Das Buchmesse-Gastland Italien bringt die politischen Probleme in der Heimat mit nach Frankfurt – wo italienische Literatur gefragt ist.
Italien tritt in diesem Jahr als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse auf; zum zweiten Mal seit 1988. Die deutsch-italienischen Literaturbeziehungen zeigen indes ein widersprüchliches Bild. Während Titel aus dem deutschsprachigen Raum sich schwer auf dem italienischen Markt tun, hat es in den vergangenen 50 Jahren – wenn auch in Wellen – beim Publikum nördlich der Alpen ein vergleichsweise hohes Interesse an italienischen Autorinnen und Autoren gegeben.
Einen ersten Boom konnte man in den späten 1970er und 1980er Jahren verzeichnen. Er wurde ausgelöst durch so unterschiedliche Phänomene wie die Veröffentlichung der Freibeuterschriften Pasolinis in deutscher Sprache oder die Entdeckung von Autoren wie Italo Calvino oder Primo Levi durch breitere Leserschichten. Und nicht zu vergessen Umberto Ecos historischen Krimi „Im Namen der Rose“ – der wochenlang die Bestsellerlisten dominierte.
Nachdem die Deutschen Italien als Urlaubsland bereist hatten, durchstöberten sie jetzt seine Literaturlandschaften. Unterschiedliche Landschaften mit mannigfaltigen Stimmen, die durch die höchst verdienstvolle Arbeit der Lektorate von Hanser bis Fischer, von Piper bis Diogenes ans Tageslicht kommen. Die Hauptrolle spielt der Verlag Klaus Wagenbach, der seit Jahrzehnten der italienischen Literatur wie dem kulturellen Sachbuch aus Italien eine Heimat gibt. Es ist der deutschsprachige Verlag „mit der umfangreichsten Liste italienischer Autorinnen und Autoren“, wie die Leiterin Susanne Schüssler nicht ohne Stolz in einem „Lesebuch Italien“ unterstreicht, das jetzt zur Buchmesse und anlässlich des 60. Verlagsjubiläums erschienen ist.
Da finden zeitgenössische Arbeiten von Michela Murgia, Francesca Melandri oder Giulia Caminito eine Bühne, und moderne Klassiker wie die Bücher von Giorgio Bassani und Leonardo Sciascia bleiben präsent. Auch kleinere Verlage kümmern sich schwerpunktmäßig um Italien und leisten so kulturelle Basisarbeit oft am Rand des wirtschaftlichen Überlebens. Dazu gehören etwa Folio (Bozen/Wien), Nonsolo (Freiburg) und die Edition Converso (Karlsruhe).
Großer Auftritt geprobt
Italien hat seit der Bekanntgabe der Einladung nach Frankfurt als Gastland die Übersetzungsförderung intensiviert. So konnten mit staatlicher Unterstützung in den letzten vier Jahren im deutschen Sprachraum 600 Titel italienischer Autorinnen und Autoren veröffentlicht oder zur Veröffentlichung vorbereitet werden. Man probt nun in Frankfurt den großen Auftritt, was nicht ohne innere Widersprüche abläuft. Denn die Rechtsregierung unter Giorgia Meloni hat sich zum Ziel gesetzt, die „kulturelle Hegemonie“ der Linken zu brechen, die die Geschichte Italiens der Nachkriegszeit geprägt hatte.
Auch wenn man die inneren Diskussionen zu Hause lassen wollte, sind sie doch über die Grenzen geschwappt. Eine Delegation von rund 100 Autorinnen und Autoren soll in Frankfurt nach Wunsch der Veranstalter der Regierung das eher unpolitische Bild der heilen Kulturnation Italien verbreiten. In einem offenen Brief drückten jedoch Teilnehmer der Delegation ihre Beunruhigung über die immer stärkere Einmischung der Politik in die Freiräume der Kultur aus. Zum Beispiel wurde ein unbequemer Schriftsteller wie Roberto Saviano gar nicht erst eingeladen und reist jetzt auf dem Ticket seines deutschen Verlegers (Hanser) an. Ein anderer wie der Physiker und Autor Carlo Rovelli wurde wegen seiner kritischen Haltung zum Ukraine-Krieg zunächst von der Liste der Teilnehmer gestrichen und dann doch wieder aufgenommen.