Kaltes Vergnügen: Um Eistauchen gut zu finden, muss man ganz schön hart im Nehmen sein. Foto: Stefan Rambow

Skifahren muss nicht sein? In den französischen Alpen oberhalb des Genfer Sees lassen sich im Winter ungewöhnliche Aktivitäten ausprobieren.

Les Portes du Soleil - Von unten betrachtet offenbart die Eisschicht auf dem Lac de Montriond bei Morzine einen surrealen Blick auf eine andere Welt: seltsame Spuren unentdeckter Spezies, Wälder aus filigranen Nadelstrukturen, unbekannte Flugobjekte, kristalline Bauwerke fremdartiger Ästhetik - alles umgeben von einem grünlich diffusen Dämmerlicht. Luftblasen erzeugen das einzige Geräusch, wenn sie unter dem Eis zerplatzen, sich sternförmig ausbreiten und davoneilen. Die meisten Winterurlauber in Morzine ziehen allerdings den Blick auf den Montblanc inmitten der imposanten Bergkulisse der französischen Alpen vor.

Les Portes du Soleil - zu Deutsch „Tore zur Sonne“ - ist eigentlich der Name eines Bergpasses. Seit 1974 bezeichnet er aber auch eine ganze Skiregion, mit sechs Skiorten in der Schweiz und acht auf der französischen Seite. Insgesamt stehen Alpinisten und Snowboardern 650 Abfahrtskilometer zur Verfügung - eines der größten Skigebiete der Welt. Die Angebote in Les Portes du Soleil richten sich jedoch auch an Gäste, die ohne Bretter unter den Füßen auskommen. Es muss ja nicht gleich Eistauchen sein - obwohl das im Tandem mit einem Tauchlehrer auch für Anfänger möglich ist, die sich zum ersten Mal mit Bleigürtel und Atemgerät unter Wasser wagen. Ein Loch im Eis kann man schließlich auch anders nutzen.

Alain Klesse behält mehrere Angeln auf einmal im Blick. Die Angelschnüre verschwinden in Eislöchern entlang des Stegs am Lac de Vonnes bei Châtel. Hat da nicht eben eine der Ruten gezuckt? Nein, falscher Alarm. „Normalerweise angeln wir mitten auf dem See, doch jetzt bedeckt Neuschnee die Löcher, die müssen wir erst wieder herrichten. Im Moment ist es sicherer, sich in Ufernähe aufzuhalten.“ 30 Zentimeter muss die Eisdecke dick sein, um sie gefahrlos betreten zu können. Die Löcher zum Eisangeln werden mit einer Kettensäge ins Eis geschnitten. An die Angelhaken kommen Mehlwürmer. Dann heißt es warten. Doch schon bald zieht Alain mit einem geschickten Ruck einen Fisch aus dem Wasser.

Sobald der Fisch auf dem Eis liegt, bewegt er sich nicht mehr

„Eine Bachforelle, zu erkennen an den typischen roten Punkten mit hellem Rand.“ Sobald der Fisch auf dem Eis liegt, bewegt er sich nicht mehr. „Da es im Winter draußen kälter ist als im Wasser, gefrieren die Schuppen an der Luft und kleben zusammen, das Tier ist regelrecht gelähmt.“ Alain kann dem Fisch in Ruhe den Haken aus der Lippe ziehen und ihn ins Wasser zurückwerfen, wo er sich quicklebendig davonmacht. Naturliebhaber, die es weniger aufs oder unters Eis zieht, sondern mehr in die verschneite Winterlandschaft, schnallen sich am besten Schneeschuhe - Raquettes - unter die Füße und wandern mit Dominique Maire durch das Vallée de Boutigny bei Les Gets.

Der erfahrene Tourguide und ambitionierte Hobbyfotograf weiß genau, wo es sich lohnt, nach scheuen Alpenbewohnern Ausschau zu halten. Aufmerksam sucht er durch sein auf ein solides Dreibein montiertes Fernrohr den Steilhang zur rechten Seite des engen Tals ab. Und tatsächlich, im Visier zeigt sich eine Gämse mit kurzen, an der Spitze nach hinten gebogenen Hörnern und dunklen Streifen im Gesicht. Mitten im Kauen hält sie inne und starrt bewegungslos zurück. Ob sie wohl das knirschende Geräusch der Raquettes im Schnee gehört hat? „Auf diese Distanz empfinden die Tiere das nicht als Bedrohung“, winkt Dominique ab. „Haben sie eine Pocketkamera dabei?“ Er hält das kleine Gerät vor den Sucher des Fernrohrs und schießt ein Foto von der Gämse.

