Freiburg In den Wartesaal für Auschwitz

Von Michael J. H. Zimmermann  

Ein Schild mit der Aufschrift GURS 1027 km steht als Mahnmal in Freiburg auf dem Platz der Alten Synagoge. Ins französische Gurs wurden die Juden aus dem Südwesten deportiert. Foto: dpa
Ein Schild mit der Aufschrift "GURS 1027 km" steht als Mahnmal in Freiburg auf dem Platz der Alten Synagoge. Ins französische Gurs wurden die Juden aus dem Südwesten deportiert. Foto: dpa

1940 wurden fast 60.000 Juden aus dem Südwesten nach Frankreich deportiert.

Freiburg - Vor siebzig Jahren gewann die Verfolgung der Juden im Dritten Reich neue Gestalt. 5617 badische Juden wurden am 22.Oktober 1940 ins südfranzösische Gurs verschleppt, das zum "Wartesaal für Auschwitz" wurde: ein Auftakt nur, nach der ersten Deportation der Sinti nach Polen fünf Monate zuvor.

Aus dem Musterländle wurde der judenfreie Mustergau. Keine fünf Jahre später schloss im Juni 1945 der Emmendinger Rolf Weinstock (1920-1952) seinen Leidensbericht ab: "Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands. Häftling Nr. 59.000 erzählt vom Schicksal der 10.000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald".

Allein der kommunistische Volksverlag in Singen mochte sich zwei Jahre nach Ende des Kriegs als Notbehelf zur Herausgabe der Aufzeichnungen entschließen: eines unverstellten, ganz aus der Perspektive des als Juden bedrohten Jünglings verfassten Überlebensberichts vom Lageralltag in den mörderischen KZs, vom Sklavendasein der Häftlinge, von der Erniedrigung unter dem Terror der SS. Doch ohne das Engagement des Schwenninger Druckers Willy K. Hebel (1912-2005), eines Freiwirts mit linksliberal-sozialdemokratischer Prägung, wäre es bei der guten Absicht geblieben.

Der Autos in den Schmutz gezogen, sein Werk vernichtet

Das Schicksal des einsam Gemachten, der bei der Niederschrift davon ausgehen musste, dass von den Gurs-Deportierten gerade einmal zwei (!) noch am Leben waren, rührte sein Herz. Und dass er sein Buch schrieb, damit die Deutschen, aufgeklärt über die zu bestrafenden Verbrechen des NS-Regimes, "zur Besinnung kommen" und an einem gemeinsamen Haus Europa bauen, dessen Grundriss die Liebe ist: Sie "darf nicht an Grenzpfählen haltmachen, nicht andere Nationen und andere Rassen von unserer Liebe ausschalten".

Ein Württemberger machte es möglich, das Schicksal der badischen Juden nicht zu vergessen. Rolf Weinstocks ehrliche Arbeit aber wurde von keinesfalls Lernwilligen "unter Ideologieverdacht" gestellt und fand kaum Resonanz. Im Westen kam das Buch zu spät: Auch der Erfahrung mit der französischen Besatzung wegen hatte das Mitleid mit den Opfern NS-Deutschlands dem Selbstmitleid Platz gemacht.

Im Osten aber geriet Weinstock vollends unter die Räder. 1950 erschien sein Buch, ideologisch überarbeitet, unter dem Titel "Rolf, Kopf hoch!" im VVN-Verlag der jungen DDR, welche die Rassenfrage mit der Klassenfrage für erledigt erklärte. Wenn aber einer wie Weinstock an den nationalen "antifaschistischen" Mythos der Selbstbefreiung Buchenwalds rührte, wurde sein Werk eingezogen und vernichtet, der Autor selbst in den Schmutz gezogen. Die Katastrophe blieb gesamtdeutsch - unter verschiedenen Vorzeichen.

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