Die Costa Concordia hat 2012 vor der italienischen Insel Giglio Havarie erlitten. Ihr Kapitän Francesco Schettino steht in Florenz in zweiter Instanz vor Gericht. Foto: AFP

Noch ist der Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffs auf freiem Fuß. Er hofft, in der Berufung das Urteil der ersten Instanz umzukehren. Die Staatsanwälte werden voraussichtlich auf eine langjährige Strafe pochen.

Florenz - Während im Hafen von Genua die Zerlegung der Costa Concordia in ihre letzte Phase geht und von dem stolzen, 290 Meter langen Kreuzfahrtriesen nur noch eine rostige Bodenwanne zu sehen ist, steht der einstige Kapitän erneut vor Gericht. Oder besser: Francesco Schettino steht nicht. Dem Beginn des Berufungsprozesses an diesem Donnerstag in Florenz ist der 55-Jährige ferngeblieben, weil er sich „in den Medien übermäßig zur Schau gestellt“ fühlt und weil „mein Leben ohnehin zu Ende gegangen ist mit dem Leben der 32 Personen“, die bei der Havarie am 13. Januar 2012 vor der Insel Giglio ertrunken sind.

So hat es Schettino dem Florentiner Gericht schriftlich mitgeteilt. Im übrigen fühlt er sich weiterhin unschuldig an dem Schiffbruch, auch wenn die Richter der Ersten Instanz das im Februar 2015 anders gesehen und ihn zu 16 Jahren Haft verurteilt haben. Was Schettino im ersten Prozess „vor lauter Beleidigungen gegen mich“ nicht glaubte sagen zu können, das hat er inzwischen in einem Buch nachgetragen. Diese Selbstrechtfertigung ist 608 Seiten dick und trägt den Titel „La verità sommersa“ („Die versenkte Wahrheit“).

Schettino hat vorzeitig das sinkende Schiff verlassen

Als wahr und als „kriminell“ haben es die Richter Erster Instanz erkannt, dass Schettino das Riesenschiff eigenmächtig und absichtlich viel zu nahe an die toskanische Felseninsel Giglio heranfahren ließ, um seinem dort geborenen Chefkellner und seiner aktuellen Geliebten Eindruck zu machen – ungeachtet der Tatsache, dass die Costa Concordia für die Route an den Granitklippen entlang nicht die nötigen exakten Karten an Bord hatte. Als wahr erkannten es die Richter ferner, dass Schettino vorzeitig das sinkende Schiff verließ, ohne sich im Dunkel der Winternacht um das Schicksal jener 2000 Passagiere und Besatzungsmitglieder (von insgesamt 4229) zu kümmern, die sich zum Zeitpunkt seiner Flucht noch an Bord befanden.

Aus dem Urteil ausgeblendet – und von Schettino jetzt reklamiert – blieb indes die Rolle der anderen Offiziere auf der Kommandobrücke während des lebensgefährlichen Manövers. Per Deal mit der Staatsanwaltschaft hatten sich die Offiziere schon vorab aus dem Verfahren davongestohlen. Sie bekamen Minimalstrafen, der Form halber; keiner von ihnen musste ins Gefängnis. Etliche Besatzungsmitglieder mit dubiosem Verhalten während der Unglücksnacht wurden von der Kreuzfahrtreederei Costa sogar noch befördert.

Die dritte Instanz wird erst in einigen Jahren entscheiden

Auch Schettino lebt, trotz der Verurteilung zu 16 Jahren Haft, auf freiem Fuß, in seiner Heimatgemeinde unweit von Neapel. Der Strafprozess Erster Instanz hat gut anderthalb Jahre gedauert; die Länge des nun begonnenen Appellationsverfahren wird davon abhängen, ob die Richter den ersten Prozess einfach nur auf juristisch formale Korrektheit überprüfen oder ihn komplett neu aufrollen. Danach braucht es bis zu einem rechtskräftigen Urteil in Italien noch die dritte Instanz; diese wird erst in einigen Jahren entscheiden. Die Verteidigung verlangt Freispruch. Und wie geht’s dem Ex-Kapitän? „Francesco Schettino ist daheim, er ist gelassen und ruhig“, sagte sein Verteidiger zum Prozessauftakt in Florenz

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