Nachdem die VfB-Herren lange japanische Spieler unter Vertrag hatten, ziehen die Frauen nach: Gleich zwei Japanerinnen kämpfen mit um den Aufstieg in die erste Liga.
Letzte Einheit im Morgentraining: das Zwei-Kontakt-Spiel. Die VfB-Spielerinnen stehen im Kreis um Trainer Nico Schneck und lauschen seinen Anweisungen. Auch die neue japanische Stürmerin Haruka Osawa hört zu, obwohl sie kein Wort versteht. „Es spielen sieben gegen sieben auf engem Raum, und der Ball darf nach der Annahme nur noch ein Mal berührt werden. Beachtet dabei . . .“ Osawa wartet das Kauderwelsch geduldig ab und zählt derweil sieben Leibchen. Sie nimmt wahr, wie sich ihre Mitspielerinnen aufstellen und wartet die ersten Pässe ab. Dann weiß sie, was zu tun ist.
Es kann von Vorteil sein, nicht so viel mitzukriegen. Als die Stürmerin im Sommer des vergangenen Jahres vom japanischen Proficlub JEF United Ichihara Chiba zum VfB Stuttgart wechselte, ahnte sie nichts von der Anspannung im Team. Die VfB-Frauenmannschaft war gerade von der Regionalliga in die zweite Bundesliga aufgestiegen. Das Team wurde kritisch beäugt, alle standen ordentlich unter Druck und starteten verhalten. Nicht so Haruka Osawa. „Sie brachte eine riesige Spielfreude mit“, erinnert sich die Pressesprecherin Melanie Stitterich. „Haruka spielte völlig frei auf und hat vorn einfach ihre Tore gemacht.“
In den ersten drei Spielen traf sie gleich vier Mal. Auf den furiosen Start folgte jedoch ein schmerzhafter Dämpfer. Noch im dritten Spiel verletzte sich die Japanerin am Meniskus. „Sie hat sich nichts anmerken lassen und spielte die Halbzeit zu Ende “, erinnert sich Stitterich. „Da kam die japanische Mentalität voll zum Vorschein.“
Sie ist die zweite Japanerin, die Sascha Glass für den VfB gewinnen konnte. Vor zwei Jahren verpflichtete der Manager der VfB-Frauenmannschaft bereits die Mittelfeldspielerin Yuka Hirano. „Ich habe in meiner Trainerkarriere nur gute Erfahrungen mit japanischen Spielerinnen gemacht“, erzählt Sascha Glass. „Sie haben eine super Einstellung, sind ehrgeizig und fleißig, gleichzeitig immer höflich und korrekt.“ Als Glass Trainer beim 1. FFC Frankfurt war, arbeitete er beispielsweise mit Saki Kumagai zusammen, heute Kapitänin der japanischen Nationalmannschaft. Yuka Hirano lernte er später in seiner Zeit beim 1. FC Köln kennen, ihrem ersten ausländischen Arbeitgeber. „Yuka ist eine Führungsspielerin. Sie verliert nie die Nerven, mäkelt auch nie oder sucht die Fehler woanders“, sagt Glass. „Ich wusste genau, was ich bekomme.“
Sie verliert nie die Nerven, mäkelt auch nie oder sucht die Fehler woanders.
VfB-Manager Sascha Glass über die Mittelfeldspielerin Yuka Hirano
Damit knüpfen die Frauen an eine Tradition an, die bis zuletzt von den Herren gepflegt wurde: Seit 2011, seit Gotoku Sakais Debüt in der Herrenmannschaft, hatte der VfB mit Ausnahme einer Saison bis zum Sommer 2024 immerzu japanische Spieler im Kader. Wozu auch die Vereinslegende Guido Buchwald beigetragen haben dürfte. Er bereitete nicht nur den Boden für die Japan-Connection, er verschaffte dem VfB auch ein gutes Image in Japans Fußballszene – spätestens seit „Buchi“, wie er in Japan liebevoll genannt wird, die Urawa Red Diamonds 2006 zur Meisterschaft geführt hat.
