Die Strompreise sind in den vergangenen Monaten auf ungeahnte Rekordhöhen geklettert. Foto: Frank Rodenhausen

Die Kosten für Energie sind auf Rekordhöhen geklettert und klettern noch weiter. Frank Schöller, der Geschäftsführer der Stadtwerke Waiblingen, sieht das mit großer Sorge. Doch er hat auch eine Idee, wie die Politik dem entgegenwirken könnte.

Die Kosten für Energie sind in den vergangenen acht Monaten auf Rekordhöhen geklettert und klettern noch weiter. Frank Schöller, der Geschäftsführer der Stadtwerke Waiblingen, sieht das nicht nur aus Unternehmersicht mit großer Sorge. Doch er hat auch eine Idee, wie die Politik dem entgegenwirken könnte.

 

Herr Schöller, die Stadtwerke Waiblingen haben gerade Ankündigungen zur Erhöhung der Strompreise verschickt, brandet Ihnen eine Wutwelle entgegen?

Nein, natürlich gibt es Nachfragen, aber unsere Preiserhöhungen fallen vergleichsweise moderat aus.

Was heißt moderat?

Wenn Sie in einschlägigen Vergleichsportalen nachschauen, werden Sie sehen, dass wir unter den seriösen Anbietern zu den preisgünstigsten zählen.

Das heißt, Sie werden die Strompreisbremse nicht in Anspruch nehmen müssen?

In unserem Grundversorgungstarif für Strom schon. Da liegen wir bei 44 Cent pro Kilowattstunde und damit vier Cent über dem Preisdeckel. Bei unseren Stammkunden hingegen liegt der Tarif bei 40 Cent pro Kilowattstunde und damit genau auf der Grenze.

Sind Sie dankbar über die Strompreisbremse, oder ärgern Sie sich darüber?

Sagen wir so: Ich halte die Energiepreisbremse per se für gut und wichtig, um die Leute zu entlasten. Ich hätte es aber anders gemacht.

Wie?

Weniger kompliziert. Wir Energieversorger müssen jetzt sehr viel Arbeit in die Abrechnungs- und Informationstechnik stecken und den Kunden viel erklären. Die Abwicklung und die Erklärung der verschiedenen Varianten wird einen enormen Aufwand bedeuten. Ich hätte stattdessen eine Pauschale gezahlt. Ich weiß, dass die Bundesregierung mit dem Umstand, dass die Preisbremse nur für 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs gezahlt wird, auch darauf abzielt, die Menschen zum Energiesparen zu erziehen. Das ist sicherlich gut, aber auch die gedeckelten Preise sind meines Erachtens so hoch, dass niemand freiwillig mehr verbrauchen wird, als er muss. Ich bin generell gegen Erziehungsmaßnahmen von selbstverantwortlichen Menschen.

Zumindest beim Heizen sieht es angesichts gut gefüllter Gasspeicher doch so aus, als kämen wir gut durch den Winter?

Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Sie sind skeptisch?

Ich betrachte das einfach mal faktisch: Im Schnitt haben wir in Deutschland einen Jahresgasverbrauch von 1000 Terawattstunden. Dem stehen 47 Speicher gegenüber, die zusammen eine Kapazität von etwa 230 Terawattstunden haben. Den Großteil unseres Jahresverbrauchs, etwa 40 Prozent, haben wir in der Regel in den Monaten Januar bis März. Zusätzlich hat die Bundesregierung gesagt, dass wegen der unsicheren Lage die Speicher nur bis maximal 40 Prozent entleert werden sollen. Das bedeutet, dass wir gerade einmal ein bis zwei Monate ohne Gasnachschub auskämen. Und dann werden nebenher Dinge gefeiert, die ich nicht nachvollziehen kann – etwa, dass wir bisher Gas gespart hätten.

Haben wir nicht?

Doch, schon, aber das ist auch nicht so schwer im privaten Bereich bei über 20 Grad im November. Im Bereich der Unternehmen bereitet mir das eher Sorge.

Inwiefern?

Wenn das impliziert, dass auch die Unternehmen für ihre Produktionen Gas gespart haben, kann das nur bedeuten, dass dies durch Umverlagerung oder noch schlimmer Stilllegung geschehen ist.

Was meinen Sie damit?

