Die Nationalspielerin Julia Behnke zieht es nach Russland. Foto: dpa

Die besten Frauenhandball-Teams Deutschlands kämpfen am nächsten Wochenende beim Final Four in Stuttgart um den DHB-Pokal. International spielen die Bundesligisten aber nur eine Nebenrolle. Weshalb?

Stuttgart - Warum können die deutschen Frauenhandball-Spitzenteams international nicht mit den ganz Großen der Branche mithalten? Herbert Müller, der Trainer des amtierenden deutschen Meisters Thüringer HC, muss lächeln – und stellt gleich eine Gegenfrage: „Kennen Sie Cristina Neagu?“

 

Die Rumänin ist Welthandballerin der Jahre 2010, 2015, 2016 und 2018. Die 30-Jährige genießt in ihrer Heimat Legendenstatus wie in anderen Ländern Sporthelden wie Franz Beckenbauer oder Cristiano Ronaldo. „Ihr wird der rote Teppich ausgelegt, sie ist Stammgast in TV-Sendungen. Frauenhandball ist in Rumänien Mannschaftssportart Nummer zwei“, weiß Müller. Kenner der Szene schätzen den Monatsverdienst der Rückraumspielerin auf 30 000 Euro. Cristina Neagu spielt für CSM Bukarest. Der Verein kommt auf einen Jahres-Etat zwischen fünf und sechs Millionen Euro. Der allergrößte Teil wird von der Stadt und dem Land finanziert. Müller: „Der Sport ist dort der wichtigste Werbeträger.“

Im Osten Europas wird am besten bezahlt

In Osteuropa ist das kein Einzelfall. Auch bei ZRK Buducnost Podgorica aus Montenegro (Champions-League-Sieger 2012 und 2015) wird 80 Prozent des geschätzten Fünf-Millionen-Euro-Etats vom Land auf die Beine gestellt. Absoluter Krösus Frauen-Welthandball ist Audi ETO Györ. Vergangenen Sonntag machten die Ungarinnen ihren Titel-Hattrick in der Champions League perfekt. Dem Club stehen bis zu sieben Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Wie das möglich ist? Ein wesentlicher Grund sind Steuererleichterung, die internationale Firmen erhalten, welche den ungarischen Sport unterstützen. In diesem Fall Audi. Der unterlegene Champions-League-Finalist Rostow-Don freut sich über Finanzspritzen eines Öl-Giganten. Nationalspielerin Julia Behnke wechselt in der neuen Saison von der TuS Metzingen zum russischen Topclub. Da Konkurrenz bekanntlich das Geschäft belebt, will Staatspräsident Wladimir Putin in der Hauptstadt künftig den Frauenhandball-Club Luch Moskau stärker unterstützen. „Der Sprung auf die Gipfel Europas ist für diesen Club dann nur eine Frage der Zeit“, ist sich Müller sicher.

Der deutsche Krösus heißt SG BBM Bietigheim

Der erfolgreichste deutsche Frauentrainer (zehn deutsche Meisterschaften) kommt mit seinem Thüringer HC auf einen Etat von 1,3 Millionen Euro. In der Champions League war in der Gruppenphase Schluss. Die Bundesligisten sind zwar nicht hoffnungslos unterlegen, aber weit weg von einer Final-Four-Teilnahme. „Wir haben eben nicht die Möglichkeiten wie die ausländischen Topclubs. Wir haben keinen Großsponsor und seit zehn Jahren den gleichen Etat“, sagt Müller. Ähnliche finanzielle Möglichkeiten wie der THC hat die TuS Metzingen. Doppelt so viel Geld steht geschätzt der SG BBM Bietigheim zur Verfügung. Vor allem Dank Mäzen Eberhard Bezner, dem Seniorchef der Firma Olymp mit dem großen Herz für den Frauenhandball. „Die SG BBM ist definitiv der einzige deutsche Club, der die Chance hat mit der internationalen Konkurrenz mitzuhalten“, betont Müller.