Frauen kommen zurück, um mit dem VfB „etwas Großes zu erreichen“
Dass im Sommer 2024 für das Frauenteam – damals noch ein frisch gebackener Regionalligist – eine Japanerin eingeflogen wurde, erscheint dennoch auf den ersten Blick ungewöhnlich. Dahinter steckt der Wille, das Team, das erst im Jahr 2021 gegründet wurde und seine erste Saison in der Oberliga bestritt, in der Profiliga zu etablieren. „So viele gute Fußballerinnen aus Stuttgart und Umgebung haben immer davon geträumt, für den VfB zu spielen, mussten damals aber auf andere Vereine ausweichen“, sagt Glass. „Nun kommt eine nach der anderen zurück in die Heimat, um mit dem VfB etwas Großes zu erreichen.“
Yuka Hirano, die damals in der höchsten japanischen Profiliga spielte, zögerte dennoch bei der Entscheidung, zum VfB Stuttgart zu wechseln. Doch Sascha Glass präsentierte ihr die Vision des VfB und einen attraktiven Kader mit Bundesliga-erfahrenen Mitspielerinnen wie Mandy Islacker, Leoni Maier und Jana Beuschlein. „Das hat mich überzeugt“, erinnert sich Yuka Hirano.
Der Manager scheint nicht zu viel versprochen zu haben. Die Mannschaft steht kurz vor Saisonende auf Platz eins, und die zwei Bestplatzierten steigen auf in die höchste Spielklasse. Ob die VfB-Frauen darunter sind, entscheidet sich spätestens am 17. Mai. Am letzten Spieltag werden sie in der 2000-Seelen-Gemeinde Sand bei Offenburg gegen den nicht zu unterschätzenden Verein SC Sand auflaufen, ebenfalls ein Anwärter auf die erste Liga.
Auch Haruka Osawa fiel die Entscheidung nicht leicht, nach Stuttgart zu kommen. Aber aus anderen Gründen. „In Japan wohnte ich noch zusammen mit meinen Eltern“, erzählt die 25-Jährige. „Ich war nie allein und sprach weder Deutsch noch Englisch.“ Trotzdem setzte sie sich im Sommer 2025 in den Flieger. „Als ich erfuhr, dass Yuka ebenfalls für den VfB Stuttgart spielt, war ich unglaublich erleichtert.“ Die beiden hatten schon gegeneinander in der japanischen Profiliga gespielt. Aber richtig kennengelernt haben sie sich dann erst in Stuttgart.
Yuka Hirano nimmt ihre neue Kollegin an die Hand
Japanern wird nachgesagt, sie sprächen viel über Gefühle. Aber beim gemeinsamen Interview in der Geschäftsstelle des VfB antwortet Haruka Osawa auf die Frage, welche Rolle Yuka Hirano für sie spielt, tief bewegt. „Sie hat mir wahnsinnig viel geholfen. Wahnsinnig viel“, wiederholt sie mehrmals.
Schon beim ersten Treffen nahm Yuka Hirano ihre neue Teamkollegin bei der Hand. „Wir lernten uns noch in der Sommerpause bei einer Sportveranstaltung der Japanischen Schule kennen“, erzählen die beiden. Nach der Veranstaltung besuchten sie ein schwäbisches Restaurant, wo Yuka Hirano ihre neue Kollegin mit Maultaschen und Käsespätzle bekannt machte. Danach fuhren sie weiter zu Kaufland, wo sie Haruka Osawa zeigte, in welcher Ecke sich die Grundnahrungsmittel befinden, auf die kein Japaner verzichten kann, wie Rundkornreis, Tofu oder Sojasauce. Bis heute fühlt sich die Stürmerin, die im gegnerischen Strafraum nie die Übersicht verliert, in Supermärkten heillos überfordert. „Wenn mich keiner begleitet, ist Chat GPT meine letzte Rettung“, sagt sie.
Als Yuka Hirano 2019 beim 1. FC Köln anfing, gab es noch kein Chat GPT. Sie biss sich mit Schulenglisch durch und litt unter Einsamkeit. „Es gab viele Tränen“, erzählt sie. Weil das Geld knapp war, musste sie sich eine Arbeit suchen – damals waren die Gehälter im Frauenfußball noch schlechter als heute. „Ich jobbte nach dem Training in einem Ramen-Restaurant als Bedienung.“ Auf diese Weise lernte sie die japanische Community kennen, aber auch die Sprache. Die 29-Jährige spricht mittlerweile so gut Deutsch, dass sie bei Einzelgesprächen mit der Trainerriege als Übersetzerin aushilft – und Missverständnissen vorbeugen kann. „In unserer Heimat wird ganz anders kommuniziert als in Deutschland“, sagt Yuka Hirano.
