Gibt es das, eine Schule ohne Unterrichtsausfall? Mit dieser Behauptung hat die Freie Aktive Schule in Stuttgart zwar ein bisschen geflunkert. Aber Leerlauf haben die Schüler tatsächlich nicht – dank Plan B.
Stuttgart - Zetermordio, weil mal wieder eine Grippewelle das Personal ausgedünnt hat? Eltern, die Sturm laufen, weil Mathe ausfällt oder Englisch? Die Angst haben, ihr Sprössling könne deshalb ins Hintertreffen geraten? So etwas kennen Gaby Groß und Katrin Bohner nicht. Die beiden Frauen sind Gründermütter der Freien Aktiven Schule (FAS) in Stuttgart-Degerloch und bilden dort das Schulleitungsteam. Groß als Geschäftsführerin, Bohner ist für die Schulorganisation zuständig.
Natürlich ticken an der FAS die Uhren ein bisschen anders als an einer städtischen allgemeinbildenden Werkrealschule. Es gibt weder Klingel noch Noten und schon gar kein Sitzenbleiben. Gerade mal zehn Lehrer kümmern sich um die rund 120 Schüler der Klassenstufen eins bis zehn, sie werden aber durch Honorarkräfte ergänzt, etwa Theaterpädagogen. Und manchmal auch durch Eltern, die ihr berufliches Können als Architekt, Biologe oder Schneiderin in Form von Workshops an die Kinder bringen. Und wenn doch mal ein Lehrer krank wird oder gar zwei?
Dann läuft an der FAS alles nach Plan. „Wir haben morgens Teambesprechung, hören den Anrufbeantworter ab“, berichtet Katrin Bohner. „Wenn jemand nicht kommen kann, haben wir eine Grundsatzregelung, was dann passiert.“ Das hänge aber davon ab, ob es um Fachunterricht oder um eine Raumbegleitung gehe, also darum, Kinder in ihrem selbstständigen Tun mit Lernmaterialien zu unterstützen, zum Beispiel Perlenmaterial zum Rechnenlernen. „Wenn im Kreativraum jemand ausfällt, dann ist der halt an diesem Tag zu“, sagt Bohner. „Und dann weichen die Kinder in andere Angebote aus – die haben ja deshalb keinen Leerlauf“, ergänzt Gaby Groß.
Schulorganisatorin Bohner: „In 17 Jahren ist bei uns noch nie Schule ausgefallen“
Doch wer bestimmt dann, was die Schüler machen? Was für eine Frage. „Sie selber“, sagt Bohner. „Sie können ja in eines der anderen Angebote gehen.“ Welche es am jeweiligen Tag gibt, erfahren sie im Morgenkreis. Schließlich gibt es an der FAS neben der Sprach- und der Mathewerkstatt auch eine Holzwerkstatt, einen Musikraum, naturwissenschaftliche Räume und ein Außengelände mit Turnhalle und Schulgarten. „Das ist eigentlich wie ein großer Aktivspielplatz“, sagt Groß. „In 17 Jahren ist bei uns noch nie Schule ausgefallen“, sagt Bohner. „Das ist sehr zuverlässig und für die Eltern planbar.“
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Groß räumt ein, das sei „ein konzeptioneller Vorteil – das können Regelschulen so nicht machen“. Allerdings gebe es auch an der FAS einen internen Vertretungspool. Manchmal müsse man auch ein bisschen mit den Kollegen verhandeln: „Du, kannst du ausnahmsweise doch. . .“ Pensionäre, wie sie viele Gymnasien zur Überbrückung in petto haben, springen an der FAS bisher allerdings nicht ein. Dabei, so Bohner, „wären wir offen für Rentner“. Während diese, wenn es sich um ehemalige Lehrer handele, beim Fachunterricht direkt einsteigen könnten, müssten sie „Raumbegleitung erst mal lernen“. Aber, so Groß: „Wenn jemand mal Interesse hat und was Neues kennenlernen will – gern. Er braucht halt Offenheit.“
Von Schülern wird eigenveranwortliches Lernen erwartet
Sehen auch ältere Schüler das noch entspannt, wenn Lehrer ausfallen, während sie gerade in der Prüfungsvorbereitung sind? Das ist für die FAS-Schüler wohl eine Frage der Gewohnheit, beziehungsweise der Erfahrung. In so einem Fall „haben die Schüler entweder so viel Eigenverantwortung und lernen selbstständig weiter – denn sie wollen ja die Prüfung machen“, sagt Gaby Groß. „Oder die erkrankten Kollegen geben weiter, was für diesen Tag geplant war.“
Die Erfolgsquote gibt dem System FAS übrigens recht. In fünf Jahren sei bei insgesamt 90 Abschlussprüfungen nur einer durchgefallen – „das war klar, weil der nichts gelernt hatte“, berichtet Groß. 17 FAS-Schüler sind mit Hauptschulabschluss, 39 mit Werkrealschulabschluss gegangen. Die Prüfungen mussten die FAS-Schüler bisher als Schulfremde – und somit mit deutlich höheren Anforderungen – an städtischen Schulen ablegen. Dass unter den Pionierkindern der FAS einige anschließend an städtische Gymnasien wechselten und diese als Einserabiturienten verließen, verwundert an der FAS niemanden. „Wenn man an dieser Schule eines lernen kann, ist es Flexibilität“, meint Groß. Damit meint sie nicht nur sich, sondern auch die Kinder.