Blick in den spanischen Pavillon: Spanien ist in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Foto: imago/Hannelore Förster

Krieg und Rezession überschatten die Wiederauferstehung der Frankfurter Buchmesse. Doch das Gastland Spanien bringt Licht.

Woraus besteht eigentlich das, was unter dem ökonomisch-grauen Begriff Buchbranche zusammengefasst wird? Aus verschiedensten Berufsgruppen, Ideen, Buchstaben – und vor allem aus vielen Farben. Während der Direktor der Frankfurter Buchmesse und die Vorsteherin des Börsenvereins des deutschen Buchhandels versuchen, mit Worten die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung jenes Gewerbezweigs auszumalen, bringen ihn die Kreativen aus dem diesjährigen Gastland Spanien aufs Schönste zum Blühen. Inspiriert vom Satz der Schriftstellerin Carmen Martín Gaite: „Geschichten sind wie Kirschen: Wenn man an einer zieht, bekommt man die nächsten dazu“, ist der spanische Pavillon ein heiterer Ideengarten, in dem man durch die Geschichten des Schreibens und alle anderen, die daran hängen, flanieren kann.

 

Spaniens Auftritt sprüht vor Inspiration

In einem magischen Hain fallen Begriffe wie reife Früchte auf den Betrachter oder Leser: Beleza, Reisen, Idea, Schreiben. Von unsichtbarer Hand werden Manuskripte der bedeutendsten Autoren des Landes reproduziert, Bücherregale schlängeln sich durch den Raum. Und dank der Gelehrigkeit Künstlicher Intelligenz kann man nicht nur der Übersetzung kaum übersetzbarer Begriffe wie „Sitzfleisch“ beiwohnen, sondern auch der Verwandlung von Wörtern und Gedanken in lichte, heitere Luftgebilde.

Als hätte das Land geahnt, dass es trotz der vielen Autorinnen und Autoren, die die Vielfalt der spanischen Literatur und Sprachen repräsentieren, ins Hintertreffen geraten könnte, sprüht dieser Auftritt vor Inspiration wie kaum einer zuvor. Was nichts daran ändert, dass das eigentliche Gastland in diesem Jahr die Ukraine ist. Und damit wäre man bei den Wolken, die sich bei aller Freude über ein Stattfinden unter fast normalen Bedingungen über das Messeereignis schieben.

Eine Bühne für ukrainische Autoren und Autorinnen

Nachdem in den letzten zwei Jahren die Pandemie die Veranstalter nahezu in den Ruin getrieben hat, verdunkelt der Krieg in Europa das Wiedersehen. Am Donnerstag wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj das Wort an die Öffentlichkeit dieser sich als Agora der demokratischen Welt verstehenden Veranstaltung richten, in einem Saal mit dem hoffnungsvollen Namen Harmonie. Ein Programmschwerpunkt gibt ukrainischen Autoren und Autorinnen eine Bühne. In ihrer Heimat werden gerade Druckereien und Verlage zerbombt und deren Mitarbeiter getötet.

Nie klang das Wort eines Raums für Diversität und friedlichen Austausch weniger nach Phrase als in diesen Tagen. Dafür steht nicht nur der fulminante Auftritt der überraschend mit dem Deutschen Buchpreis geehrten schreibenden Person aus der Schweiz, Kim de l’Horizon, die ihre Haare den um ihre Freiheitsrechte kämpfenden iranischen Frauen zu Füßen gelegt hat. Dafür stehen auch die russischen Exilschriftsteller, die sich hier zusammenfinden, während in ihrer verlorenen Heimat, vielleicht gerade, wer weiß, eine Gegenmesse mit regimetreuen Kollegen aus Belarus, Nordkorea oder Syrien stattfindet.

Inflation führt zu spürbarer Kaufzurückhaltung

„Unsere Welt ist im Begriff, in sich beargwöhnende Nationen, Clans und Stämme zu zerbrechen“, sagt der pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid auf der Eröffnungspressekonferenz. Dabei ließen sich die Probleme, die eine permanent über ihre Verhältnisse lebendende Menschheit aufgetürmt habe, nur durch Kooperation lösen. Ein Modell dafür sei die Zusammenarbeit zwischen Lesern und Autoren. Diese schreiben Romane, jene erwecken sie in ihrer Einbildungskraft zum Leben: „In einer Welt, die im Begriff scheint, in eine Phase der Dunkelheit einzutreten, sind Romane ein Häufchen Glut, das uns in Erinnerung ruft, dass wir unsere Welt gemeinsam erneuern können.“

Doch auch die Romanleser bereiten Sorgen. Die allgemeine Teuerung hätte zu einer spürbaren Kaufzurückhaltung geführt, sagt die Börsenvereinschefin Karin Schmidt-Friderichs. Steigende Energiekosten und Papierknappheit setzten Verlage und Buchhandlungen unter Druck. Schon im laufenden Jahr seien 50 Prozent mehr für die Produktion von Büchern angefallen, und im kommenden werde mit weiteren Steigerungen um 20 bis 30 Prozent gerechnet. Höchste Zeit, so ihre Forderung, dass die Politik endlich die im Koalitionsvertrag vereinbarte Verlagsförderung schnell auf den Weg bringt. Oder wie der Messedirektor Juergen Boos angesichts schon reduzierter Mehrwertsteuersätze für Bücher formulierte: „Es würde auch nichts schaden, gar keine Mehrwertsteuer zu erheben.“

Funkwellen ins All

Immer wieder bricht an diesem Tag in Frankfurter auch die Sonne durch dunkelstes Gewölk. Am Abend erweisen das spanische Königspaar und der deutsche Bundespräsident bei der Eröffnung diesem größten Marktplatz für Bücher und Geschichten ihre Reverenz. Und wem das nicht reicht, kann sich im spanischen Kirschgarten an einem Universalpoem beteiligen, dessen erste 23 000 Verse gerade in Form von Funkwellen in den 600 Lichtjahre von der Erde entfernten Kohlensacknebel geschickt wurden.

An diesem Mittwoch eröffnet die Frankfurter Buchmesse

Aussteller
 Die Frankfurter Buchmesse ist das weltweit größte Branchentreffen von Autoren, Verlagen und Lesepublikum. 2020 verzichtete die Buchmesse wegen der Coronapandemie auf die physische Präsenz von Verlagen in den Messehallen. Vor Corona kamen rund 7500 Aussteller aus mehr als 100 Ländern. 2022 werden es immerhin wieder 4000 Aussteller aus 95 Ländern.

Preise
 Im Rahmen der Buchmesse werden zahlreiche Preise verliehen, darunter der Deutsche Buchpreis und der Deutsche Jugendliteraturpreis. Den Höhe- und Schlusspunkt bildet am Sonntag die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Er geht in diesem Jahr an den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan.

Gäste
Zu den prominenten Namen zählen in diesem Jahr Donna Leon, Diane Kruger, Luisa Neubauer, Paul Maar, Abdulrazak Gurnah und viele andere.

Publikum
Erstmals können Privatbesucher bereits von Freitag an die Buchmesse besuchen. Die Öffnungszeiten sind Freitag und Samstag von 9 bis 18.30 Uhr, am Sonntag bis 17.30 Uhr.