Kuschelig irgendwie

„Mit den großen Spiegelreflexkameras funktioniert das nicht“, verrät er. Ein schönes Souvenir, das man Freunden und Ski fahrenden Familienmitgliedern beim Mittagstreff in einem der Bergrestaurants stolz präsentieren kann. Dorthin gelangt der Nicht-Skifahrer entweder mit dem Sessellift, auf einem der zahlreichen Winterwanderwege oder - im Skigebiet von Châtel - per Handiski. Das Gefährt sieht aus wie ein tiefergelegter Kinderwagen auf Kufen und ist für Leute gedacht, die nicht Ski fahren - sei es aufgrund des Alters, eines Handicaps, einer Verletzung oder weil sie es nie gelernt haben - die aber dennoch das Gefühl des Auf-der-Piste-Dahingleitens genießen möchten.

Es lässt sich samt professionellem Lenker für zwei Stunden bis hin zu ganzen Tagestouren buchen. „Bitte einsteigen.“ Julien Vesin klappt den wetterfesten Deckensack auf. Nachdem sein Gast es sich halb liegend auf dem gepolsterten Handiski bequem gemacht hat, zieht er den Reißverschluss bis über dessen Arme hoch und schnallt die Sicherheitsgurte fest. Das sieht aus wie eine Kreuzung aus Strampelanzug und Zwangsjacke. Kuschelig irgendwie. Am Sessellift bringt Julien das menschliche Paket mit einem Handgriff in Sitzposition, so dass es problemlos nach oben transportiert werden kann. Der Skiguide kümmert sich um den Ein- und Ausstieg.

Am Berg löst er die Arretierung des Sitzes, der jetzt in den Kurven frei zur Seite schwingen kann. „Wir haben die Handhabung des Handiski auf einer sechstägigen Ausbildung geübt“, beruhigt er seinen festgezurrten Gast, bevor er in rasantem Tempo die Piste hinunterbrettert. Ein Gefühl zwischen Schlitten- und Kettenkarussellfahren stellt sich ein. „Auf Wunsch gleiten wir natürlich auch ganz sanft zu Tal“, versichert Julien. Adrenalinjunkies müssen sowieso den Einbruch der Dämmerung abwarten. Wenn die Skifahrer die Pisten geräumt haben, ist die Zeit der abenteuerlichen Kufengefährte gekommen: Yooner, Snowracer, Snake Gliss, und wie sie alle heißen, machen sich auf den Weg ins Tal. Besonders Wagemutige starten erst, wenn es ganz dunkel geworden ist. Mit Stirnlampen bewaffnet, rasen sie dann mehr oder weniger kontrolliert auf der Abfahrtspiste mit einem der Geräte Richtung Morzine - ein Haufen hüpfender Sternschnuppen auf dem Weg ins Tal.

Infos zu Les Portes du Soleil

Anreise
Das Skigebiet ist mit dem Auto ab Süddeutschland in sechs bis sieben Stunden zu erreichen. Nächster Flughafen ist Genf. Von dort gibt es einen Buspendelverkehr in die Skiorte. Ski-Shuttles vor Ort.

Unterkunft
Chalet-Hôtel La Marmotte, 61 rue du chêne, Les Gets. DZ ab 213 Euro, www.hotel-marmotte.com/ .

Hôtel Macchi, 94 chemin de l’Etringa, Châtel. DZ ab 113 Euro inkl. Halbpension, www.hotelmacchi.com .

Hôtel L’Equipe, 733 avenue de Joux Plane, Morzine. DZ ab 630 Euro/Woche, www.hotelequipe.fr .

Skigebiet
Les Portes du Soleil bietet 650 Abfahrtskilometer auf 285 Pisten: 32 schwarze, 100 rote, 122 blaue, 31 grüne. Dazu 21 Snowparks und 240 Kilometer Loipen. Tagespass: Erwachsene 48,50 Euro, Kinder 36 Euro, Es gibt Mehrtagespässe und Skipässe für Teile des Skigebiets. Die Skisaison dauert bis Mitte April.

Allgemeine Informationen
Association des Portes du Soleil, 1401 Route de Vonnes, Châtel, Infos im Internet unter http://de.portesdusoleil.com/ , www.lesgets.com , www.chatel.com , www.morzine-avoriaz.com

Winteraktivitäten
Eistauchen: www.plongeesousglace.com

Eisangeln: http://info.chatel.com/under-ice-fishing.html

Schneeschuhwandern: www.lesgets-raquette.com Skitaxi: http://www.esf-chatel.com/en/handiski.html

Snowracer, Yooner, Snake Gliss: www.ecoleskiacademy.com

Sehenswertes/Ausflüge
Informationszentrum über Schmuggelaktivitäten in den Bergen: La Vieille Douane, 1277 route de Vonnes, Châtel. Musée de la Musique Mécanique, 294 rue du Vieux Village, Les Gets, www.musicmecalesgets.org

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