Allein am zurückliegenden Sonntag musste die Polizei mehrfach im Inselbad Untertürkheim anrücken – wegen sexueller Übergriffe. Polizei und Bäderbetriebe verfolgen jede Beschwerde.
Die Bediensteten des Inselbads Untertürkheim haben schon vor dem kalendarischen Sommeranfang in dieser Woche heiße Tage erlebt. Bei Temperaturen von mehr als 30 Grad strömten in der vergangenen Tagen Tausende Besucher in Stuttgarts größtes Freibad. „Am Sonntag registrierten wir mehr als 11 000 Gäste“, sagt Jens Böhm, der Sprecher der Stuttgarter Bäder. Es zeigte sich allerdings auch die Kehrseite des guten Besuchs: Wegen sexueller Übergriffe kam die Polizei gleich mehrfach ins Inselbad.
Frauen sexuell belästigt
In allen Fällen sollen Frauen sexuell belästigt worden sein. Eine 33-Jährige rief am Mittwoch vor einer Woche die Badbediensteten zu Hilfe, weil ein 31-Jähriger sie im FKK-Bereich zunächst am Bauch und dann an der Brust berührt haben soll, obwohl sie ihn aufgefordert hatte, dies zu unterlassen. Am Samstag wurden dann drei Mädchen im Alter von 13 Jahren Opfer von Übergriffen. Ein 22-Jähriger soll ihnen ans Gesäß gefasst haben. Am Sonntag nahmen die Polizeibeamten dann gleich mehrere Anzeigen auf. Zwei 16 und 17 Jahre alte Jugendliche hielten sich im Strudelbecken auf. Ein bislang Unbekannter soll sie dort mehrfach unsittlich angefasst haben. Er konnte fliehen. In drei weiteren Fällen wurden die mutmaßlichen Täter jedoch von den Badbediensteten festgehalten. Die Polizei nahm ihre Personalien auf.
Massenschlägerei in Berliner Bad
Sexuelle Übergriffe und aggressives Verhalten nehmen aber nicht nur in Stuttgarter Bädern zu. In Berlin eskalierte am Wochenende ein Streit nach einer Wasserpistolen-Spritzerei zu einer Massenschlägerei, an der rund 100 Personen beteiligt waren. Die Besatzungen von 13 Streifenwagen mussten schlichten. Auch aus Nürnberg, München und anderen Städten wurden Auseinandersetzungen und sexuelle Übergriffe gemeldet.
Sensibilisierte Bademeister
Die Bediensteten der Stuttgarter Bäder wurden im Vorfeld bereits auf solche möglichen Vorkommnisse geschult. Bei sexuellen Übergriffen gibt es keine Toleranz. Die Konsequenzen müssen jedem klar sein. „Jeder Meldung von Badegästen wird sofort nachgegangen, die Tatverdächtigen meist vor Ort gestellt und der Polizei gemeldet“, sagt Böhm. Gleichzeitig erhalten die Täter ein lebenslanges Haus- und Badeverbot in allen Stuttgarter Bädern.
Auch die Polizei kennt in solchen Fällen kein Pardon. „Jeder Fall wird nachverfolgt und zur Anzeige gebracht“, sagt die Polizeisprecherin Denise Ray. Die Entscheidung über die Anklage liegt dann bei der Staatsanwaltschaft. Unabhängig von den aktuellen Fällen sexueller Übergriffe macht die Staatsanwältin Stefanie Ruben deutlich, dass jeder sich strafbar macht, der grapscht, einen Kuss erzwingt oder eine andere Person ohne deren Einwilligung unsittlich berührt. Das gelte im Freibad genauso, wie überall sonst. „Sexuelle Belästigungen können mit Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren oder empfindlichen Geldstrafen geahndet werden,“ sagt die stellvertretende Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart.
Besonders schwere Fälle, wie Übergriffe einer Gruppe, können eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis fünf Jahren nach sich ziehen. „Bei der Höhe der Strafe spielen die Vorgeschichte des Tatverdächtigen, die Art des Vergehens und das Alter des Opfers eine Rolle“, sagt Ruben.
Bäder-Sprecher Böhm hat tatsächlich das Gefühl, dass die Opfer – aber auch die Tatverdächtigen – jünger werden. „Vielleicht liegt es auch daran, dass sich jüngere Opfer jetzt eher unseren Beschäftigten in den Bädern anvertrauen“, sagt Böhm. Dies könnte ein Erfolg des konsequenten Reagierens sein. „Das Verhalten der Inselbad-Bediensteten ist vorbildlich“, lobt denn auch die Polizeisprecherin Denise Ray.
Präventiv tätig werden
„Unser Ziel ist es aber auch, mögliche Konflikte im Keim zu ersticken“, sagt Böhm. Ganz bewusst würden die Bademeister Präsenz zeigen. Sie sind präventiv unterwegs, machen deutlich, dass Regeln eingehalten werden müssen und achten auf mögliche Annäherungsversuche. Bei 11 000 Besuchern falle es allerdings schwer, alles im Auge zu behalten, bittet Böhm um Nachsicht. „Da sind wir auch auf die Mithilfe anderer Badegäste angewiesen, die am besten schnellstmöglich den Beschäftigten vor Ort Vorfälle melden. In erster Linie muss unser Personal für die Wassersicherheit sorgen.“
Für den Liegebereich haben die Stuttgarter Bäder an besucherreichen Tagen zusätzliche Ordnungskräfte engagiert, die patrouillieren. Als Reaktion auf die bundesweiten Vorfälle wird dieses Personal von diesem Samstag verdoppelt. Vor Corona haben zudem die ehrenamtlichen Respektlotsen der Stadt die Inselbad-Mitarbeiter unterstützt. Sie sind jetzt aber überwiegend an anderen Brennpunkten im Einsatz. Denn auch auf Plätzen in der Innenstadt und in Freizeitanlagen sind die Konfliktpotenziale gestiegen. „Insofern sind die Freibäder ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt Böhm.
Wegen des Internationalen Schwimmfestes ist das Inselbad an diesem Wochenende für die Öffentlichkeit geschlossen. Alle anderen Freibäder in Stuttgart haben regulär geöffnet.