Vom Feind zum Freund: Die Taxi-Auto-Zentrale Stuttgart und Freenow kooperieren in Stuttgart und Region. Der bundesweite Modellversuch könnte Nachfolger finden – auch weil er gegen Konkurrenten wie Uber gemünzt ist.
Seit mehr als 25 Jahren fährt Süleyman Sever für die Taxi-Auto-Zentrale Stuttgart. Der 65-Jährige hat die Talfahrt im Taxigewerbe infolge der Finanzkrise und der Corona-Pandemie mitgemacht. Dass seine Fahrten künftig von der Plattform Freenow vermittelt werden, ist aber auch für ihn neu. Sein Taxi sowie rund 700 weitere, die für die Taxi-Auto-Zentrale Stuttgart (TAZ) unterwegs sind, ziert künftig ein Werbeschriftzug: Alle Taxis sind seit Montag nicht nur telefonisch, sondern auch über die Freenow-App buchbar.
Damit werden zwei erbitterte Gegner nun überraschend zu Partnern. Das internationale Vermittlerportal Freenow ging 2019 aus My Taxi hervor, das Daimler einst mit Kampfpreisen als Konkurrenzangebot zum traditionellen Taxigewerbe gestartet hatte und das in Stuttgart viel Kritik auf sich zog. Inzwischen gehört Freenow zum Mobilitäts-Joint-Venture von BMW und Mercedes-Benz und vermittelt in mehr als 150 Städten neben Taxifahrten unter anderem auch E-Scooter, E-Bikes und Carsharing.
Die Vermittlung soll künftig schneller gehen
Mit der Kooperation erhoffen sich Freenow und TAZ schnellere Vermittlungszeiten, weniger Leerfahrten sowie mehr Effizienz und einen besseren Service, der im besten Fall zu mehr Kundschaft führen soll.
Jede Anfrage werde über Freenow über eine gemeinsame Schnittstelle direkt in das Vermittlungssystem der TAZ fließen. „Wir kombinieren das Beste aus beiden Welten – die digitale Reichweite von Freenow und das lokale Know-how der Stuttgarter Taxi-Auto-Zentrale“, sagt Alexander Mönch, Präsident von Freenow Deutschland und Österreich, im besten Werbe-Sprech.
Die Partner versprechen den Fahrgästen eine bessere Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit sowie kürzere Wartezeiten „von nicht mehr als drei Minuten“. Maximal sechs bis acht Minuten daure derzeit eine Vermittlung durch die TAZ, sagt deren Vorstand Iordanis Georgiadis, in der Innenstadt meist nur drei Minuten. Freenow gibt derzeit eine durchschnittliche Vermittlungszeit von drei bis vier Minuten an, wobei es an den Stadträndern länger dauern könne. Die kürzeren Wartezeiten seien möglich, weil nun mehr Fahrzeuge die gleiche Vermittlungssoftware nutzten.
Insgesamt 2500 Fahrer sind derzeit für die TAZ unterwegs. Geschätzt 400 Fahrer nutzten bereits die Freenow-App auf ihren privaten Handys, um sich zusätzliche Aufträge zu sichern. Von der neuen Kooperation erhoffen sich die beiden Partner künftig ein Auftragsplus von 20 Prozent. Für jeden über die App eingegangenen Auftrag erhält Freenow eine Provision.
Die Kooperation sei ein „Signal an die Branche“, dass man sich für Kooperationen wie jene mit Freenow öffnen müsse, um konkurrenzfähig zu bleiben, betont Georgiadis. Mönch wiederum sieht den Schulterschluss auch als Signal an die Stadt Stuttgart, dass man sich gemeinsam für das Taxigewerbe einsetze und am Service arbeiten wolle, künftig wolle man auch gemeinsame Schulungen anbieten. „Dem Fahrgast soll klar werden, dass Taxis eine bessere Qualität liefern als Mietwagen.“
Kampfansage an Konkurrenten wie Uber und Bolt
Die Konkurrenz mit den Mietwagen, mit Fahrern, zu denen auch Uber und Bolt zählen, setzt der Taxizentrale zu. Diese sind nicht an Tarife gebunden und bieten Fahrten oft deutlich unter dem Taxitarif an. Empfinden sie eine Strecke als zu wenig lukrativ, können sie auch den Transport ablehnen. Bisher fahren in Stuttgart 20 Mietwagen auf diese Weise, sagt Georgiadis. Allerdings wären auch rund 80 Mietwagen in der Region gemeldet, die ebenfalls die Kundschaft in Stuttgart bedienten und dabei Gesetze wie die sogenannte Rückkehrpflicht zum Betriebssitz missachten, betont Georgiadis. Taxi-Auto-Zentrale und Freenow versuchen deshalb die Stadt zu überzeugen, hier besser zu kontrollieren. In Berlin habe man das Problem zu spät erkannt, sagt Mönch. Dort sei die Zahl der Mietwagen von wenigen Hundert binnen fünf Jahren auf 4500 gestiegen, während sich die Zahl der Taxis von 8200 auf 5500 reduziert habe. Kürzlich wurden mehr als 1660 nicht korrekt gemeldete Mietwagen für die Vermittlung gesperrt.
Die Kooperation sehen Mönch und Georgiadis deshalb auch als Aufforderung an andere Taxizentralen, es ihnen gleich zu tun. Seit Montag werden neben Stuttgart auch die Taxis in Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt über die Taxi-Zentrale vermittelt – das seien gut 830 der rund 950 Taxis in der Region. Bald sollen auch Fellbach, Ludwigsburg, Waiblingen, Göppingen, Aalen und Heilbronn dazustoßen. Die neuen Partner glauben, dass die Kooperation auch als Modell für weitere Städte taugt. Schon jetzt hätten Unternehmen aus weiteren Städten Interesse bekundet.
Der Taxifahrer Süleyman Sever wiederum hofft, dass ihm die neue Kooperation mehr Kunden als bisher bringt. Schon jetzt arbeite er oft sieben Tage pro Woche, um genügend Geld zu verdienen, sagt er. „Die Kooperation ist deshalb gut. Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es keinen anderen Weg.“