Am Canal du Midi kann man entspannnt radeln - über Dutzende Kilometer, vorbei an Tausenden uralter Platanen. Foto: C. G. Deschamps

Der Canal du Midi ist der ideale Ausgangspunkt für eine romantische Tour mit dem Fahrrad oder einem Boot. Unterwegs locken lauschige Plätzchen und verträumte Dörfer.

Carcassonne - Paris, Bordeaux und Marseille kennt jeder - aber das Departement Aude? Da tut sich auch so mancher Frankreichkenner schwer, diese Gegend auf Anhieb auf der Landkarte zu finden. Das Departement Aude, in dem sich auch die Städte Carcassonne und Narbonne befinden, liegt ganz unten im Hexagon - es ist keine Destination mit mondänem Renommee, aber dafür mit faszinierenden Reizen, von herb bis lieblich. „So viele unterschiedliche Landschaften, so abwechslungsreich“, schwärmt Wanderführerin Ingrid Sparbier vor den Teilnehmern einer Fahrradtour.

Die Eroberung des Gebiets erfolgt am besten von der Departement-Hauptstadt Carcassonne aus. Ihr Mittelpunkt ist eine mächtige Festung, Weltkulturerbe der Unesco und Kulisse zahlreicher Filme. Um die Burg ranken sich Legenden - darunter auch die über die Namensherkunft: Einst hatte ein Fürst die Stadt belagert, und zwar so lange, bis die Bewohner fast verhungerten. Allerdings hatte der Angreifer nicht mit der pfiffigen Burgherrin Madame Carcas gerechnet: Sie beschloss, ein Schwein zu mästen und es, nachdem es fett geworden war, über die Burgmauer zu werfen. Die Belagerer dachten beim Anblick der fetten Sau, dass es wohl noch eine ganze Menge Nahrung in der Burg geben musste, wenn man Tiere über die Mauer warf - sie traten frustriert den Rückzug an, und Glocken läuteten. „Madame Carcas sonne“ soll ein Belagerer gerufen haben, was so viel bedeutet wie „Madame Carcas hat geläutet“. Eine grandiose Rettungstat. Noch heute hat der Ort an einer alten Handelsstraße zwischen Atlantik und Mittelmeer etwas Magisches.

Anderswo stören Industrieanlagen

Er ist auf jeden Fall der ideale Ausgangspunkt einer romantischen Tour mit dem Zweirad - entlang des Canal du Midi, jener Wasserstraße, die Toulouse mit dem Mittelmeer verbindet. Anderswo stören Industrieanlagen und Ortschaften die flotte Fortbewegung, am Canal hingegen herrscht weitgehend freie Fahrt. Ende des 17. Jahrhunderts zu Zeiten des Sonnenkönigs Ludwig XIV. vom genialen Ingenieur Pierre-Paul Riquet erbaut, wurde der Kanal, inzwischen ebenfalls ein Weltkulturerbe, in jüngerer Zeit für den Tourismus entdeckt. Wer keine Lust hat, in die Pedale zu treten, kann auf einem Boot spazieren fahren. Etwas für den Urlauber, der es beschaulicher mag: Man schippert gemächlich dahin. Ein Blogger beschreibt das so: „Egal wo, ich genieße immer die ruhige Entspanntheit, die sich mit der ersten Minute an Bord einstellt. Man kommt zwar manchmal am Tag nur so weit, wie man es mit dem Auto in 30 Minuten locker schafft, sammelt aber so viele Eindrücke, die einem sonst nie auffallen und damit eine wohlige Befriedigung stiften. Und das ohne Bootsführerschein!“

Die Schiffseigner sind eher unernste Typen. Auf einem Kahn steht ganz keck „anticonstitutionellement“ (auf Deutsch: verfassungswidrig) - es ist das längste Wort der französischen Sprache. Links und rechts am Ufer bieten sich lauschige Gasthöfe und Cafés an, auf der Speisekarte wird der kräftige Eintopf mit Würsten, Schweinefleisch am Knochen und Bohnen angepriesen, Cassoulet genannt. Ein Klassiker. Etwas abseits des Canal liegt das lauschige Anwesen von Anne im verträumten Nest Pouzols. Die Vermietung ihres Gästehauses wirft für sie nicht genug ab, nebenher muss sie noch einen steinigen Boden beackern. Doch was der hervorbringt, ist jede Mühe wert. Der Wein, der in dieser Gegend - dem Minervois - wächst, ist, egal ob weiß oder rot, ein höchst intensives Erlebnis.