Asien und die USA sind von der Energiekrise nicht in dem Maße betroffen wie wir. Amerika wirbt ganz gezielt deutsche Firmen an, in ihrem Land aufgrund der geringen Energiekosten zu produzieren. Das mag alles nicht von heute auf morgen passieren, aber der schleichende Prozess der Deindustrialisierung ist meines Erachtens besorgniserregend, denn wir brauchen die Arbeitsplätze und die Wertschöpfung nicht nur, um unseren Wohlstand und Sozialstaat zu sichern, sondern auch, um die Energiewende umsetzen zu können.

Die Ihrer Meinung nach zurzeit falsch angepackt wird?

Ja, wir sollten die Übergangszeit für den Umbau auf regenerative Energieversorgung so gestalten, dass uns die Energiepreise dabei nicht um die Ohren fliegen.

Wie?

So, wie ich es übrigens schon zu Beginn der Energiekrise gegenüber Ihrer Zeitung gesagt habe: Wir müssen ideologiefrei alles ans Netz bringen, was Strom zuverlässig und günstig erzeugen kann. Und dazu gehört auch, dass wir die drei noch verfügbaren Kernkraftwerke mindestens vier bis fünf Jahre weiterlaufen lassen sollten. Auch die drei Kernkraftwerke die 2021 stillgelegt worden sind, sollten in dieser nationalen Notlage wieder reaktiviert werden. Darüber hinaus sollten wir in die eigene Gasförderung einsteigen und, drittens, sofort und parallel alles, was geht, an den Bau erneuerbarer Energieerzeugungsanlagen in die Wege leiten – plus den Bau von Speichern und Leitungen. Dies wird allerdings zu massiven Landschaftseingriffen führen, die wir gesellschaftlich diskutieren, ertragen und akzeptieren müssen.

Es heißt, die drei Kernkraftwerke seien energieerzeugungstechnisch zu vernachlässigen . . .

Neckarwestheim produziert etwa 12 Terawattstunden Strom pro Jahr, das entspricht dem Energiebedarf von drei Millionen Haushalten. Wenn man das auf Personen hochrechnet, versorgt das Kernkraftwerk acht bis zehn Millionen Menschen – und das mal drei beziehungsweise mal sechs ist nicht nichts.

Dem stehen die bekannten Risiken und die Altlasten entgegen . . .

Ja natürlich, aber es ist auch die einzig verlässliche grundlastfähige und CO2-neutrale Energieerzeugung. Wir müssen das gegen die Risiken der Klimaerwärmung abwägen.

Die von Ihnen als zweiter Punkt angedachte Gewinnung von deutschem Erdgas müsste durch Fracking gemacht werden – das ist riskant, wäre ein neuer Einstieg in fossile Energieerzeugung und würde die langwierige Schaffung einer neuen Infrastruktur bedeuten.

Wir bräuchten eine Pipeline, und das wär’s. Es gibt Untersuchungen, dass es gerade mal ein Jahr dauern würde, bis wir eine eigene Gasförderung aufgebaut hätten – und das mit Sicherheits- und Umweltstandards, wie es sie weltweit noch nicht gibt. Und was machen wir stattdessen? Lassen uns Gas, das in den USA auf die gleiche Weise gewonnen wird, aufwendig und verlustreich komprimieren und mit Schweröltreibstoff betriebenen Schiffen an ein Terminal nach Wilhelmshaven liefern – dessen Bau im Übrigen Australien aus Umweltgründen nicht wollte, weil es nicht dem Stand der Technik entspricht. Und warum? Weil wir im Frühjahr, als die LNG-Terminals bestellt wurden, alle Alternativen – nämlich Energieproduktion aus Kern- und Kohlekraft – aus ideologischen Gründen ausgeschlossen haben.

Was also tun?

Ich bin davon überzeugt, dass wir, wenn wir die vorher beschriebenen drei Stufen jetzt sofort, konsequent, parallel und ideologiefrei angehen würden, in fünf bis zehn Jahren letztlich Lösungen der Energieproblematik auf regenerativer Ebene hätten und über die Energiewende nicht nur reden, sondern diese umgesetzt haben.

Person
 Der 55-jährige Frank Schöller arbeitet seit 30 Jahren in der Energiebranche. Zuvor hat er Elektrotechnik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Seit 2014 ist er der Geschäftsführer der Stadtwerke Waiblingen.

Unternehmen
 Die Stadtwerke Waiblingen haben zuletzt einen Jahresumsatz von rund 90 Millionen Euro gemacht. Der regionale Energie- und Trinkwasserversorger beschäftigt zurzeit etwa 180 Mitarbeiter.