Wie Kathrin Ehret, Führungskraft in Teilzeit, den Spagat zwischen Familie und Beruf schafft – und warum es wichtig ist, auch mal Nein zu sagen.
Kathrin Ehret trägt mit zwei weiteren Vorstandsmitgliedern die wirtschaftliche Verantwortung für die Unternehmensbelange und für rund 700 Beschäftigte. Die 43-Jährige ist kaufmännischer Vorstand der Evangelischen Diakonieschwesternschaft in Herrenberg-Korntal e. V., die unter anderem neun Pflegeheime, einen ambulanten Dienst, einen Hospizdienst, ein Hotel und eine Familienpflegeschule betreibt. Karriere trotz Kindern? Für die Betriebswirtin ist das kein Gegensatz, denn Job und Familie sind ihr wichtig.
Deshalb arbeitet die Mutter von drei Kindern – die sind sieben, neun und elf Jahre alt – in ihrem Führungsjob in Teilzeit. „Das ist aber keine Entscheidung, die man allein trifft“, sagt Ehret und redet Klartext. „Wenn der eigene Mann, der Arbeitgeber, die Kollegen und die Mitarbeitenden nicht dahinterstehen, funktioniert es nicht.“ Sie hat den Rückhalt im Beruf und zu Hause. Mit ihrem Mann, der ebenfalls berufstätig ist, teilt sie sich die Familienarbeit. Corona habe da einiges erleichtert, weil Homeoffice seither selbstverständlich dazugehöre, sagt sie.
„Mal zeitlich befristet mehr leisten“
Mitunter kann das aber ganz schön herausfordernd sein – vor allem wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, etwa wenn das Kind am Morgen plötzlich krank ist. „Ich bin zum wichtigen Morgentermin und habe dann meinen Mann im fliegenden Wechsel abgelöst, der seinen Mittagstermin nicht absagen konnte“, beschreibt es Ehret an dem Beispiel. An zwei Tagen in der Woche kommt eine Tagesmutter, zur Not springt auch mal die Oma ein. Ehret arbeitet teils in Präsenz, teils im Homeoffice, in der Regel zwei ganze Tage, zwei Tage halbtags, ein Tag ist frei – es sei denn, es stehen wichtige Termine an.
Dass sie als Führungskraft Vorteile hat, verhehlt sie nicht. „Ich kann meine Arbeitszeit überwiegend frei gestalten“, sagt sie. Wenn die Kinder von der Schule kommen, kann sich Ehret auch mal zwei, drei Stunden Zeit nehmen und arbeitet dann am Abend oder wenn der Nachwuchs am Nachmittag zum Sport geht. Ihr ist es wichtig, unternehmerische und familiäre Belange ins Gleichgewicht zu bringen. Da gehören Vorstandssitzungen oder Verhandlungen mit Banken genauso dazu wie das Abhören von Vokabeln oder der Familienausflug. Klar verlangt ihr das einiges ab und bedeutet auch mal, zeitlich befristet mehr zu leisten, wie sie sagt.
„Man muss Prioritäten setzen“
Insgesamt arbeitet Ehret etwa 70 Prozent, was rund 28 Stunden pro Woche entspricht. Wenn die Kinder in der Schule sind, arbeitet sie auch mehr, in den Schulferien dafür weniger. „Wir haben so ein Modell entwickelt“, sagt sie und ist überzeugt, dass angesichts des Fachkräftemangels Führen in Teilzeit für immer mehr Unternehmen wichtiger wird.
Laut Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben Frauen in Deutschland in den vergangenen Jahren zwar häufiger Führungspositionen besetzt. Das wichtigste Karrierehindernis für Frauen ist laut DIW die hohe Teilzeitquote. Frauen arbeiteten deutlich seltener in Vollzeit, was ihre Chancen auf Führungspositionen insgesamt verringere, so die Forscher.
Ehret ist im dreiköpfigen Vorstand die Einzige, die Teilzeit arbeitet, in den nachfolgenden Führungsebenen und der gesamten Belegschaft gibt es etliche Teilzeitkräfte.
Dass so ein Arbeitsmodell auf Führungsebene funktionieren kann, setzt nicht nur die Akzeptanz von allen Beteiligten voraus. Es seien auch klare Absprachen und Disziplin nötig, sagt Ehret. „Man muss auch mal Nein sagen können, Prioritäten setzen und Verantwortung abgeben“, redet sie Tacheles. „Das hat auch viel mit Vertrauen zu tun.“ Sie hat es offenbar, denn sie sagt: „Ich habe richtig gute Mitarbeiter.“
Man müsse Dinge auch mal laufen lassen. „Ich bin nicht der Typ, der alles absichert“, beschreibt sie es. Entscheidend sei, dass man das Wissen habe, wann man eine Expertise brauche. Und dann muss sie plötzlich schmunzeln, weil sie an ihren einstigen Juraprofessor denkt. „Sie müssen wissen, wann Sie Ihren Anwalt anrufen müssen“, hat er den Studierenden für solche Fälle mit auf den Weg gegeben. Deshalb ist Ehret auch der Austausch mit den Mitarbeitenden wichtig, damit man ein Gespür für die Dinge bekommt und weiß, wie der andere tickt.
Klar strukturiert und entscheidungsfreudig
Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eigenständig arbeiten sollten, bräuchten sie einen entsprechenden Rahmen. Der wiederum setze klare Vorstellungen voraus, wohin es gehen soll, beschreibt es Ehret. Dass sie klar strukturiert und entscheidungsfreudig sei, erleichtere vieles, sagt die Frau, die auch anderen Frauen Mut machen will und Netzwerke deshalb für wichtig hält – nicht nur privat, auch beruflich.
Frauennetzwerke in der Region Stuttgart
Veranstaltung
Weiblich – stark – vernetzt. So lautet das Thema beim Frühjahrsempfang der Frauennetzwerke aus der Region Stuttgart.Die Veranstaltung findet am 25. Mai ab 17.30 Uhr in der BW-Bank Stuttgart, Kleiner Schlossplatz, statt. Karten sind für 35 Euro über die Website www.forum-frs.de erhältlich.
Netzwerke
BPW Business and Professional Women Stuttgart e. V. (https://www.bpw-stuttgart.de); BW-Bank BeWoman (https://www.bw-bank.de/de/home/privatkunden/persoenliche-beratung/frauen-und-finanzen/bewoman.html);
EWMD European Women Management Development Network e. V. (https://www.ewmd.org); fim Vereinigung für Frauen im Management e. V. (https://fim.de);
Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR) e. V. (https://www.fidar.de); frauen-unternehmen e. V. (https://www.frauen-unternehmen.info); Stuttgarter Frauenstiftung (https://stuttgarter-frauenstiftung.de); Verband deutscher Unternehmerinnen e. V. (VDU) (https://www.vdu.de); webgrrls.de e. V. (https://www.webgrrls.de); Verband Working Moms e. V. (https://workingmoms.de); ZONTA Club Stuttgart (https://zonta-stuttgart.de); firmeninterne Netzwerke: women@bosch-feuerbach; Women Network Mercedes-Benz; Women’s Business Network Mercedes-Benz Mobility.