In Frankreich dürfen die DFB-Frauen unbeschwert jubeln – in der Heimat läuft es nicht ganz so rund. Auch wenn deutsche Vereine schon große Erfolge gefeiert haben, wie unsere Bildergalerie zeigt. Foto: Getty

Die DFB-Frauen erspielen sich bei der WM in Frankreich neue Fans. In der Heimat jedoch verzichten weiterhin einige große Clubs auf weibliche Mannschaften – auch der VfB Stuttgart.

Stuttgart - Wer beim VfB Obertürkheim die Hosen an hat, daran besteht nun endgültig kein Zweifel mehr. In der dritten Minute der Nachspielzeit kassierten die Bezirksliga-Kicker des Vereins am Sonntag das 1:2 gegen den TV 89 Zuffenhausen und stiegen in die Kreisliga A ab, die zweitunterste aller Fußballligen. Die VfB-Frauen hingegen hatten schon zuvor erstmals den Aufstieg in die Regionalliga geschafft, die dritthöchste Spielklasse in Deutschland.

Ein toller Erfolg für den kleinen Club im Südosten Stuttgarts – traurig jedoch, dass kein Verein in Württemberg höher spielt als der VfB Obertürkheim. Bei den Männern gibt es im VfB Stuttgart und dem 1. FC Heidenheim wenigstens zwei Zweitligisten – ein weißer Fleck auf der Landkarte ist das Revier des Württembergischen Fußball-Verbands (WFV) bei den Frauen. Kein Bundesligist, nicht einmal ein Zweitligist weit und breit.

Für machen Clubs bleibt der Fußball reine Männersache

Auch die Weltmeisterschaft in Frankreich, bei der die DFB-Auswahl am Samstag (18.30 Uhr/ARD) gegen Schweden um den Einzug ins Halbfinale kämpft, dürfte wenig daran ändern, dass der deutsche Frauenfußball auf Vereinsebene nicht nur in Württemberg den Männern meilenweit hinterher hinkt. Von dem Boom, der in anderen großen Fußball-Nationen wie England oder Spanien ausgebrochen ist, können die Spielerinnen hierzulande nur träumen. Eher stiefmütterlich behandeln viele Proficlubs den Frauenfußball. Manche ignorieren ihn sogar und betrachten dieses Spiel auch im Jahr 2019 als reine Männersache.

Standhaft weigern sich die Revierclubs Borussia Dortmund und Schalke 04, ihre Vereine auch für kickende Frauen zu öffnen; Hertha BSC ließ 2016 eine Kooperation mit dem 1. FC Lübars wieder auslaufen und eröffnete zuletzt lieber eine E-Sport-Akademie. Über ein Zusammengehen mit dem VfL Sindelfingen, einst Gründungsmitglied der Frauen-Bundesliga und nun in die Oberliga abgestürzt, wird seit Jahren beim VfB Stuttgart nachgedacht. Zu mehr als losen Absichtserklärungen hat es bislang aber nicht gereicht. Auf dem eigenen Vereinsgelände, so lautet die Ansage, gebe es derzeit nicht genug Platz für eine Frauenmannschaft, da es schon für den Nachwuchs eng sei.

Titel in Wolfsburg, Nachwuchsförderung in Hoffenheim und Freiburg

Trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen, trotz der Möglichkeiten, neue Zielgruppen zu erschließen und das eigene Image aufzupolieren, sind es streng genommen nur vier deutsche Proficlubs, die den Frauenfußball konsequent und aus voller Überzeugung unterstützen: Der Abonnementmeister und zweimalige Champions-League-Sieger VfL Wolfsburg und der FC Bayern sowie die TSG Hoffenheim und der SC Freiburg, die seit Jahren erfolgreiche Nachwuchsarbeit betreiben.

Werder Bremen dagegen ist aus der Bundesliga wieder abgestiegen – genau wie Borussia Mönchengladbach. Ein einziges Pünktchen, dafür aber 110 Gegentore in 22 Spielen, so lautete die vernichtende Bilanz der Borussia-Frauen, während die Männer immerhin die Europa League erreichten. Die Frauenmannschaft des FC Augsburg fristet ihr Dasein sogar nur in der Bezirksoberliga Schwaben.

Der 1. FFC Frankfurt schließt sich der großen Eintracht an

So kommt es, dass fast die halbe Bundesliga noch immer aus Teams besteht, die keinen potenten Lizenzclub im Rücken haben: Spartenvereine wie der SC Sand, die SGS Essen oder Aufsteiger FF USV Jena, die mit ihren Budgets eigentlich gar nicht konkurrenzfähig sein dürften. „In den nächsten Jahren wird es kein reiner Frauenfußballclub mehr schaffen, einen Titel zu gewinnen. Es sei denn, ihnen fällt ein Milliardär auf den Tisch“, sagt Frauenfußball-Pionier Siegfried Dietrich (65), Manager des 1. FFC Frankfurt.

Aus dem kleinen Club SG Praunheim formte Dietrich einst den erfolgreichsten Frauenfußballclub Europas. Viermal gewannen die Frankfurterinnen die Champions League, zuletzt 2015. Mit Wolfsburg und den Bayern aber können sie nicht mehr mithalten – nicht zu reden von den internationalen Großclubs aus England, Spanien oder Frankreich, die deutlich mehr Geld in den Frauenfußball stecken. Um trotzdem konkurrenzfähig zu bleiben, hat sich Dietrich nun zu einem Schritt entschlossen, der ihm nicht leicht gefallen sein dürfte.

Real Madrid plant für nächstes Jahr den Großangriff

Sein Club wird bei der Frankfurter Eintracht eingegliedert, die ganz andere finanzielle Möglichkeiten hat. Von 2020 an verschwindet der Name des ruhmreichen 1. FFC Frankfurt. Der Zusammenschluss sein „ein tolles Zeichen für den Frauenfußball-Standort Frankfurt, den wir als Eintracht auf diese Weise gezielt weiterentwickeln möchten“, sagt Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic, unter dessen Gesamtverantwortung die Fußballfrauen stehen werden. Dietrich rückt ins zweite Glied – und ist trotzdem bester Dinge: „Damit liegen wir im Trend. Die Kooperation mit einem Männerverein ist sinnvoll, um den Frauenfußball dort unterzubringen, wo die besten Strukturen und Möglichkeiten bestehen.“

Vom nächsten Jahr an steigt übrigens auch Real Madrid groß ein und übernimmt die Lizenz des spanischen Erstligisten CD Taron. Spaniens Frauenfußball-Chef Rafael del Amo ist begeistert: „Es ist eine Ehre, Real Madrid im Wettbewerb zu haben. Es ist das Monster, das fehlte.“ In Deutschland fehlen zumindest noch einige größere Fische.

Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie: Das sind die erfolgreichsten deutschen Frauenmannschaften.

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