Im Volkswagen feierte Jutta Kleinschmidt die größten Erfolge: 2001 wurde sie als erste Frau Gesamtsiegerin der legendären Rallye Dakar. Foto: dpa

An diesem Donnerstag beginnt die Deutschland-Rallye, nur zwei Frauen pilotieren dabei ein Auto – Dakar-Siegerin Jutta Kleinschmidt gefällt das nicht: Die 54-Jährige nennt einige Fakten und Theorien, warum im Motorsport noch immer das Patriarchat dominiert und Mädchen benachteiligt sind.

Stuttgart- Sie ist die einzige Frau, die die Gesamtwertung der Rallye Dakar gewonnen hat: Jutta Kleinschmidt setzt sich für die Förderung von Mädchen im Motorsport ein und weiß: Es gibt noch viel zu tun. -

Frau Kleinschmidt, es ist still geworden in der Rallye-Szene um Sie. Ihre letzte Dakar haben Sie 2007 absolviert.

Ganz so still ist es nicht. 2016 bin ich in drei Läufen im Cross-Country-Weltcup für Sven Quandt gestartet, um einen Buggy weiterzuentwickeln. Danach habe ich sogar die Kategorie der heckangetriebenen Fahrzeuge angeführt. Abgesehen davon, habe ich jedes Jahr kleine Rennprojekte wie Starts bei 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring oder anderen 24-Stunden-Offroad-Rennen.

Nun sind Sie erstmals Botschafterin der Deutschland-Rallye.

Das stimmt. Ich bin seit Gründung der ADAC-Stiftung 2016 im Stiftungsrat. Da ich fast 30 Jahre Erfahrung im Rallye-Sport ­habe, lag es nahe, dass ich auch als Botschafterin für die Deutschland-Rallye auftrete. Gut, ich habe professionell Cross Country Rallye gemacht und weniger WRC – aber viele Abläufe sind ähnlich.

Wie genau bringen Sie sich ein?

Ich beobachte sehr aufmerksam, um eventuell kleine Verbesserungsmöglichkeiten zu finden. Dazu gehört ein intensiver Austausch mit Teams, Fahrern und Beifahrern, um Meinungen und Vorschläge einzuholen. Zudem werde ich vermitteln bei Verhandlungen und wichtigen Abstimmungen – und ich fahre die Rennstrecke mit dem Blick eines Rennfahrers ab, um Input und Ideen fürs nächste Jahr geben zu können.

Sie sitzen aber nicht in einem WRC-Auto?

Ich werde mit einem normalen Auto vor der Veranstaltung alle Strecken ­abfahren, damit ich mir ein Bild von allen Prüfungen machen kann, ähnlich wie alle Teilnehmer. Dabei geht es nicht darum, neue Strecken zu finden, sondern darum, die Strecken zu optimieren.

Aber reizen würde Sie so eine Fahrt im WRC-Auto bestimmt, oder?

Na klar, ich habe immer noch Rennfahrerblut. Ich würde mir aber nie anmaßen, mithalten zu können. Man sieht immer wieder, dass sich sogar junge Menschen schwertun, wenn sie zwischen zwei Serien wechseln. Und ich bin schon lange keine 25 mehr.

Nur zwei Frauen starten als Pilotin bei der Deutschland-Rallye.

Das ist schade. Gut, dass Sie dieses Thema ansprechen. Ich mache gerade ein Förder- und Forschungsprojekt mit der Fia (Automobil-Weltverband, d. Red.) und der EU. Mit Michele Mouton (Rallye-Vizeweltmeisterin 1982, d. Red.) arbeiten wir in einer Kommission, um Frauen im Motorsport zu fördern und mehr Mädchen für den Motorsport zu begeistern. Dabei liegt der Schwerpunkt nicht nur bei Rennfahrerinnen, sondern ganz allgemein bei anderen Berufe wie Ingenieure, Medienbeauftragte, Teamleitung, Mechanikerin. Aktuell fand auf dem Nürburgring ein Kart-Slalom für junge Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren statt. Zusätzlich haben alle einen Fragebogen ausgefüllt, der wissenschaftlich ausgewertet wird, um Erkenntnisse zu erhalten, warum es immer noch so wenige Frauen im Motorsport sind. Dieses Programm läuft in insgesamt acht europäischen Ländern.

Warum sind die Frauen so in der Unterzahl?

