Schönheitswahn in der Kritik: In dem Science-Fiction-Film „Advantageous“ stellt Gwen (Jacqueline Kim) ihren Körper einem zweifelhaften Unternehmen zur Verfügung. Foto: Verleih

Die internationale Filmproduktion ist männlich dominiert. Das hat Folgen für unseren Blick auf die Welt. Das wollen Filmemacherinnen und Produzentinnen nun ändern.

BerlinJunge Frauen sitzen auf den Sesseln. Frauen mit abrasierten Haaren, mit Tunnel-Ohrringen (Fünf-Cent-Stück-groß), mit Tattoos und gepiercten Lippen. Ein recht homogenes Publikum, sieht man von den wenigen jungen Männern ab, die vereinzelt im Raum sitzen. Passend dazu küssen sich zwei Frauen auf der Leinwand – Männer spielen in dem Film „While You Weren’t Looking“ nur eine Nebenrolle.

Mehr von ihnen hat der Film aber auch gar nicht nötig. „While You Weren’t Looking“ umfasst eine beeindruckende Themenbreite: Er zeigt die frappierenden Klassenunterschiede im heutigen Südafrika, er führt das Leben in einem Township von Kapstadt vor Augen – seine Armut, die Drogen, die Gewalt –, er ist Liebesgeschichte, Erziehungsdrama und Coming-of-Age-Movie zugleich.

Außerdem ist „While You Weren’t Looking“ hochwertig produziert. Ein Film also, der in den großen Kinos laufen könnte. Allein: Ein Film mit weiblich besetzten Hauptdarstellerinnen, die nicht nur lesbisch sind, sondern auch farbig, scheint selbst im Jahr 2016 nicht erfolgversprechend genug für Kinobetreiber zu sein. Ohne die finanzielle Unterstützung des „The Out In Africa Gay & Lesbian“-Filmfestivals hätte Regisseurin Catherine Stewart den knapp 500 000 Euro teuren Streifen kaum drehen können.

Grenzen sprengen

Gibt es aber tatsächlich kein Publikum für Filme, in denen Frauen die tragenden Rollen spielen? Frauen, die – womöglich dick, lesbisch und farbig – nicht die Idealvorstellung transportieren? Mit „Carol“ (Cate Blanchett, Rooney Mara), „Suffragette“ (Carey Mulligan, Meryl Streep, Helena Bonham Carter) und „The Danish Girl“ (Eddie Redmayne, Alicia Vikander) haben es 2015 immerhin drei Filme auf die große Leinwand geschafft, die ein Frauenbild abseits gängiger Klischees und Rollenbilder transportieren. Die Kinolandschaft ist gleichwohl einseitig männlich geprägt.

Die „Berlin Feminist Film Week“ will dem etwas entgegensetzen. Das feministische Filmfestival fand im März zum dritten Mal in Berlin statt. Die Schwedin Karin Fornander gründete das Festival 2014, da ihr Filme fehlten, mit denen sie sich identifizieren konnte. „Je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto homogener schienen die Filmindustrie und die Filme, die im Kino liefen“, sagt Fornander unserer Zeitung.

Nach einer Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2014 sind gerade einmal ein Drittel aller Sprechrollen in Filmen von Frauen besetzt. Dafür ist es doppelt so wahrscheinlich, Frauen und Mädchen leicht bekleidet oder nackt auf der Leinwand zu sehen, als das bei männlichen Schauspielern der Fall ist. Als Vertreter von höher qualifizierten Berufsgruppen wie etwa Medizinern, Juristen oder Professoren sieht man Schauspielerinnen hingegen nicht so oft wie ihre männlichen Kollegen. So, da sind sich die Autoren der Studie sicher, werden allgegenwärtige Stereotypen verfestigt. Seit 1946 habe sich daran kaum etwas geändert. „Häufig sind Frauen nur als Mütter, Freundinnen oder Ehefrauen in Filmen zu sehen“, sagt Fornander. Klar ist: Auch Filme haben Einfluss darauf, wie wir die Welt letztlich sehen. Die Feminist Film Week will Schauspielerinnen deshalb in aktiven Rollen zeigen: Als Frauen, die Geschichten vorantreiben. Dabei legt Fornander keinen Wert auf besonders starke Frauenbilder im Sinne von tonangebend oder aggressiv. „Die Filmrollen sollen nah an der Realität liegen“, sagt sie. „Es geht um Komplexität und Vielfalt.“

