Bei der WM 2011 zog sich Kim Kulig einen Kreuzbandriss zu Foto: Getty

Sie war das Gesicht der Heim-WM 2011: Die ehemalige Sindelfinger Fußballerin Kim Kulig. Im Viertelfinale riss sie sich das Kreuzband, vier Jahre später kämpft sie immer noch um ihr Comeback. Bei der WM in Kanada sei sie dennoch dabei, verrät sie in unserem Interview, wenn auch in anderer Funktion als gedacht.

Stuttgart - Frau Kulig, erinnern Sie sich noch an den 9. Juli vor ziemlich genau vier Jahren?
Natürlich. Dieser Tag hat mein Leben verändert.
Weil Sie seit Ihrem Kreuzbandriss im WM-Viertelfinale nicht mehr Fußball gespielt haben und immer noch ums Comeback kämpfen?
Genau. Ich habe lernen müssen, ohne Fußball zu leben. Das war am Anfang sehr schmerzhaft, aber ich habe das alles aufgearbeitet. Heute kann ich sagen, dass alles gut ist, so wie es ist. Wenn ich mich nicht verletzt hätte, wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin.
Aber es ist sicherlich schlimm, dass Sie bei der WM in Kanada zusehen müssen.
Überhaupt nicht. Die Weltmeisterschaft ist für mich als Fußballerin viel zu weit weg. Ich freue mich auf das Turnier. Ich bin für das ZDF als Expertin vor Ort. Das ist zwar eine andere Perspektive, aber ich bin sehr dankbar und versuche die WM von Kanada nach Deutschland zu bringen.
Was genau sind Ihre Aufgaben in Kanada?
Es werden ganz unterschiedliche sein. Zum einen soll ich die Spiele analysieren. Dann wird es noch andere Beiträge geben. Ich soll meine Erfahrung als Spielerin einbringen. Sicherlich werde ich auch das eine oder andere Interview mit einer Spielerin führen.
Da können Sie ja Ihre ganzen Kontakte ins Spiel bringen, oder?
Nur ein bisschen. Wir müssen uns ganz normal an die Medientermine halten. Die Spielerinnen sind während eines Turniers ja ganz schön eingespannt.
Stehen Sie mit den Nationalspielerinnen eigentlich noch in Verbindung.
Klar. Ich bin gut mit Saskia Bartusiak befreundet. Mit ihr mache ich auch außerhalb des Fußballs sehr viel. Auch auf Annike Krahn freue ich mich, wenn ich sie während der WM mal treffen kann.
Haben Sie für den einen oder anderen Beitrag auch Ihre Fußballschuhe eingepackt?
Nein, ich nehme nur die Laufsachen mit. Das bekomme ich gerade noch hin. (lacht)
Wie geht es Ihrem Knie eigentlich?
Diese Frage wird mir häufig gestellt.
Und Sie können Sie nicht mehr hören?
Doch, das kann ich, aber es ist schwierig, darauf zu antworten, weil alles sehr ungewiss ist. Die Frage, die mit drinsteckt, ist nämlich, wann ich wieder Fußball spielen kann. Und darauf habe einfach keine Antwort. Ich möchte im wahrsten Sinne des Wortes nichts übers Knie brechen.
Wie äußern sich die Probleme, die Sie haben?
Ich merke, dass es nicht mehr dasselbe Knie ist. Auch im Alltag. Und als ich Anfang des Jahres wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen bin, hat das Knie gleich reagiert.
In welcher Weise?
Es wurde dick und ich musste das Training reduzieren, durfte nicht mehr fußballspezifisch trainieren. Deshalb bin ich nun wieder in der Reha.
Da ist es schwer, an ein Comeback zu glauben.
Daran denke ich gerade nicht. Ich freue mich erst einmal auf Kanada. Wie es weitergeht, wird sich danach entscheiden.
Einfach wird Ihre Entscheidung nicht, oder?
Irgendwann muss man sich entscheiden. Viele Menschen schrecken davor zurück, aber man muss auch mal mutig sein.
