Das Freiburger Barockorchester ist gemeinsam mit dem Chor Vox Luminis aufgetreten.
Wer ist größer: der Mensch oder die Natur? Das gewaltige Erdbeben von Lissabon brachte 1755 nicht nur die aufklärerische Gewissheit von der Allmacht des Homo sapiens ins Wanken, sondern verstörte nachhaltig auch die Kunst. In der Musik stellt sich das Instrumentale vor das Vokale: eine Revolution auch des klingenden Weltbildes. Georg Philipp Telemann hat ihr zugearbeitet: In seiner „Donnerode“ lässt er die Pauke grollen, setzt wirkungsvoll blitzende Trompeten ins musikalische Bild.
Das war damals tatsächlich Avantgarde, und das kann man auch heute noch wahrnehmen, wenn das Stück so auf den Punkt musiziert wird wie am Freitagabend beim Konzert des Freiburger Barockorchesters und des 16-köpfigen belgischen Vokalensembles Vox Luminis im Stuttgarter Mozartsaal. Dieses beginnt mit einem Klang, der aus einem einzigen Körper zu kommen scheint, und immer wieder finden Orchester und Chor zu dieser stupenden Einheit, werden sie ein Mund, ein Akkord, werden sie eins mit dem jeweils anderen: Die Stimmen wirken instrumental, die Instrumente singen.
Ein Wunder gelingender Kommunikation
Dabei gibt es kein Dirigentenpult, der Konzertmeister Péter Barczi gibt keine Zeichen, und selbst Lionel Meunier, der offiziell die Leitung innehat, ist nur Mitsänger im Bass und bewegt kaum je die Hand. Zu erleben ist, selbst bei Wechseln der Tempi und der Dynamik, ein Wunder gelingender Kommunikation. Bei Telemann belebt diese nachhaltig die (oft durch virtuos geführte Soloinstrumente verstärkten) atmosphärischen Tonmalereien – bis hin zum Bild vom wankenden Erdkreis, bei dem sich Gesungenes und Gespieltes effektvoll gegeneinander verschieben.
Knapp zwei Jahrzehnte zuvor entstanden Bachs so genannte „Lutherische Messen“, und seinen Höhepunkt findet das Konzert trotz allen Telemann-Donnerns bei einer von ihnen, der Missa brevis in F-Dur. Im Kyrie, das so selbstverständlich und fließend beginnt, als habe die Musik eigentlich schon lange zuvor begonnen, werden Stimm- und begleitende Instrumentengruppen exakt parallel geführt, das Gloria erklingt in sportlichem Tempo, aber trotz aller Virtuosität mit größter Mühelosigkeit. Sprachliche Artikulation und Intonation sind exzellent, und Letzteres gilt sogar für die präzise geführten Naturhörner. Kleinere Abstriche sind nur bei einigen Solopartien zu machen. Dass diese aus dem Chor heraus besetzt werden, ist allerdings eine Qualität, die der Interpretation die Anmutung von Organik und Natürlichkeit verleiht, und das macht vieles wett. Dieses Konzert ist ein Geschenk – beglückend.
„Donner-Ode“ und das Erdbeben
Die Komposition von Telemanns „Donner-Ode“ steht in engem Zusammenhang mit dem traumatischen Erdbeben von Lissabon 1755. Die charakteristische Gestaltung der Gesangspartien sowie die Besetzung mit drei Trompeten, solistisch eingesetzten Pauken und Instrumentalensemble haben dieses avantgardistische Werk schon zu Lebzeiten des Komponisten beliebt und berühmt gemacht, das Oratorium lebt von der eindrücklichen musikalischen Umsetzung des bildreichen Textes.