Nach wenigen Kilometern ist Narbonne erreicht

In den Trauben Syrah, Grenache, Carignan, Cinsault, Mourvedre steckt jede Menge Geschmack - schlotzen wie ein Viertele Trollinger, nein, das geht mit diesen Sorten nicht. Hier ist Nippen angezeigt - die Degustation beim Öko-Winzer Eric Marie im Hameau de La Prade wird so zu einer Zeremonie, zu einem beinahe spirituellen Erlebnis. Die biodynamische Weinherstellung ist bei ihm eine Kunst, bei der alle Schritte perfekt aufeinander abstimmt sein müssen. Vorher führt er die Besuchergruppe voller Stolz zu seinen Reben und erklärt, dass es auch auf die richtige Beschaffenheit der Erde ankommt - Regenwürmer, deren Anzahl im Boden er wieder auf die biologisch richtige Höhe gebracht hat, sorgen dafür. Von Pouzols geht es auf einer malerischen Etappe in südöstlicher Richtung auf dem Canal de la Robine weiter - einem Seitenarm des Canal du Midi. Nach wenigen Kilometern ist Narbonne erreicht, ein weiteres Prunkstück südfranzösischer Architektur. Eine mächtige Kathedrale grüßt weithin sichtbar übers Land.

Ein Stand in der opulent bestückten Markthalle lädt zu einer weiteren Weinprobe mit Sauvignon, Pinot noir, Muscat und Viognier. Nach weiteren gemütlichen 15 Kilometern erreicht die Fahrradgruppe schließlich ihr Ziel: das Seebad Gruissan am Mittelmeer mit seinen weiten Stränden und pittoresken Pfahlbauten für Zehntausende. Wer will, kann sich auch hier von edlen Tropfen verwöhnen lassen. Die Frage nach Bier nimmt der Besitzer des Weinladens aber keineswegs krumm: „Venez, kommen Sie“, sagt er, „ich hab’ da was: Bière des Corbières.“ Ein schäumendes Gebräu von der Domaine des Cascades - in einer Weinflasche. Das Bier schmeckt tatsächlich ein bisschen nach Wein, aber immerhin, es taugt gut gegen den Durst. Merci!

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Infos zu Frankreich

Anreise
Ab ca. 100 Euro fliegt Air France ( www.airfrance.com ) mehrmals täglich von Stuttgart nach Paris, für 75 Euro geht es weiter nach Toulouse. Die Strecke Toulouse-Carcassonne kostet mit dem Zug weniger als 20 Euro.

Pauschalangebote
Spezialisiert auf naturnahe Fahrrad- und Wanderreisen in Südfrankreich ist der Reiseveranstalter France écotours in Frankfurt. Auf einer geführten Radreise (Start in Narbonne, Ende in Castelnaudary) mit deutschsprachiger Reiseleitung wird die Architektur des Canal du Midi erklärt und die mittelalterliche Stadt Carcassonne erkundet. Die Länge der Etappen beträgt zwischen 30 und 40 Kilometer. Man radelt vorwiegend auf Treidelpfaden und wenigen asphaltierten Radwegen. Die Pauschalreise (sechs Übernachtungen/HP, Fachbegleitung in den Weinbergen, deutschsprachige Führungen, Eintrittsgelder, Gepäcktransport) kostet 890 Euro. Ein Leihfahrrad kostet ab 90 Euro. www.france-ecotours.com Tel.: 069 / 97 78 86 77

Weitere Veranstalter: Wikinger Reisen, www.wikinger-reisen.de , Natours, www.natours.de

Unterkunft
Zentral untergebracht ist man in Carcassonne im Hotel Donjon zu Preisen ab rund 92 Euro. www.hotel-donjon.fr

Bescheidener ist das Hotel Ibis, wo das Zimmer schon ab 37 Euro zu haben ist, www.accorhotels.com/de/hotel-1371-ibis-carcassonne-centre/index.shtml‎

Empfehlenswert
Die Markthalle von Narbonne ist ein Schlaraffenland! Bäcker, Konditoren, Metzger, Fischhändler, Obst- und Gemüsehändler, Feinkostverkäufer und Weinhändler bieten hier das Beste an, was Südfrankreich zu bieten hat. Beobachten Sie, wie der Pferdemetzger auf Zuruf (mit dem Megafon) seine Portionen Pferdehack in Papier gewickelt quer durch die Luft zum Wirt am Tresen wirft. Hier gibt es auch die echten Lucques-Oliven. Seit der Eröffnung im Jahr 1901 war der Markt noch an keinem Tag geschlossen.

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