In Köln lernte sie schmerzhaft, wie direkt die Deutschen sein können. „In Japan wird Kritik, wenn überhaupt, sehr dezent in höflichen Floskeln vorgetragen. Hier sagt man dir auf den Kopf zu, was besser laufen soll.“ Davon hat sie sich ein Scheibchen abgeschnitten. Als sie 2022 in die japanische Profiliga zurückkehrte und ihr Club Nojima Stella Kanagawa Sagamihara mit Problemen zu kämpfen hatte, regte sie an, diese beim Namen zu nennen. „Ich war dort viel in Gesprächen. Die ganze Kommunikation verlief über mich“, erzählt sie.
Auch gewöhnungsbedürftig für die japanischen Fußballerinnen: die härtere Gangart auf dem Platz. Sie verbringen viel Zeit im Kraftraum. „In Japan geht es weniger hart zur Sache“, sagt Yuka Hirano. „Hier komme ich nach jedem Spiel mit mindestens zwei blauen Flecken nach Hause.“ Hinzu kommt der Größennachteil – Yuka Hirano misst 158 und Haruka Osawa 159 Zentimeter. „Wir versuchen, das so weit wie möglich durch Technik und Cleverness wettzumachen.“
Härtere Gangart als in Japan
Umgekehrt haben sich die anderen VfB-Spielerinnen sehr rasch an das japanische Duo in ihrer Mitte gewöhnt. „Was wirklich auffällt, ist die Ruhe, die sie ausstrahlen. Das wirkt sich nur positiv aufs Team aus“, sagt die VfB-Kapitänin Jana Beuschlein. Im Gegensatz zu Nico Schneck, der die Frauenmannschaft erst seit Kurzem trainiert, spielt Jana Beuschlein seit 2023 für den VfB Stuttgart und begleitet die Japanerinnen von ihren ersten Tagen an.
Neu ist für alle, dass sich zum Kreis der loyalen Stadionbesucher eine neue Besuchergruppe gesellt hat, seit Japan im Kader vertreten ist. Beim letzten Heimspiel gegen den SV Meppen 1912 haben sich rund 20 Japaner und Japanerinnen auf Höhe der Mittelfeldlinie auf Picknickdecken niedergelassen, ausgestattet mit Fanmontur, Bannern und großformatiger VfB-Fahne, auf der die Namen ihrer zwei Heldinnen in japanischen Schriftzeichen gedruckt stehen.
Auch der japanische Generalkonsul Kenichi Besscho ist eigens aus München angereist, um das Fußballspiel zu sehen. Maskottchen der kleinen Fan-Gemeinschaft ist der zehnjährige Nino Ito, der jedem, den es interessiert, seine VfB-Fotomappe unter die Nase hält. Sein größter Stolz ist das gemeinsame Foto mit Guido Buchwald, dem er bei einer Japan-Veranstaltung in Stuttgart begegnet ist.
Das Spiel gegen den SV Meppen gewinnt der VfB mit 2 : 0. Haruka Osawa und Yuka Hirano lassen sich von der kleinen japanischen Fangemeinde bejubeln und geben strahlend Autogramme. Ihre Chancen auf einen verlängerten Sommerurlaub bei ihren Familien in der Heimat stehen gut. Die Bundesliga der Frauen startet dieses Jahr knapp drei Wochen später als die Saison der Zweitligisten.
Letztes Heimspiel
Entscheidung
Am kommenden Sonntag, den 10. Mai, kann sich die VfB-Frauenmannschaft im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg II den Aufstieg in die erste Bundesliga bereits sichern. Das Spiel beginnt um 14 Uhr im PSV-Stadion, Fritz-Walter-Weg 10. Tickets kosten 8 Euro, ermäßigt 6 Euro oder 3 Euro, je nach Alter des Kindes.