Stuttgarter Bestatter – und fand so ihren Weg in den Beruf der Bestatterin. Das Bestattungsunternehmen Junge mit Standorten in Hemmingen, Schwieberdingen, Ludwigsburg und Möglingen gibt es inzwischen seit mehr als zehn Jahren. Als Trauerrednerin ist die inzwischen 59-Jährige trotzdem weiterhin tätig.
Die Trauergäste sollen spüren, dass der Verstorbene „da“ ist
Warum ihr das so wichtig ist? „Die Beisetzung ist die letzte Feier, in der die Verstorbenen noch den Platz in der Mitte haben, in der sich alles nur um sie dreht. Das wird es danach nie wieder geben.“ Die Menschen bei diesem Abschied an die Hand zu nehmen, ist Claudia Jungeilges ein großes Anliegen. Vor allem soll es nicht so sein wie bei der Trauerfeier damals im Münsterland. Die Besucher sollen spüren, dass der Verstorbene „da“ ist.
Auf dem Weg dorthin steht als erstes das Gespräch mit den Angehörigen. „Ich möchte wissen, was die Verstorbenen begeistert hat, wofür brannte ihr Herz?“, erzählt Claudia Jungeilges. Denn Altsein oder die Krankheit vor dem Tod seien nur ein ganz kleiner Teil des Lebens, dazu gehöre so viel mehr. „Das sind dann schöne Momente, wenn selbst eine alte Dame noch errötet, wenn sie daran denkt, wie sie das erste Mal mit ihrem Mann geflirtet hat.“ Auch bei Beerdigungen darf und soll also ruhig auch mal geschmunzelt werden, wenn man sich an die Toten zurückerinnert, findet sie.
Dabei muss sie an die Beerdigung einer Großmutter denken, die in der Familie als tolle Köchin bekannt war. „Ich habe mir von den Angehörigen dann das Rezept ihres Lieblingsgerichts geben lassen, das wurde am Ende der Beisetzung an die Trauergäste verteilt“, erinnert sie sich. Ein anderer war vor seinem Tod begeisterter Hobbygärtner, weshalb die Trauergäste im Anschluss alle ein Samenpäckchen mit nach Hause bekamen.
Das Konzept der nicht kirchlichen Bestattungen stößt auf immer mehr Zuspruch. Fast die Hälfte der Kunden ihres Bestattungsunternehmens, schätzt Claudia Jungeilges, entscheiden sich mittlerweile für einen freien Trauerredner, entweder für sie oder einen ihrer Kollegen. Deutlich mehr als zu Anfang. „Und das ist immer eine sehr bewusste Entscheidung“, sagt sie. „Wir sind deshalb auch keine Konkurrenz zur Kirche, auch wenn manche Pfarrer das leider denken. Jemand, der tiefgläubig ist, wird sich auch weiterhin eine kirchliche Beisetzung wünschen.“
Friedhöfe ähneln immer mehr Parks
Deren Zahl allerdings hat in der Vergangenheit stark abgenommen, was eine Erklärung für den Wandel ist. Und schaut man sich auf den Friedhöfen so um, merkt man schnell, dass es nicht nur die Trauerfeiern sind, die sich verändert haben. „Bei den Gräbern zum Beispiel geht der Trend immer mehr hin zum Pflegeleichten, die Zahl der Baumbestattungen nimmt zu, und Friedhöfe ähneln immer mehr Parks, die die Menschen zur Naherholung nutzen.“ Manche setzten sich auf Bänke, um in Ruhe zu lesen. Es gebe mittlerweile sogar Aussegnungshallen, die für Veranstaltungen offen sind, zum Beispiel für Lesungen – auch Krimilesungen.
Eine bedenkliche Entwicklung? Aus der Sicht von Claudia Jungeilges auf keinen Fall. „Man darf nicht glauben, dass der Respekt vor dem Tod dadurch verloren geht, er wird nur ein anderer“, ist sie überzeugt. „Der Tod verdient Respekt. Aber das gilt auch für den Menschen und das Leben.“ Überall heiße es: Der Tod gehört zum Leben dazu. „Dann lasst ihn doch ins Leben, sage ich, und lasst auch den Friedhof ins Leben.“