Dzsenifer Marozsan kann gut mit dem Ball umgehen. Foto: dpa

Weltklassespielerin Dzsenifer Marozsan schwächelt in ihrem ersten Turnier als Kapitänin – im EM-Viertelfinale soll nun die Wende her

Stuttgart/Rotterdam - Die Tänzerin ist aus dem Takt gekommen. Was sonst immer so leicht aussieht, wirkt nun schwerfällig. Die sonst so genauen Pässe landen im Nirgendwo. Die Edeltechnikerin verhaspelt sich. Immer wieder. Das Bild, das Dzsenifer Marozsan (25) bisher bei der EM in den Niederlanden abgibt, entspricht so gar nicht dem, was allgemein von der deutschen Spielmacherin und Kapitänin erwartet wird. Die Bundestrainerin Steffi Jones adelte Marozsan jüngst als „weltbeste Spielerin“, dazu kam kürzlich die Auszeichnung als Fußballerin des Jahres in Deutschland. Und jetzt? Spielt Marozsan oft Fehlpässe statt Traumpässe. Dass das deutsche Team im Turnierverlauf noch kein Tor aus dem Spiel heraus geschossen hat, liegt neben der Abschlussschwäche im Sturm auch an der Regisseurin Marozsan, die noch nicht in Tritt gekommen ist.

An diesem Samstag (20.45 Uhr/ZDF) soll im Viertelfinale in Rotterdam gegen Dänemark der Befreiungsschlag her. Für das deutsche Team nach den eher durchwachsenen Auftritten in der Vorrunde. Und für Dzsenifer Marozsan, die normalerweise stärkste Spielerin im Kader.

Marozsan hat einen speziellen Charakter

Dass sie ihre Qualitäten bisher nicht abrufen konnte, hat viel zu tun mit überhöhten Erwartungen und gestiegener Verantwortung. Und mit dem ganz speziellen Charakter, der Marozsan da hin gebracht hat, wo sie heute ist: an die Weltspitze. Ihre ureigenen Ansichten über ihren Sport scheinen ihr zurzeit aber irgendwie auch im Weg zu stehen.

Dzsenifer Marozsan, das ist gelebter Straßenfußball. Auf dem Platz. Und im Kopf. „Für mich ist Fußball Kreativität. Klar habe ich früher oft gesagt bekommen: Dzseni, lass diesen Schnickschnack weg. Aber das ging zum einen Ohr rein und zum anderen Ohr raus“, sagte Marozsan in einem Interview mit der „SZ“ und ergänzte: „Fußball muss Spaß machen. Für mich gibt es da kein ‚der Pass muss von A nach B und dann zu C’“. So was müsse instinktiv passieren, das müsse man erkennen, ergänzte Marozsan. Und: „Das muss einfach laufen.“

Und bei Marozsan läuft es. Von frühester Kindheit an. Sie verbrachte ihre Zeit auf dem Bolzplatz mit den Jungs. Der ältere Bruder sträubte sich erst dagegen, aber Dzsenifer Marozsan ging einfach mit – und wurde irgendwann aufgrund ihres Talents akzeptiert, „Dort habe ich am meisten gelernt, da gibt’s keine Regeln, du musst dich durchsetzen“, sagt sie. „Mich hat diese Art des Fußballs sehr geprägt. Entweder du verstehst das Spiel oder du gehst unter.“

Marozsan verstand. Und wie. Die Tochter des früheren ungarischen Nationalspielers Janos Marozsan, der seine Karriere beim 1. FC Saarbrücken ausklingen ließ und mit der Familie dort sesshaft wurde, wurde mit 15 Jahren und einer Sondergenehmigung die jüngste Bundesligaspielerin der Geschichte. Alles lief. Marozsan kickte frei heraus. Sie lebte ihre Kreativität und die Genialität aus.

Ohne sich einen Kopf zu machen wurde sie zur Weltklassespielerin. Die vergangene Saison markierte nun den vorläufigen Höhepunkt. Nach dem Olympiasieg in Rio räumte Marozsan mit dem französischen Spitzenclub Olympique Lyon alles ab, was es zu gewinnen gibt: Meisterschaft, Pokal und Champions League. Dazu gab es gleich in der Debütsaison die Auszeichnung als beste Spielerin des Jahres in Frankreich.

Die Wohlfühloase in Lyon

Warum es auf Anhieb so gut gelaufen ist in Lyon? Marozsan kennt die Antwort. Weil sie sich kennt und weiß, was sie braucht: die grenzenlose Freiheit. Auf dem Platz. Und im Kopf. Marozsan benötigt so viel Bolzplatzmentalität im Profitum, wie es irgendwie geht. „Es macht bei Olympique nichts aus, wenn man mal fünf Minuten zu spät kommt, da schaut keiner auf die Uhr“, sagt sie, „die dortige Mentalität kommt mir zugute.“ Es sei normal für sie, nicht überpünktlich zu kommen, ergänzt Marozsan: „Meine Familie hat manchmal zwei Tore verpasst, bevor ich sie auf der Tribüne gesehen habe.“

Und genau diesen Freigeist ernannte die Bundestrainerin Steffi Jones vor der EM nun zur neuen Spielführerin. Marozsan tut sich offenbar noch schwer in ihrer neuen Rolle. Denn eigentlich will sie doch nur spielen. Und im Zweifel eher keine Teamkollegin maßregeln, wenn sie wie Marozsan selbst gerne mal zu spät zum Training kommt.

Marozsan als Kapitänin, das funktioniert wohl nicht von heute auf morgen. Die große Frage wird sein, ob es überhaupt klappen wird. Die Bundestrainerin erklärt sich den schwachen EM-Start ihres Schützlings so: „Der hohe Anspruch, den sie an sich selbst hat, führt zu Fehlpässen, weil sie etwas Besonderes machen möchte. Ich glaube, dass sie sich unter Druck gesetzt hat, weil sie alles für mich und das Trainerteam will.“ Es ist wie so oft bei den Kreativen: wenn man sie plötzlich bewusst in die Verantwortung nimmt und so in gewisser Weise in ein Korsett zwängt, verkrampfen sie und wollen zu viel. Anstatt wie früher einfach loszulegen und sich keinen Kopf zu machen. Der neuen Kapitänin die alte Lockerheit vermitteln – das ist die wohl wichtigste Aufgabe von Steffi Jones im restlichen EM-Verlauf.

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