Sie haben den Werkrealschulpreis gewonnen (von links): Marie Sommer, Yasmina Ait Kirch und Micha Schumacher (es fehlt: Malte Dzubiel). Foto: privat

Wenn das Kind nach der vierten Klasse eine Empfehlung für die Werkrealschule bekommt, sind viele Eltern enttäuscht. Dass es dafür keinen Grund gibt, beweisen diese Jugendlichen.

Oft scheuen sich Eltern, ihr Kind in einer Werkrealschule anzumelden. Stattdessen schicken sie den Nachwuchs lieber auf die Realschule – in der Hoffnung, dass der Weg in eine gute, berufliche Zukunft dann leichter ist. Erst vor Kurzem ist die Diskussion darüber wieder aufgeflammt, dass Jugendliche auch an der Realschule einen Hauptschulabschluss machen können. Nach einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) sorgen sich fast alle Lehrerinnen und Lehrer in den baden-württembergischen Realschulen deshalb um überforderte Kinder. Neun von zehn sprechen sich demnach dafür aus, den Hauptschulabschluss an der Realschule abzuschaffen und der Grundschulempfehlung wieder mehr Gewicht zu verleihen.

 

Vier Jugendliche von der Freien Evangelischen Schule (FES) in Möhringen haben eindrücklich bewiesen, dass die Hauptschule sehr wohl die richtige Entscheidung sein kann. Denn Bildungsministerin Theresa Schopper hat sie mit dem Werkrealschulpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Die FES ist die einzige Schule in ganz Stuttgart, an der es Preisträger gab, landesweit waren es 36 Preisträger. Dass darunter gleich vier Jugendliche aus ihrer Schule sind, macht die Klassenlehrerin Martina Schäfer und den Rektor Peter Döbler stolz. „Der Werkrealschulpreis ist eine unheimliche Wertschätzung für die jungen Menschen. Normalerweise sind es ja immer die besonderen akademischen Leistungen der Gymnasiasten, die hervorgehoben werden“, sagt Peter Döbler.

Für den Preis waren nicht nur die Zensuren entscheidend

Für den Werkrealschulpreis mussten sich die Mächen und Jungen bewerben. Bei der Auswahl ging es nicht nur um gute Noten. Darüber hinaus zählte auch, wie intensiv die Jugendlichen an ihrer beruflichen Zukunft arbeiten und außerschulisches Engagement. So hat Marie Sommer während Corona eine Mitschülerin ausdauernd beim Lernen unterstützt. Micha Schumacher kennt sich mit Ton- und Lichttechnik aus, und bringt sich bei Veranstaltungen in der Schule und seiner Gemeinde ein. Yasmina Ait Kirch engagiert sich im Waldheim sowie für eine nachhaltige Zukunft und den Umweltschutz. Malte Dzubiel ist unter anderem bei der Jugendfeuerwehr und dem Jugendrotkreuz aktiv.

Die Schülerinnen und Schüler bestätigen, dass der Werkrealschulzweig an der FES für sie die richtige Entscheidung war. „Ich habe während meiner Grundschulzeit schlechte Erfahrungen gemacht“, erinnert sich Micha Schumacher. Er sei schwerhörig, und seine Lehrerin an der Grundschule sei darauf nicht wirklich eingegangen. „Ich bin in der Masse untergegangen“, sagt der Zehntklässler. Das Lehrpersonal im Werkrealschulzweig der FES hingegen hätten sich um ihn gekümmert und das Beste aus ihm rausgeholt. „So kann ich heute stolz auf das blicken, was ich geschafft habe“, sagt Micha Schumacher.

Viele der Schüler streben nun einen höheren Bildungsabschluss an

Marie Sommer räumt ein, als sie nach der vierten Klasse an die Werkrealschule gekommen sei, habe sie zunächst gedacht, dass „das eine Schule für die weniger Schlauen ist“. Doch genau das sei eben nicht der Fall, betont Peter Döbler. „Es gibt auch Schüler mit Teilleistungsschwächen, die einfach etwas mehr Zeit oder eine spezielle Förderung brauchen. Wir sind davon überzeugt, dass die Werkrealschule für diese Schüler eine sehr gute Wahl sein kann, weil sie hier ihre Stärken am besten entfalten können.“ Martina Schäfer fügt hinzu, dass etwa ein Drittel der Werkrealschüler an der FES später das Abitur mache. In der aktuellen zehnten Klasse würde die Hälfte nun an eine weiterführende Schule gehen, vier Schüler streben das Abi an.

Sponsorenlauf an der Bekenntnisschule

Die FES
Die Freie Evangelische Schule Stuttgart ist eine Bekenntnisschule in freier Trägerschaft. Der Schulverbund umfasst eine allgemeinbildende, staatlich anerkannte Grund-, Werkreal- und Realschule, ein berufliches Gymnasium und vom kommenden Schuljahr an auch ein allgemeinbildendes Gymnasium.

Sponsorenlauf
Mehr als 100 000 Euro sind am vorletzten Schultag beim Sponsorenlauf an der FES zusammengekommen. Das Geld ist für Menschen in der Ukraine. Konkret besteht Kontakt zu einer christlichen Schule in Charkiw: 40 Lehrkräfte bieten weiterhin Onlineunterricht für die 250 Schülerinnen und Schüler an, auch wenn die Familien entweder in andere Länder geflüchtet sind oder aufgrund des Krieges die Kinder nicht mehr zur Schule schicken können. Beim Sponsorenlauf dabei waren auch 15 Schülerinnen und Schüler, die derzeit die FES besuchen, wobei diese unter anderem von Mitschülern und Mitarbeitern der FES zusätzlich gesponsert wurden.