Filmregisseur François Ozon kam schon als Schüler in Frankreich nicht am Roman „Der Fremde“ vorbei. Foto: IMAGO/Eventpress

Filmregisseur François Ozon erläutert, warum er mit der Verfilmung des Camus-Stoffes die Tochter des Autors und Robert Smith von der Band The Cure glücklich gemacht hat.

Camus’ „Der Fremde“ ist eines der populärste französischen Bücher weltweit. Er habe geahnt, sagt François Ozon, wenn er das Meisterwerk auf die Leinwand bringe, würden die Leute mit gezückten Messern auf ihn warten. Dennoch hat er es getan.

 

Monsieur Ozon, erinnern Sie sich noch an das erste Mal, als Sie Albert Camus‘ „Der Fremde“ gelesen haben?

So konkret nicht, aber ich war auf jeden Fall noch Teenager. Als Schüler in Frankreich kommt man an dem Buch bis heute nicht vorbei. Für viele war und ist es quasi der Roman, mit dem sie das Lesen für sich entdecken. Vermutlich würden viele Menschen in Frankreich sagen, dass es sich bei „Der Fremde“ um ihr Lieblingsbuch handelt. Von meiner ersten Lektüre ist mir vor allem der erste Satz im Gedächtnis geblieben: „Heute ist Mama gestorben.“ Den fand ich damals revolutionär. Und ich erinnere mich noch gut an die Szene am Strand, die erschien mir unglaublich mysteriös.

Waren es diese Erinnerungen, die Sie dazu brachten, den Roman nun neu zu verfilmen?

In gewisser Weise ja. Ich habe ihn dann noch einmal gelesen und war erstaunt, dass ich ihn immer noch so kraftvoll, rätselhaft und wunderschön geschrieben fand wie damals. Und er ließ mich mit vielen Fragen zurück, was ich als ideale Voraussetzung für eine Verfilmung empfand. Gleichzeitig habe ich lange gezögert, eben gerade weil „Der Fremde“ eines der drei meistgelesenen französischen Bücher weltweit ist. Ich wusste: Wenn ich dieses Meisterwerk auf die Leinwand bringe, werden die Leute mit gezückten Messern auf mich warten!

Vor einigen Veränderungen sind Sie trotzdem nicht zurückgeschreckt. Der Araber, den Meursault umbringt, bleibt nicht namenlos, und Frauenfiguren, die was zu sagen haben, kommen in Ihrem Film nun auch vor. Warum war Ihnen das wichtig?

Weil mir beim erneuten Lesen deutlich ins Auge sprang, wie sehr sich unser Blick auf die Welt verändert hat. Man kann im Jahr 2025 nicht mehr exakt so erzählen, als wären wir immer noch 1942. Zumal Algerien unter französischer Kolonialherrschaft eine Welt ist, die es nicht mehr gibt. Bei der Lektüre heute war es ein anderer Satz, der sich mir einbrannte: „Ich habe einen Araber getötet.“ Der hat heute in seiner Anonymität etwas Schockierendes, auch wenn ich damit nicht sagen will, dass Camus ein Rassist war. Camus nutzte Archetypen, um ein System zu beschreiben, und die Welt, in der er groß geworden war. Aber heutzutage wäre es mir mit meinem Wissens- und Erkenntnisstand unmöglich, diese Geschichte auf die gleiche Weise zu erzählen und die arabisch-stämmige Bevölkerung Algeriens unsichtbar zu machen. Es brauchte Kontext, um aus heutiger Warte diese Welt zu verstehen. Was nicht heißt, dass man der Geschichte das Existenzialistische nehmen muss.

Aus heutiger Sicht könnte man auch fragen, was „Der Fremde“ der Männlichkeit zu sagen hat.

Mir fiel auf, dass eigentlich alle Männer, die in der Geschichte vorkommen, das sind, was man heute als toxisch bezeichnen würde. Meursault, der keinen Zugriff auf seine Emotionen hat und nicht einmal weinen kann, als seine Mutter stirbt. Salamano, der seinen Hund misshandelt. Sintès, der seine Geliebte schlägt. Wirklich mitfühlen will man mit diesen Männern nicht, heute noch weniger als früher. Auch deswegen habe ich den Raum für die Frauen in der Geschichte vergrößert.

Warum die Entscheidung für einen Film in Schwarz-Weiß?

