Das Freiburger Barockorchester Foto: Marco Borggreve

Das Freiburger Barockorchester hat in der Stuttgarter Liederhalle Musik aus Frankreich gespielt.

Stuttgart - Das Bild ist ungewohnt, und der Klang ist es auch. An die Brust, nicht an den Hals halten die Geiger des Freiburger Barockorchesters ihre Instrumente, und die Bratscher tun das ebenfalls. Beim ersten Saisonkonzert des Ensembles im Stuttgarter Mozartsaal ist der Klang vielfarbiger als gewohnt, schillernder, aber auch ein wenig tiefer, enger; die Phrasen wirken – vielleicht auch wegen der kürzeren Bögen – weniger weit, bodenständiger, dem Rhythmus näher als dem melodischen Singen. Dass die Freiburger jetzt einen ganzen Abend mit französischen Werken des Barock gestalten, ist ein Wagnis – nicht nur, weil diese von tänzerischem Impetus und viel klangfarblicher Raffinesse geprägte Musik eigentlich nur von französischen Alte-Musik-Formationen gespielt wird, sondern auch, weil ein Gast die Aufführung vom Konzertmeisterpult aus leitet.

Die Geigerin kommt aus Bulgarien und heißt Plamena Nikitassova. Sehr lebendig spannt sie die Bögen, aber man spürt, dass die Kommunikation des Orchesters mit ihr noch nicht eingeübt ist. In Jean-Féry Rebels Suite „Les caractères de la dance“, einer Art klingendem Thesenpapier der sehr eigenen Art, holpert und klappert es bei den Übergängen zunächst noch heftig, und auch die dynamische Balance (etwa zwischen Streichern und Fagott) ist noch nicht vom Feinsten. Das wird aber besser – noch nicht bei Rameaus vierter Suite aus den Cembalo-Konzertstücken, die in der Triosonaten-Besetzung (Cembalo, Violine, Gambe) klanglich wie gestalterisch ein wenig einförmig wirkt, wohl aber später bei André Cardinal Destouches‘ Suite „Les Eléments“. Dort sind die Geigen, auch weil sich das Stück stilistisch dem italienischen Idiom annähert, allerdings schon wieder an den Hals der Musiker gerutscht; was vorher fluoreszierte, ist jetzt viel ebener geworden, und viel sicherer wirken die Musiker, als sie sich so auf vertrauterem Terrain bewegen.

Sandrine Piau hat gesungen: erst eine Kantate von Michel Pignolet de Montéclair („La morte di Lucretia“), der ihr im allzu Dramatischen und in der Höhe überforderter Sopran einiges an Klarheit und Vertiefung schuldig bleibt, dann die Szene „Tristes apprêts“ aus Rameaus Oper „Castor et Pollux“, in deren schlichter Vertiefung sie ganz zu Hause ist. Und das Ensemble hat, auch wenn dies Gottfried von der Goltz und Petra Müllejans in den zweiten Geigen nicht immer leicht fiel, unter einer neuen, interessanten Leitfigur mit einer neuen Art des Agierens und Reagierens experimentiert. Das zeugt von Größe - und von eben jener Neugier und Offenheit, die das Orchester braucht, wenn es in erprobten Gefilden nicht müde und langweilig werden will. Ein Konzert mit Leerstellen und Unzulänglichkeiten, ein Konzert voller Fragen – und ein wichtiger, unerlässlicher, aufregender Abend.

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