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In Bietigheim wird die Rolle des deutschen Branchenkrösus nur ungern angenommen. 3000 bis 4000 Euro monatlich verdient eine absolute Spitzenkraft in der Bundesliga. SG-Geschäftsführer Gerrit Winnen will keine Zahlen bestätigen, er sagt nur: „Wir sind solide und gesund aufgestellt, aber die Top Acht der Champions League sind finanziell eine ganz andere Welt.“ Dennoch gibt er sich kämpferisch: „Mittelfristig wollen wir schon versuchen, das Final Four der Königsklasse zu erreichen.“

In der Bundesliga ist das Niveau gesunken

Um international wettbewerbsfähiger zu sein, wäre es auch kein Nachteil, wenn die Bundesliga in der Spitze breiter aufgestellt wäre. „Das Niveau ist schlechter geworden“, stellt Müller fest – und schiebt die Begründung hinterher: „Sonst würden wir nicht mit zwei Minuspunkten Vize-Meister werden“, meint er vor dem Showdown im Titel-Fernduell mit Bietigheim an diesem Samstag. Immer wieder brechen in der Bundesliga Teams weg. Der sechsmalige deutsche Frauen-Meister HC Leipzig meldete 2017 Insolvenz an. Müllers Ex-Verein 1. FC Nürnberg erlitt bereits 2009 das gleiche Schicksal. „Und das wegen fehlender 140 000 Euro“, erinnert sich Müller und erzählt eine Anekdote. Er hatte drei Spielerinnen aus der Slowakei im Kader. Der damalige slowakische Nürnberger Fußball-Profi Robert Vittek schaute deshalb immer bei den Handballspielen zu. „Als er im Nachhinein erfuhr, dass wir wegen des Monatsgehalts eines manchen Fußball-Profis den Betrieb einstellen mussten, war er geschockt.“

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Auch die DJK/MJC Trier (deutscher Meister 2003) zog sich aus wirtschaftlichen Gründen aus der Bundesliga zurück und stellte nun auch in der zweiten Liga einen Insolvenzantrag. Nach dieser Saison wird auch der TV Nellingen statt in der Bundesliga freiwillig in der dritten Liga zum Sprungwurf ansetzen.

Jedes Jahr eine neue Insolvenz

Das Ausbluten tut weh. „Fast jedes Jahr erwischt es ein Team. Das ist ein großer Schaden für die Liga“, sagt Metzingens Trainer André Fuhr. Sein Club ist professionell aufgestellt, doch auch er muss damit leben, dass die besten Kräfte weggekauft werden. Wie eben Julia Behnke oder Nationaltorhüterin Isabel Roch von Borussia Dortmund. Der Ligarivale, derzeit Siebter, wird als „schlafender Riese“ bezeichnet. BVB-Präsident Reinhard Rauball bringt eine hohe Affinität zum Frauenhandball mit. „Solch eine Marke wie der BVB hat enorme Strahlkraft. Zudem bestreitet ein Fußball-Bundesligist den Etat eines Frauenhandball-Erstligisten aus der Portokasse“, sagt Müller. Doch Nachahmer eines solchen Modells sind weit und breit nicht in Sicht.

„Frauenhandball ist solch ein dynamischer, athletischer, schneller und ästhetischer Sport, doch der gesellschaftliche Stellenwert der Frau im Sport ist in Deutschland eben nicht so hoch wie etwa in Skandinavien. Und im Fernsehen spielt Frauenhandball überhaupt keine Rolle “, nennt Fuhr weitere Aspekts für die Nebenrolle. Seine These stützt die Tatsache, dass Norwegen in Vipers Kristiansand den aktuellen Champions-League-Dritten stellt und HC Odense (Dänemark) immerhin das Viertelfinale erreichte.

Es hapert auch an der Infrastruktur

Wie Lösungen aussehen könnten? Müller fordert mehr Mut von den Frauen-Bundesligisten. Die Clubs müssten offensiver umgehen mit dem internationalen Wettbewerb. Der zweitklassige EHF-Pokal-Wettbewerb dürfe nicht als lästige Pflicht angesehen werden. Fuhr sieht ein weiteres hausgemachtes Problem in der Liga. „Viele Vereine denken nicht an morgen und schon gar nicht an übermorgen“, meint der Metzinger Handball-Fachmann.

Was er damit sagen will: Zu wenig wird in Hauptamtlichkeit und in die Infrastruktur der Hallen investiert. Das wäre ein Fortschritt, eine Cristina Neagu mit einem Monatsverdienst von 30 000 Euro im Kader zu haben, bliebe dennoch Utopie.