Körper sind nicht nur perfekt

36 Filme und fünf Podiumsdiskussionen wählte die Kuratorin in diesem Jahr für das Publikum aus, darunter Gesprächsrunden über „Frauen in der Komödie“ oder die „Darstellung von Lesben auf der Leinwand“. „Es gibt noch immer viel zu wenig Filme mit Lesben in den Hauptrollen, die zeigen, dass diese genau dieselben Probleme haben wie heterosexuelle Paare“, sagte Beukes-Meyer. Festivals wie die „Berlin Feminist Film Week“ seien deshalb wichtig, fügte Pinkert hinzu: „Es gibt ein starkes Bedürfnis nach Repräsentation in der Szene.“

Die Themen Schönheitswahn, Körperautonomie und Fat Acceptance (eine Graswurzelbewegung für die gesellschaftliche Anerkennung dicker Menschen) standen bei dem Kurzfilmprogramm „Body Positive“ im Fokus.

Den Auftakt machte der Kurzfilm „Sleeveless / Fearless“: Darin steht die finnische Darstellerin und Regisseurin Hinni Huttunen, nur mit einem schwarzen Body bekleidet, vor einer weißen Wand. Zwei Minuten lang schwingt sie die geballten Fäuste, als wolle sie eine imaginäre Mauer zum Einsturz bringen. Ihre Oberarme schwappen wellenförmig vor und zurück, die lose Haut wabbelt im Rhythmus ihrer Bewegungen. Ein sehr ungewöhnlicher Anblick – und doch auch ein befreiender. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele übergewichtige Frauen sich ungern in einem Oberteil ohne Ärmel zeigen“, sagt Huttunen unserer Zeitung.

Zukunftsmusik

Durchaus für das große Publikum geeignet wäre der Science-Fiction-Film „Advantageous“. Regisseurin Jennifer Phang entwirft ein bedrohliches Szenario für das Jahr 2041. Sie zeigt, welche Ausmaße das Streben nach ewiger Jugend und die Überwachung von Individuen in naher Zukunft annehmen könnten. In der Hauptrolle brilliert die US-amerikanische Schauspielerin Jaqueline Kim als alleinerziehende Mutter, die das Wohl ihres Kindes über ihr eigenes stellt.

Kim ist eine Protagonistin mit asiatischen Wurzeln. Denn auch die ethnische Vielfalt kommt noch zu kurz bei den großen Filmfestivals, sagt Fornander. Vielleicht hatte es Phang auch aus diesem Grund nicht leicht, ihren mehrfach vom „Los Angeles Asian Pacific Film Festival“ prämierten Film zu finanzieren: 30 000 Euro sammelte sie auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter.

Die Quote hilft

Doch weshalb schaffen es Filme wie die ­Catherine Stewarts oder Jennifer Phangs so selten auf die Leinwand? Bei der Berlinale etwa wurde in diesem Jahr nur ein lesbischer Spielfilm gezeigt. Das Problem liegt, wie so oft, in der Finanzierung. Die meisten ­Produzenten sind männlich, entsprechend werden die Filmgelder verteilt. 2014 führte nach Angaben des Bundesverbands Regie im High Budget-Bereich von fünf Millionen Euro an in Deutschland keine einzige Frau Regie. Im Low-Budget und mittleren ­Budget-Bereich des Kinofilms lag der Anteil von Frauen bei gerade einmal 20 respektive 21 Prozent.

