Nach Stuttgart werden die deutschen Fußball-Nationalspielerinnen in vier Jahren nicht zur EM kommen. Foto: Imago/Eibner/-Pressefoto/Memmler

Die Entscheidung des Gemeinderats, dass Stuttgart sich nicht an der EM der Fußballerinnen 2029 beteiligen will, schlägt weiter Wellen. Das Unverständnis allerorten ist groß. Zumal man die eigene Tourismusstrategie torpediert hat.

Reisen bildet. Nun kann nicht jeder Stuttgarter Stadtrat in die Schweiz reisen, aber Andreas Kroll ist gerade dort – und gerne bereit, von seinen Erfahrungen zu berichten. Kroll ist Chef der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart. Als solcher war er für die Fußball-EM der Herren im vorigen Jahr in Stuttgart mitverantwortlich und im Austausch mit Kollegen aus der Schweiz. Die wollten lernen, tragen sie doch dieses Jahr die Fußball-EM der Frauen aus. Jene EM, die die Mehrheit des hiesigen Gemeinderats im Jahr 2029 nicht in Stuttgart haben möchte.

 

Staunen in der Schweiz

Eine Entscheidung, die „allgemein auf Verwunderung stößt“, sagt Kroll. Bei Sportfachverbänden, die erstaunt nach Stuttgart blicken, „was gegebenenfalls Auswirkungen auf weitere Bewerbungen haben könnte“. Auch in der Schweiz. „Da sind bereits 60 Prozent der Tickets verkauft für die Frauen-EM“, sagt Kroll. In der Spielortstadt Bern freut man sich auf mindestens 2000 Besucher aus Island, die sich schon angekündigt haben. Solches Interesse hatten sich auch die Touristiker von Stuttgart-Marketing für 2029 erhofft. „Wir haben für die EM geworben“, sagt Andrea Gehrlach. „Große internationale Sportevents haben selbstverständlich positive Auswirkungen auf den Tourismus in Stuttgart und in der Region.“ Da sie auch mit der EM der Herren betraut war, kann sie dies mit Zahlen untermauern. Im Schnitt übernachten Besucher in Stuttgart 1,8-mal, während der EM war der Schnitt 2,6. „Die Menschen bleiben also länger hier“, sagt sie. Und sie unternehmen logischerweise etwas. Dass das Mercedes-Museum im vorigen Jahr die höchste Besucherzahl seines Bestehens verzeichnet hat, sei sicher kein Zufall gewesen, so Andrea Gehrlach.

Die Schweizer freuen sich auf die EM 2025. Foto: AP/Laurent Cipriani

Die EM 2024 hat sich gelohnt

In den vier Fanzonen in Stuttgart zählte man bei der EM 900 000 Besucher, zu den fünf Spielen in Stuttgart kamen 250 000 Besucher. Das Viertelfinale Deutschland gegen Spanien hatte dabei mit knapp 30 Millionen die meisten TV-Zuschauer aller EM-Spiele. Die sogenannte Umwegrentabilität für Stuttgart betrug bei 40 Millionen Euro Kosten rund 411 Millionen Euro, also das Geld, dass die Besucher ausgaben für Essen, Trinken, Übernachten, Einkaufen, Bus, Bahn und Taxis. So viel wird eine Frauen-EM nicht einspielen. Aber mindestens vier Spiele in der MHP-Arena, „ziemlich sicher ausverkauft“, kalkuliert Gehrlach. „Man kann solche Events nicht mit der Frauen-Bundesliga vergleichen.“ Zudem viele Zuschauer vor den Bildschirmen: Das Frauen-EM-Finale 2021 zwischen England und Deutschland sahen 18,9 Millionen Menschen. Also Stadtwerbung zur besten Sendezeit.

Der VfB Stuttgart will in die Frauen-Bundesliga. Foto: Pressefoto Rudel/Pressefoto Rudel/Jens Lommel

„Es lohnt sich“, schließen Gehrlach und Kroll daraus. Deshalb hatte Sport- und Ordnungsbürgermeister Clemens Maier auch die Mitteilungsvorlage 0439/2024 im Dezember in den Sportausschuss mitgebracht. „Perspektiven für zukünftige Sportgroßveranstaltungen in der Sportstadt Stuttgart“ stand drüber. Auf 20 Seiten wird aufgezeigt, warum Stuttgart sich um große Sportveranstaltungen bewerben solle, denn sie könnten „eine Stadtgesellschaft nach innen einigen und eine Identität schaffen“ – und eine große Strahlkraft im Inland und Ausland entwickeln. Siehe Olympische Spiele in Paris. Oder Fußball-EM in Deutschland.

Mögliche Ziele

Es werden mögliche Veranstaltungen über die bereits feststehenden Spiele der Handball-Weltmeisterschaften der Männer und Frauen 2025 und 2027 in der Porsche-Arena hinaus in den Blick genommen. Turn-WM 2031, Herren-EM im Volleyball, Tischtennis-EM, die Finals 2027 mit Deutschen Meisterschaften in vielen Sportarten, Special Olympics, Kletter-EM, Olympic Qualifiers in BMX, Breakdance, Skateboard und Klettern 2028, ein Euro League Finale im Fußball – und eben die Euro 2029 der Frauen.

Mehrheit gegen Bewerbung

Dafür will sich Deutschland bewerben. Nach dem Wunsch der Verwaltung und von OB Frank Nopper (CDU) sollte Stuttgart als einer von acht Standorten dabei sein und dafür zehn Millionen Euro als Finanzierungsgarantie bereitstellen. Dafür hat der Gemeinderat die Zustimmung versagt. Grüne, AfD, Freie Wähler, FDP und der OB (24 Stimmen) waren dafür, CDU, SPD/Volt, Linke/SÖS und Puls sowie Tierschützer (28 Stimmen) waren dagegen. Weil man prinzipiell keine Geschäfte mit dem Europäischen Fußballverband (Uefa) machen soll, weil man sparen müsse und 10 Millionen Euro zu viel seien, weil zum Frauenfußball ohnehin keiner komme.

Viele Enttäuschte

Beim Württembergischen Fußballverband konnte man es kaum fassen. 20 000 Frauen und Mädchen spielen in Vereinen in Württemberg Fußball, die Tendenz ist steigend. „Es war für uns eine riesige Enttäuschung“, sagt Hauptgeschäftsführer Frank Thumm. Man sei für die Planung in Kontakt gewesen mit in.Stuttgart. „Denn solche Veranstaltungen wirken sich positiv aus auf den Breitensport aus.“ Das Nein des Gemeinderats sei eine vergebene Chance. So sieht es auch der VfB-Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle. Er hatte sich ziemlich zügig zu Wort gemeldet: Die Entscheidung sende ein falsches Signal. „Sie ist eine verpasste Chance, Stuttgart als bedeutende Sportstadt weiter zu positionieren – insbesondere im Sinne der Gleichberechtigung.“

Wie geht es weiter?

Auch beim Land Baden-Württemberg ist man frustriert. Man ging fest davon aus, mit Stuttgart ins Rennen gehen zu können. Nach außen hin blieb Staatssekretär Florian Hassler moderat in seiner Kritik. Doch wie zu hören ist, hat man intern deutlich die Sorge formuliert, an Reputation zu verlieren. Und welche Folgen dies für künftige Bewerbungen um Sportveranstaltungen haben könne. Auch bei Stuttgart-Marketing fragt man sich nun: „Wie wollen wir uns als Stadt positionieren?“, sagt Andrea Gehrlach. Auf die Antwort wartet nicht nur sie gespannt.