Der erste Blick auf das Baby ist für die Eltern etwas ganz Besonderes – ein magischer Moment (Symbolbild). Foto: Imago/Funke Foto Services

Die Kaisergeburt git als sanfte Version des Kaiserschnitts – schon im Moment der Geburt können Eltern ihr Baby sehen. Eine Stuttgarterin berichtet von ihrer Erfahrung.

Der Moment, als Julia Nägele und ihr Mann ihre Tochter zum ersten Mal erblickten war „wirklich schön und sehr berührend“ – und etwas ganz Besonderes. Denn sie konnten ihrem Baby im Augenblick der Geburt in die Augen schauen, obwohl es per Kaiserschnitt auf die Welt kam. Üblicherweise haben Eltern bei einem Kaiserschnitt nicht das Privileg eines ersten visuellen Kontakts: Ein Sichtschutz verhindert normalerweise den Blick auf den aufgeschnittenen Bauch der Mutter. Auch wird das Baby der Mutter meist erst nach ein paar Minuten übergeben, wenn es bereits in Tücher gewickelt wurde. Bei der sogenannten Kaisergeburt ist das anders.

 

„Wir hatten immer wieder Patientinnen, die auch bei einem Kaiserschnitt gerne näher dran gewesen wären. Da es uns um eine frauenorientierte Geburt geht, wollten wir ihnen den Wunsch erfüllen, wenn möglich“, sagt Ulrich Karck, Ärztlicher Direktor in der Frauenklinik des Stuttgarter Klinikums. Er bietet den Eltern daher an, den Sichtschutz zu entfernen, wenn das Baby aus dem Bauch der Mutter genommen wird, und es dabei zu den Eltern zu drehen. Neun von zehn betroffenen Frauen entscheiden sich dafür, erzählt Karck: „Das ist ein spiritueller Moment. Wir bekommen viele positive Rückmeldungen.“

Ulrich Karck bietet in der Stuttgarter Frauenklinik Kaisergeburten an. Foto: Klinikum Stuttgart/Kai Loges

Besonderes Erlebnis durch Kaisergeburt am Klinikum Stuttgart

Dabei war Julia Nägeles erste Reaktion Abwehr, als Karck ihr die Kaisergeburt vorschlug: „Ich hatte Angst, dass ich meinen aufgeschnittenen Bauch sehe“, so die Stuttgarterin. Doch Ulrich Karck konnte sie davon überzeugen, dass sie nicht die Wunde, sondern nur ihr Baby zu sehen bekomme. Und so war es dann auch.

Obwohl sich die 38-Jährige bewusst für einen geplanten Kaiserschnitt entschieden hatte, machte ihr der Eingriff Angst. Fast unwirklich kam ihr der eigene Körper vor, „als wäre er weit weg“, wie sie es beschreibt. Doch der Arzt ermunterte sie mitzupressen. So war sie auf das Ereignis besser vorbereitet und hatte das Gefühl, mitwirken zu können. Kurz bevor es soweit war, sagte Karck: r: „Sind Sie bereit für eine große Geburtstagsparty?“ An diese Frage erinnert sich Julia Nägele gern, denn schon im nächsten Moment hörte sie ein Quäken und sah ihre Tochter zum ersten Mal.

Wie sonst bei vaginalen Geburten üblich, durfte ihr Mann die Nabelschnur durchtrennen – und dann wurde Julia Nägele ihre Tochter direkt auf die Brust gelegt. „Es war mir sehr wichtig, dass die Kleine nicht gleich weggenommen und abgewaschen wird, sondern erst mal bei mir bleiben darf.“ Den Sichtschutz hatte das Ärzteteam direkt nach der Entbindung wieder hoch gezogen, um die Operation am Bauch beenden zu können. Doch Mutter und Kind bekamen rund zehn Minuten Zeit für ein erstes Kennenlernen und Kuscheln, bevor die Kleine gewaschen und versorgt wurde. Momente, die Julia Nägele auch eineinhalb Jahre später noch in schöner Erinnerung hat.

Auch das Marienhospital in Stuttgart senkt den Sichtschutz

In der Berliner Charité führte der Klinikdirektor Wolfgang Henrich im Jahr 2012 erstmalig in Deutschland Kaisergeburten ein. Ziel war es, sich dem Erlebnis einer vaginalen Geburt so weit wie möglich anzunähern, inklusive direktem Hautkontakt und Glücksgefühlen. In der Stuttgarter Frauenklinik macht Karck die Kaisergeburten seit rund drei Jahren regelmäßig. Zunächst praktizierte nur er diese Möglichkeit, doch inzwischen bieten sie auch seine Kolleginnen und Kollegen den Patientinnen an. Im Marienhospital in Stuttgart ist es auf Wunsch der Patientinnen ebenfalls möglich, den Sichtschutz zu senken.

Doch nicht jeder Kaiserschnitt ist auch als Kaisergeburt geeignet. Voraussetzung ist, dass die Situation von den Geburtshelfern als gut kontrollierbar eingeschätzt wird. Das ist bei einem geplanten Kaiserschnitt meist der Fall. Zudem müssen die Ärzte davon ausgehen können, dass das Kind nach der Entbindung fit genug für die Prozedur ist. „Bei einem Notkaiserschnitt gibt es die Option nicht“, stellt Karck klar. Doch wenn alles passt, spricht aus der Sicht des erfahrenen Arztes nichts dagegen, den Eltern dieses besondere Geburtserlebnis zu ermöglichen.