In anderen Ländern sieht die Verteilung ähnlich aus. „Die Entscheider in Hollywood hassen Frauen so sehr, dass sie wirklich sehr viel tun, um ihnen Steine in den Weg zu legen“, sagte die französische Filmemacherin Julie Delpy kürzlich dem Magazin „Galore“. Alle zwei Jahre einen Film herauszubringen, schaffe sie nur, indem sie „von der Finanzierung her unter dem Radar von Hollywood fliege“. Frauen, schließt Delpy, müssten bis zu zehn Mal mehr liefern, um dahin zu kommen, wo die männliche Karriereleiter erst beginne. Steht aber eine Frau hinter der Kamera, steigt die Zahl der weiblichen Charaktere signifikant, belegt die UN-Studie über Geschlechterrollen in globalen Filmen.

Vorbild 1970er Jahre

In Deutschland setzt sich die Gleichstellungsinitiative „ProQuote Regie“ für eine geschlechterparitätische Besetzung von staatlichen Filmfördergremien und die Erhöhung des Anteils von Regisseurinnen am deutschen Fernsehprogramm und an deutschen Filmproduktionen ein. Auch Natalie Percellier gehört der Initiative an.

„Wie kann man spekulieren, dass Filme von Frauen im Kino nicht laufen würden?“, fragte sie während einer Diskussionsrunde der „Berlin Feminist Film Week“. Für diese Behauptung gebe es keinerlei Beweise. In den 1970er Jahren, sagte sie, sei der feministische Film schon einmal erfolgreich gewesen. Allerdings seien viele der Filme verschwunden, da sie nicht archiviert wurden. Weibliche Regisseure müssten die Kraft jener Zeit zurückholen, forderte Percellier, „weil wir sie bereits hatten.“

In Schweden, wo Fördergelder seit 2012 nach Quotenregelung vergeben werden, hat sich inzwischen herausgestellt, dass Filme von Regisseurinnen nicht weniger erfolgreich sind als die ihrer männlichen Kollegen. Und auch in Deutschland scheint die Sorge unbegründet, das Publikum mit Filmen von Frauen zu verschrecken. Bei der Feminist Film Week jedenfalls war jede Vorstellung ausverkauft.

Info: Wichtige Regisseurinnen

2010 schreibt Kathryn Bigelow Filmgeschichte. Für „The Hurt Locker“ geht erstmals ein Oscar für die Beste Regie an eine Frau. Nominiert ist seinerzeit eine weitere Frau – Lone Scherfig mit „An Education“. Bekannt geworden ist Scherfig durch den Film „Italienisch für Anfänger“. Zuvor fällt in Hollywood vor allem Sofia Coppola auf. Ihr „Lost in Translation“ war 2004 für den ­Regie-Oscar nominiert.

In der Bundesrepublik Deutschland gelingt es vor allem der 2014 gestorbenen Helma Sanders-Brahms, feministische Akzente zu setzen. „Unter dem Pflaster ist der Strand“ (1974) wird ein zentraler Film der deutschen Frauenbewegung. „Deutschland, bleiche Mutter“ (1980) gilt bis heute als gültige Bestandsaufnahme der Republik. Als Gegenposition werden lange die Filme von Doris Dörrie gesehen. Ihre Komödie „Männer“ bringt ihr 1985 den Durchbruch. Dörrie agiert auch als Produzentin. „Grüße aus Fukushima“ ist ihr aktueller Film.

1962 schafft Agnès Varda mit „ Cléo de 5 à 7“ ihren Durchbruch, für „Vogelfrei“ erhält sie 1985 den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig.

Auch Jane Campion schreibt 1993 Filmgeschichte – beim Filmfestival von Cannes erhält sie 1993 für „Das Piano“ die Goldene Palme – und Holly Hunter eine Auszeichnung als Beste Schauspielerin. (StN)

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