Sie haben nach der WM 2011 ein Sportmanagement-Studium begonnen? Wie weit sind Sie denn?
Die erste Stufe meines Fernstudiums habe ich absolviert. Jetzt bin ich dabei, den Sportfachwirt zu machen. Gerade stecke ich mitten in den Prüfungen.
Und was macht Ihr zweites Studium?
Das Innenarchitektur-Studium an der Fachhochschule in Darmstadt ruht zurzeit. Dieses Fach hat mich schon immer interessiert und ich wollte etwas machen, das gar nichts mit Fußball zu tun hat. Das hat mir nach meiner Verletzung sehr geholfen, Abstand zu gewinnen. Wenn ich jeden Tag mit Fußball in Berührung gewesen wäre, dann wäre ich verrückt geworden. Das Studium ist aber sehr zeitaufwendig und lässt sich nicht so gut organisieren wie das Fernstudium. Als ich wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen bin, war das alles zusammen ein bisschen viel. Deshalb konzentriere ich mich nun wieder auf das Sportmanagement-Studium. Und auf eine hoffentlich gute WM in Kanada, auch für unsere Mannschaft.
Was erwarten Sie denn vom deutschen Team in Kanada? Den Titel?
Natürlich gehört Deutschland zum Favoritenkreis. Aber bei dieser WM können sehr viele Teams Weltmeister werden. Die Spitze ist näher zusammengerückt. Ich denke der Knackpunkt für das deutsche Team wird das Viertelfinale sein, wo wir auf Frankreich treffen können. Danach ist alles möglich.
Im letzten Testspiel vor der WM gab es aber nicht nur Licht.
Ja, die erste Halbzeit gegen die Schweizerinnen war recht schwach. Aber der Gegner hat das auch wirklich gut gemacht. Bei uns war alles ein bisschen schläfrig, aber umso besser war die zweite Halbzeit. Die Mannschaft kann den Hebel umlegen. Daran sieht man, wie stark unsere Mannschaft ist. Unsere Waffe ist unser guter Kader. Nach Einwechslungen werden wir stärker.
Das klingt doch aber vielversprechend.
Ja, aber auch Schweden, die USA und ich schätze auch Kanada werden stark sein. Wie bei einem Männerturnier werden Kleinigkeiten entscheiden. Die WM wird richtig spannend.
Obwohl das Teilnehmerfeld von 16 auf 24 aufgestockt worden ist und einige Experten deutliche Resultate prophezeien?
Die Aufstockung kommt meiner Meinung nach ein bisschen zu früh. Ich glaube deshalb auch, dass es in der Vorrunde einige sehr eindeutige Spiele geben wird. Dennoch wird es eine spannende WM, da bin ich mir ganz sicher. Genauso wie zuletzt beim VfB: Ich habe immer an den Klassenverbleib geglaubt.
Sie drücken immer noch dem VfB Stuttgart die Daumen?
Auf jeden Fall. Im vorletzten Punktspiel gegen den HSV war ich im Stadion. Das lasse ich mir nicht nehmen.
Auch nicht im Kampf gegen den Abstieg?
Auch dann nicht! Ich bin froh, dass sie es geschafft haben, aber es war verdient. In den letzten Spielen hat der VfB von den Mannschaften im Keller den besten Fußball gezeigt.
Lassen Sie uns noch einmal auf den 9. Juli zurückkommen. Es war nicht nur der Tag, an dem Sie sich das Kreuzband gerissen haben, sondern auch der Tag, an dem Deutschland gegen Japan ausgeschieden ist.
Das stimmt. Wir haben uns das damals alle anders vorgestellt. Der Titel war unser Traum. Aber mit vier Jahren Abstand kann ich mich an die schönen Dinge erinnern.
An was zum Beispiel?
An das Eröffnungsspiel im Olympiastadion vor 80 ­000 Zuschauern. Das ist schon faszinierend. Und die ganze Begeisterung. So viele Menschen haben uns zugejubelt. Ich denke gerne daran zurück.