Schaufensterpuppen preisen reduzierte Ware an. Bei den Beschäftigten im Einzelhandel ist im Vergleich zu anderen Branchen oft auch das Gehalt reduziert. Foto: dpa

Der Handel ist von Frauen geprägt. Nicht nur bei Teilzeitbeschäftigten wird in der Coronakrise das Geld knapp. Auch die Rente ist ein Problem.

Stuttgart - Schon mehr als ein Vierteljahrhundert ist Doris Müller (Name geändert) im Handel tätig und hat dabei Höhen und Tiefen miterlebt – in Kurzarbeit war sie zuvor noch nie. „Vor der Pandemie war das im Handel kein Thema“, sagt die Betriebsrätin eines größeren Handelsunternehmens. Zum Glück stocke ihre Firma das Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent auf. „Das hilft. Sprünge machen kann man damit nicht.“ Auch deshalb ist sie froh, dass es mit den Öffnungen jetzt eine Perspektive gibt, dass das Unternehmen zumindest das Einkaufen auf Termin anbieten kann. „Es gab so lange Unklarheiten, unter welchen Voraussetzungen und Konzepten man aufmachen darf; man hat sich schon Sorgen gemacht, wie es weitergeht. Das ist jetzt ein erster Schritt.“

 

Die Aussichten Müllers sind im Branchenvergleich relativ gut, auch weil sie viele Jahre Vollzeit gearbeitet hat – ein großer Teil der Frauen im Einzelhandel macht das nicht. Rund 430 000 Mitarbeiter zählt der Einzelhandel im Südwesten, ergibt eine Auswertung der Bundesagentur für Arbeit (BA) für unsere Zeitung. Mehr als 120 000 sind davon geringfügig beschäftigt; knapp 70 Prozent davon sind Frauen. Bei den übrigen 310 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt der Frauen-Anteil noch etwas höher.

Eine Rente oberhalb der Grundversorgung zu bekommen, ist im Handel schwierig

Vor allem die geringfügig Beschäftigten und die Teilzeitkräfte sieht Bernhard Franke, Fachbereichsleiter Handel der Gewerkschaft Verdi im Südwesten, mit Sorge. Zum einen gebe es bei der Altersvorsorge ein strukturelles Problem, da Frauen häufig Auszeiten nähmen, um Kinder aufzuziehen oder um Angehörige zu pflegen. „Eigentlich müsste man im Einzelhandel 40 Jahre Vollzeit nach Tarif arbeiten, damit man eine Rente bekommt, die über der Grundversorgung liegt.“

Doch schon jetzt falle es vielen nicht leicht, das tägliche Leben zu finanzieren. Große Teile des Einzelhandels zählten zum Niedriglohnbereich, zudem würden etliche Beschäftigte unter Tarif bezahlt, auch weil inzwischen geschätzt nur noch jeder Dritte tariflich gebunden sei. „Da Frauen oft in Teilzeit arbeiten, haben sie noch weniger Geld in der Tasche“, betont Franke. „In Städten mit hohen Mieten wie in der Region Stuttgart können sich viele alleinstehende Beschäftigte die hohen Mieten nicht mehr leisten.“ Deshalb müsse der Staat beim Kurzarbeit dringend nachbessern, fordert Franke. „Für die Beschäftigten im Handel ist die Phase der Kurzarbeit ein ernstes Problem.“

Im vergangenen Jahr wurde für fast die Hälfte aller Mitarbeiter Kurzarbeit angezeigt

Im vergangenen Jahr wurde den Arbeitsagenturen in Baden-Württemberg für fast die Hälfte aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten Kurzarbeit angezeigt – inwieweit sie auch realisiert wurde, darüber gibt es keine gesonderte Auswertung. Seit dem zweiten Lockdown ist die Zahl der angezeigten Kurzarbeit aber wieder stark gestiegen: von Dezember bis Februar wurde Kurzarbeit für rund 57 000 Stellen beantragt – allerdings ging die Zahl zuletzt wieder zurück.

Bisher hat die Kurzarbeit Jobverluste weitgehend aufgefangen. Der Arbeitsmarkt ist bemerkenswert robust: Branchenübergreifend meldeten sich im Einzelhandel im Februar 2143 Frauen arbeitslos – das ist sogar etwas weniger als noch vor einem Jahr, also zu Beginn der Coronakrise.

Die Zukunftsangst ist da

Das wird sich ändern, wenn Geschäfte schließen. Für den Südwesten rechnet der Handelsverband für dieses und nächstes Jahr mit bis zu 12 000 Insolvenzen und Geschäftsschließungen. Zehntausende Arbeitsplätze könnten davon betroffen sein. Wie weit die Schätzungen Realität werden, wird sich zeigen. Auch Doris Müller hat Bedenken, was die Zukunft für sie bringt. „Wer im Textilhandel nicht ab und zu Zukunftsangst hat, ist weltfremd – ich würde mir wünschen, dass die Pandemie und die Kurzarbeit endlich ein Ende haben.“