Das stand für mich von Anfang an fest. Ähnlich wie bei „Frantz“ vor einigen Jahre wollte ich die Vergangenheit ästhetisch auf eine Weise wieder aufleben lassen, die kohärent ist mit unserem Bild, das wir von ihr haben. Indem ich auf Schwarz-Weiß-Bilder setze, die an alte Aufnahmen erinnern. Das Abtauchen in eine uns fremde, in Vergessenheit geratene Welt wird meiner Ansicht nach durch die Schönheit der beinahe stilisierten Schwarz-Weiß-Bilder erleichtert. Farbe hätte wie ein Störfaktor gewirkt und vom philosophischen Kern des Buchs abgelenkt, glaube ich. Abgesehen davon war dies die finanziell praktikablere Lösung. Das Algier der 1940er in Farbe wieder aufleben zu lassen, hätte mein bescheidenes Budget gesprengt.

Der stilisierte Look des Films geht auch mit einem gewissen Sex-Appeal einher. Ist das ein Mittel, vielleicht gerade auch ein jüngeres Publikum für den Stoff zu begeistern?

Ich glaube, dass Camus‘ Geschichte bis heute stark genug ist, um auch ein jüngeres Publikum zu erreichen. Das, was Sie Sex-Appeal nennen, ist mein Ausdruck der Sinnlichkeit, die ich in der Vorlage entdeckt habe. Diese Schönheit ist Teil der Geschichte, und gerade in der Verfilmung von Relevanz. Eben weil man mit jemandem wie Meursault nicht begeistert mitfiebern kann, muss man die Faszination der Zuschauerinnen und Zuschauer auf andere Weise wecken. Das hat schon in den Sechzigerjahren für Alain Delon bei vielen seiner Figuren funktioniert. Und ich hatte mit Benjamin Voisin einen Hauptdarsteller, der diesbezüglich mithalten kann.

Zum zweiten Mal taucht in einem Ihrer Filme die Band The Cure auf. In „Sommer 85“ war’s „In Between Days“. Nun „Killing an Arab“.

Als Teenager war ich ein riesiger Fan von The Cure. „Killing an Arab“ für den Abspann zu verwenden, lag auf der Hand. Als ich bei „Sommer 85“ Kontakt zu Robert Smith aufnahm, scheiterte die Sache fast wegen der Songrechte. Dieses Mal war unsere Kommunikation deutlich reibungsloser.

Was war beim ersten Mal das Problem?

Er störte sich daran, dass mein Film ursprünglich 1984 spielen sollte, als ich selbst 16 Jahre alt war. Denn „In Between Days“ war in Europa erst 1985 erschienen. Nur für ihn und den Song änderte ich letztlich den Filmtitel. Bei „Killing an Arab“ war er sofort happy. Der Song ist von Camus‘ Roman inspiriert. Robert fand, dass das viel zu wenige wissen und der Song gerade in den USA in einen ganz falschen, rechten Kontext gerückt wird. Es war ihm eine Ehre, dass The Cure und Camus hier endlich in einem Atemzug genannt werden.

Apropos Ehre: Bevor Sie mit dem Dreh zu „Der Fremde“ begannen, trafen Sie sich mit Camus‘ Tochter Catherine. Eine Respektsbekundung?

Nicht nur, denn sie ist auch seine Nachlassverwalterin und streng, wenn es darum geht, wer was mit seinem Werk anstellt. Sie hat diesbezüglich hohe Ansprüche und große Sorge, dass seine Ideen und Visionen verraten werden. Ich war erleichtert und auch ein wenig stolz, als sie meiner Adaption ihren Segen gab. Auch mit dem fertigen Film war sie sehr zufrieden, was mich besonders glücklich gemacht hat.

Info

Künstler
Der französische Autor und Regisseur François Ozon, Jahrgang 1967, ist mit seinen Filmen Stammgast auf den großen Festivals und auch in den deutschen Kinos. Bekannt wurde er hierzulande 2002 mit seinem Musicalkrimi „8 Frauen“ und mit dem Psychodrama „Swimming Pool“ (2003; in der Hauptrolle Charlotte Rampling). Kritiker bezeichnen Ozons einerseits lakonischen, andererseits ungemein dichten Stil als eine cineastische Synthese aus seinen beiden Kinoidolen Pedro Almodovar und Rainer Werner Fassbinder.