Ich denke, Männer interessieren sich durchschnittlich mehr für Motorsport, deshalb fangen mehr Jungs mit Motorsport an. Außerdem ist es nach wie vor hart, sich als Frau in dieser Männerdomäne durchzusetzen. Es gibt keine Frauen-Rennklassen – für viele Jungs ist es immer noch peinlich, gegen ein Mädchen zu verlieren. Da wird das Letzte aus sich rausgeholt und zur Not das Mädel dann eben von der Strecke geschoben. Das macht die Sache nicht einfacher. Ein weiterer Punkt, den ich auch in meiner Karriere erfahren habe: Das Team steht nicht unbedingt zu 100 Prozent hinter dir, da im Hinterkopf noch steckt, dass Mädchen nicht so schnell wie Jungs fahren. Frauen sind zwar sehr gut für die PR und die Sponsoren, aber das bessere Material gibt man lieber an die Männer, da die nach allgemeiner Meinung größere Siegeschancen haben.

Das Patriarchat regiert im PS-Gewerbe.

Leider gibt es immer noch zu wenige Frauen, die zeigen, dass Frauen genauso gut sind wie Männer. Vielleicht haben Männer auch einen hormonellen Vorteil. Das Testosteron macht sie risikobereiter. Dadurch verursachen sie statistisch gesehen im Straßenverkehr mehr Unfälle als Frauen. Wenn es zur Familienplanung kommt, hat der Mann Vorteile, da er das Kind nicht austrägt und keine Pause einlegen muss.

Das ist in der gesamten Berufswelt so.

Aber im Job kann man eine Auszeit nehmen, der Wiedereinstieg ist gesetzlich geregelt. Im Motorsport ist man schnell weg vom Fenster, da sitzt jemand anderes in deinem Cockpit.

Vorbilder für Mädchen gab und gibt es in der Rallye und der DTM – oder muss es wirklich erst eine Frau in die Formel 1 schaffen?

Bin ich mir nicht sicher, aber es würde sicher helfen. Je mehr Frauen wir in der Spitze des Motorsports haben, umso mehr Mädchen wollen es nachmachen. Nur so kann ein Umdenken stattfinden bei den Konkurrenten und den Teams.

Sie haben ein Buch veröffentlicht: „Frau lenkt besser, als Mann denkt“.

Das ist nicht ganz richtig. Eine Bekannte hat es geschrieben mit viel Input von mir.

Wie lenkt Frau denn?

Schauen Sie: Wenn ein Pärchen im Auto sitzt, fährt meist der Mann. Das ist irgendwie selbstverständlich. Wenn ich als Frau aber weniger Fahrpraxis habe, beherrsche ich diese Fähigkeit weniger gut. Frauen sind keine schlechteren Autofahrer, sie haben oft weniger Praxis. Und dann stellt sich die Frage: Was ist gutes Fahren? Meiner Meinung nach ist das, sicher von A nach B zu kommen, das machen Frauen besser. Das Thema Risikobereitschaft hatten wir ja schon.

Das Buch „Was Rallye-Fahren und Business gemeinsam haben“ haben Sie geschrieben?

Ja. Ich schreibe über Erfolg – den will man im Motorsport wie im Business. Die gleichen Faktoren tragen dazu bei. Zunächst braucht man ein Ziel, der viel wichtigere Schritt ist: Man muss dafür hart arbeiten. Ich wollte Rennfahrer werden, hatte kein Budget, ­keine Sponsoren und kein Rennfahrzeug. Also habe ich eines gebaut. Da ich keine Garage hatte, musste meine Wohnung herhalten. Wichtig ist, dass man für Probleme Lösungen findet anstatt Ausreden. Selbst wenn große Ziele unerreichbar erscheinen, muss man den Mut haben loszumarschieren. Und man darf nicht zu früh aufgeben. Auch in meiner Karriere ist einiges schiefgelaufen, aber ich habe daraus gelernt und mich verbessert. Mein Motto lautet: Man hat erst verloren, wenn man es nicht noch mal probiert.

Jetzt müssen wir die Kurve kriegen zur Deutschland-Rallye. Wen sehen Sie vorn?

Eine schwere Frage. Ich möchte mich nicht festlegen. Für mich ist es wichtig, dass die Fahrer Freude an der Strecke haben und zufrieden sind mit der Organisation. Gefallen würde mir, wenn das Rennen bis zum letzten Kilometer offen ist. Das wäre toll für alle Zuschauer.

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