Freie Tanzszene Stuttgart will näher ran ans Publikum Keine Angst vor der Angst

Von Andrea Kachelrieß 

Willkommen in der Stadt der Frauen: Pressekonferenz zur „Tanz-Tour“ mit Isabell Ohst und den Choreografinnen Eva Baumann, Claudia Senoner, Juliette Villemin und Lisa Thomas (von links) Foto: Marie-Christine Kesting
Willkommen in der Stadt der Frauen: Pressekonferenz zur „Tanz-Tour“ mit Isabell Ohst und den Choreografinnen Eva Baumann, Claudia Senoner, Juliette Villemin und Lisa Thomas (von links) Foto: Marie-Christine Kesting

Der neue Projektraum in der Willy-Brandt-Straße 18 ist nur der Anfang: Die Künstler der freien Szene in Stuttgart wollen verstärkt auf ihr Publikum zugehen. Dazu testen vier Choreografinnen vom 14. Oktober an neue Formate und bitten zur Tanz-Tour.

Stuttgart - Das Zitat des Philosophen Hegel, das der Künstler Joseph Kosuth 1993 an die Fassade des Stuttgarter Bahnhofs montierte, ist dieser Tage der beste Reiseführer durch Stuttgart. Angst vor falschen Entscheidungen darf man nämlich nicht haben, wenn man den Projektraum der freien Szene in der Willy-Brandt-Straße 18 aufsuchen will. Und so hallen Hegels Worte „ . . . dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist“ bei der Suche nach einem Weg durchs Bahnhofsbaustellen-Labyrinth nach.

Geht alles nach dem Wunsch der Stuttgarter Tanzschaffenden, die in den Projektraum geladen haben, dann sollen die freie Szene und ihr Publikum in Zukunft leichter zusammenfinden. „Wir haben gemeinsam ein Konzept zur größeren Sichtbarkeit entwickelt“, sagt Isabell Ohst, die Geschäftsführerin des Produktionszentrums für Tanz und Performance, zur Aufbruchsstimmung und zu dem Ruck, der durch die Tanzszene geht – und der später die ganze freie Szene erfassen soll. Vier Choreografinnen lassen sich dafür in die Karten schauen, gehen mit Einführungen, Gesprächen und Workshops auf das Publikum zu und bündeln ihre nächsten Premieren zur „Tanz-Tour“. „Wir wollen in kurzer Zeit einen Überblick ermöglichen und bewusst machen, was in Stuttgart stattfindet“, sagt Isabell Ohst.

Angst ist bei der Präsentation der ab 14. Oktober an verschiedenen Orten anstehenden Projekte ein Wort, das tatsächlich häufiger fällt. Berührungsängste sollen abgebaut, dem Besucher soll ein Gegenüber gegeben werden. Ganz direkt angesprochen fühlen kann sich tatsächlich jeder, der sich auf den Cage-Abend „Thank you for playing my Piece“ einlässt, zu dem Claudia Senoner und Fabian Chyle erstmals am 19. Oktober in den Projektraum bitten: Fünf Zuschauer werden mit drei Musikern und zwei Tänzern zu einem zehnköpfigen Team, das in dem kleinen Raum 180 Objekte und Cages „Theatre Piece“, 1960 eines der ersten Happenings, in eine Performance verwandelt und nach der Aktualität dieser Kunst fragt. Ausprobieren statt Angsthaben ist das Motto, eine Preview bereitet an diesem Sonntag auf die ungewöhnliche Kunstbegegnung vor.

Kunst ohne hierarchische Strukturen

„Angst ist eine Zutat des Lebens“, sagt Juliette Villemin, die in ihrem neuen Stück „Phobiagora“ vom 24. Oktober an im Theaterhaus mit vier Tänzern ein abstraktes Gefühl körperlich spürbar machen will. „Digitalisierung, Migration, Globalisierung, Informationsflut, Identitätsverlust“: Die Choreografin zählt auf, was uns heute Unbehagen bereitet. „Wir haben uns gefragt, wovor die Gesellschaft Angst hat, und auch eigene Ängste in eine künstlerische Interpretation münden lassen“, sagt Villemin und nennt als Inspirationsquelle Louise Bourgeois’ Installationsreihe „The Cell“. Ein eigens konzipierter Fragebogen soll die Zuschauer ebenso ins Boot holen wie eine „Einführung mit Bewegung“ vor dem Stück.

Mit einer Lecture-Performance will Lisa Thomas Ende Oktober dem Publikum die Angst vor einer Kunstform nehmen, der dann ein ganzes Festival gewidmet ist. „Saalfrei“ heißt die Zusammenkunft von Improvisationskünstlern, die „jenseits hierarchischer Strukturen“ in Dialog treten. „Wir sind offen für alles, was es noch nicht gibt“, sagt Lisa Thomas. Mit vollem Risiko treffen zum Auftakt am 27. Oktober ein Schweizer Streichtrio und zwei Tänzer unter dem Titel „Das Quintett“ aufeinander.

Keine Angst vor starken Frauen: Das ist das Motto von Eva Baumann. Vergessenen Komponistinnen galt die Aufmerksamkeit der Tänzerin und Choreografin; in „herstory“, in „herland“ beschäftigt sie sich mit dem ersten feministischen Buch überhaupt, mit Christine de Pizans 1405 erschienener Utopie „Stadt der Frauen“. Pizans Poetik lässt Baumann auf offener Bühne zwischen Installationen, Livemusik, Videos und Lesung auf aktuelle feministische Diskurse prallen. Vor der Premiere am 16. November im Proberaum von Musik der Jahrhunderte bietet eine Sneak-Preview Gelegenheit, auf die Stadt der Frauen im Jahr 2018 zu blicken und die Künstlerinnen zu befragen.

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