Badespaß für Kinder, hier im Untertürkheimer Inselbad: Beim Umkleiden aber können sich weibliche Badegäste gestört fühlen, wenn Mütter ihre Söhne in die Frauenkabine mitnehmen. Foto: Peter-Michael Petsch

Der Besucherandrang in den Freibädern der Region wirft eine Frage mit großem Konfliktpotenzial auf: Darf ein Schulbub mit der Mutter in die Frauenumkleide? Oder sollten dem Kindergarten bereits entwachsene Jungs aus Rücksicht auf das Schamgefühl weiblicher Badegäste lieber draußen bleiben?

Stuttgart - Das sommerliche Traumwetter löst im Freibad von Steinheim an der Murr nicht nur zufriedene Gesichter aus. Denn durch den enormen Besucherandrang nach Abkühlung lechzender Badegäste hat sich in dem „Wellarium“ genannten Schwimmparadies ein Problem verschärft, dass bereits in der Vergangenheit immer wieder für gewisse Spannungen gesorgt hat.

Wiederholt haben sich weibliche Badegäste mit der Bitte ans Personal gewandt, doch künftig ein scharfes Auge auf die Geschlechtertrennung im Umkleidebereich zu werfen. Im eigentlich für Frauen reservierten Kabinentrakt und in den angrenzenden Duschen sind nämlich auch Buben unterwegs, die durchaus auch eigenständig in eine Badehose schlüpfen könnten – von ihren Müttern aber auch im Schüleralter noch in die Frauenumkleide mitgenommen werden.

Bei manchen Besucherinnen löst die mangelnde Rücksicht auf ihr Schamgefühl nachhaltige Empörung aus. Wenn Kinder auf Körperteile starren, die normalerweise unterm Schwimmanzug verborgen sind, hagelt es Proteste im „Wellarium“. Während männliche Stammbesucher in Steinheim hinter vorgehaltener Hand seit Jahren gern über den „Zicken-Zoff im Damentrakt“ lästern, nimmt Torsten Bartzsch die Sorgen ernst: „Es ist sicherlich ein schwieriges Thema. Aber es gibt schon auch regelmäßig Beschwerden“, räumt der Bürgermeister der Steinheimer Nachbargemeinde Murr ein.

Schild an der Eingangstür zur Frauenumkleide

Gemeinsam mit seinem Steinheimer Amtskollegen Thomas Rosner ist Rathauschef Bartzsch für den interkommunalen Freibadbetrieb im „Wellarium“ verantwortlich. Und hat nun die Konsequenz aus dem dauerhaft schwelenden Streit um die strikte Geschlechtertrennung gezogen: Mit einem Schild an der Eingangstür zur Frauenumkleide werden Mütter neuerdings unmissverständlich aufgefordert, Söhne im Schüleralter lieber draußen zu lassen.

„Liebe Muttis! Aufgrund zunehmender Beschwerden bitten wir Sie höflichst, Ihre schulpflichtigen Jungen (ab sechs Jahren) in die Herrenumkleide zu schicken“, steht seit wenigen Tagen auf dem Hinweis zu lesen. Freibad-Chef Bartzsch betont vorsorglich, dass die neue Regelung „noch nicht in Stein gemeißelt ist“. Nach der Freibad-Saison soll diskutiert werden, ob die Tabuzone für Schulbuben tatsächlich den gewünschten Effekt hat. Denn der unverblümte Rauswurf stößt bei der Fraktion der Mütter auf wenig Verständnis. „Alleine in die Herrenumkleide wollen sie ihre Söhne auch nicht lassen“, umreißt der Bürgermeister den Konflikt.

In der Region Stuttgart ist der schriftliche Hinweis auf die Geschlechtertrennung ein ungewöhnlicher Schritt. Vorbilder gibt es weder in Stuttgart noch in den Nachbar-kreisen. Allerdings räumen etliche Badechefs ein, dass die Frage nach der Rücksicht aufs Schamgefühl auch andernorts mitunter eine Rolle spielt. Die Bäderbetriebe in der Landeshauptstadt etwa haben schon in der Hausordnung geregelt, dass Angehörige ihre „Kinder im Vorschulalter“ in Erwachsenen-Umkleiden mitnehmen dürfen. Außerdem ist festgeschrieben, dass Jugendliche bis 16 Jahren, Schüler und Studenten grundsätzlich in die Sammelkabine müssen.

„Bei einem Achtjährigen würden wir aber schon sagen, dass er sich auch alleine umziehen kann“

„Ich bin als Kind immer mit meinem Vater in die Schwimmbad-Umkleide, das war gar kein Problem“, erinnert sich die Sprecherin Karin Rudolph. Es gebe aber auch in Stuttgart die Tendenz, dass Mütter auch ältere Söhne bedenkenlos in die Frauendusche mitnehmen würden. „Mehr Familienumkleiden einzurichten ist bei jährlich drei Millionen Besuchern praktisch die einzige Lösung für das Problem“, sagt sie.

Bei den in Böblingen für die Bäder verantwortlichen Stadtwerken gab es laut Martina Smekal bisher noch keinen Anlass für eine Regelung. „Wir haben keine Altersgrenze, weil das noch nie ein Problem war“, sagt sie. Bei Beschwerden sei grundsätzlich erst mal das Aufsichtspersonal vor Ort gefragt, um Konflikte zwischen Badegästen zu lösen. An ähnlich gelagerte Zwischenfälle wie im Steinheimer „Wellarium“ kann sich die Sprecherin aber nicht erinnern. Auch im Badepark „Fildorado“ sind keine Klagen über Jungs in der Frauenumkleiden bekannt. „Bei einem Achtjährigen würden wir aber schon sagen, dass er sich auch alleine umziehen kann“, heißt es bei der Aufsicht.

Ähnlich pragmatisch gehen die Stadtwerke in Waiblingen an die Geschlechterfrage im Umkleidetrakt heran. „Wir haben da ­keine bestimmte Regelung festgeschrieben, aber auch keine Beschwerden“, erklärt die für die Bäder zuständige Sabine Peckl. Auch sie verweist auf die Familienumkleiden, wenn Mütter ihre Söhne lieber nicht allein zu den Herren schicken wollen.

Ganz anders ist die Frage nach dem Nachwuchs übrigens in Sinsheim gelöst: Ähnlich wie in den Schwabenquellen in Stuttgart haben Kinder unter 16 Jahren gar keinen Zutritt zum Badeparadies – für Familien wird nur samstags eine Ausnahme gemacht.

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