Wolfgang Dietrich kämpft für die Ausgliederung. Foto: dpa

Am Donnerstag lädt der VfB Stuttgart seine Mitglieder zu einer der wegweisendsten Abstimmungen der Clubgeschichte. Worum geht es dabei genau? Was wären die Folgen und was hat der VfB mit so viel Geld vor?

Stuttgart - Der Aufstieg in die erste Liga ist geschafft, weshalb der VfB-Präsident Wolfgang Dietrich überzeugt ist, dass wir „viel Vertrauen zurückgewinnen konnten“. Erneut steht sein Verein am Scheideweg, wenn an diesem Donnerstag (18.30 Uhr) auf einer außerordentlichen Versammlung in der Mercedes-Benz-Arena jedes anwesende Mitglied die Wahl hat: Stimmt es für die Ausgliederung der Profifußball-Abteilung aus dem Hauptverein oder nicht? „Ich habe zuletzt unruhig geschlafen“, sagt Dietrich vor Anbruch des Tages, der seine Präsidentschaft veredeln soll: „Denn die positiven Stimmungen, die ich spüre, sind noch keine Stimmen.“ Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur Ausgliederung.

Worüber wird an diesem Donnerstag abgestimmt?

Über nichts Geringeres als die Abspaltung der Fußballsparte (bis hinunter zur U 16) vom Hauptverein. Ihn würde es bei einem Ja zur Ausgliederung künftig in einer anderen Form geben. Stimmen mindestens 75 Prozent der Mitglieder dem Vorhaben der Vereinsführung um den Clubchef Wolfgang Dietrich zu, firmieren sämtliche Profigeschäfte künftig in der VfB Stuttgart 1893 AG – einer nicht börsennotierten Aktiengesellschaft.

Was wären die Folgen?

In erster Linie geht es ums Geld. Um viel Geld. 41,5 Millionen Euro würde der VfB von Ankerinvestor Daimler für 11,75 Prozent der Anteile erlösen – und zwar sofort. Insgesamt möchte Dietrich in den kommenden vier Jahren aber 100 Millionen Euro für 24,9 Prozent der Anteile erlösen. Im Idealfall an vier weitere Investoren, zum Beispiel die eng mit dem VfB verbandelten Unternehmen Kärcher und Würth.

Wirtschaftsprüfer haben den Wert des VfB auf 300 Millionen taxiert. Die zweite weitreichende Neuerung betrifft die Struktur von Verein und AG. In der ausgegliederten Fußballabteilung hätte künftig der AG-Vorstand das Sagen. Er könnte weitgehend unabhängig von der Hauptversammlung des fortbestehenden e.V. agieren. Was er aber im Prinzip schon jetzt tut. Kontrolliert würde der Vorstand durch den neu zu besetzenden Aufsichtsrat. Daimler würde als Investor und Hauptsponsor zwei von neun Mitgliedern des Aufsichtsrats stellen. Das Präsidium des Vereins entsendet ebenfalls zwei Mitglieder und bestimmt über die weiteren Aufsichtsräte entscheidend mit.

Sehen Sie im Video was VfB-Fans zur möglichen Ausgliederung sagen.

Was hat der VfB mit dem vielen Geld vor?

Das frische Kapital soll nachhaltigen sportlichen Erfolg ermöglichen. Deshalb würde es auch in den Jugendbereich investiert. In eine modernere Infrastruktur sowie in bessere Trainer. „Wir wollen endlich wieder eine Topadresse werden“, sagt Dietrich. Ein Teil der 41,5 Millionen (höchstens zehn Millionen) würde dem Sportvorstand Jan Schindelmeiser sofort für Aktivitäten auf dem Transfermarkt zufließen. „Wenn wir in der Bundesliga bald wieder im ersten Drittel mitspielen wollen, müssen wir uns einen Personaletat von rund 100 Millionen Euro pro Jahr leisten können“, sagt Dietrich. Ohne Ausgliederung plant der Verein für die kommende Spielzeit mit 40 Millionen fürs Personal – mit wären es rund 50 Millionen.

Die Daimler AG will dem VfB helfen

Wie interpretiert der mögliche Ankerinvestor seine Rolle?

Die Daimler AG sieht ihr Engagement vor allem als eine Investition mit Leidenschaft an. Ziel sei es, den VfB und damit die Region Stuttgart zu stärken. „Wir wollen keine Daimler-Werkself“, sagt Wilfried Porth, der Vorstandsmitglied beim Autobauer ist und im Aufsichtsrat des VfB sitzt. „Wir wollen nicht dominieren“, ergänzt Porth: „Wir wollen dem Verein helfen, ihm aber seinen Gestaltungsspielraum lassen.“

Was kritisieren die Gegner?

Vor allem drei Punkte: Zunächst garantiere frisches Kapital nicht automatisch sportlichen Erfolg, sagen sie. Bliebe der aus, wären die abgegebenen Anteile ohne nachhaltigen Nutzen für den Verein für immer verloren. Zudem hätten die Mitglieder künftig weniger Einflussnahme auf das Handeln der Vorstände. Und zu guter Letzt ist vielen Fans die VfB-Führungsspitze um Dietrich und Schindelmeiser einfach noch nicht lange genug an Bord, als dass sie sich das Vertrauen für eine derart einschneidende Veränderung verdient habe.

Wie lauten die Prognosen?

Klar ist: Je mehr Mitglieder kommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es mit der Ausgliederung klappt. Mit kostenlosen Trikots und Gratistickets für den Nahverkehr will der VfB die Mitglieder anlocken. Der Club rechnet mit mindestens 8000 Mitgliedern. Nicht repräsentative Umfragen sowie das Stimmungsbild in Internetforen deuten auf einen knappen Ausgang hin. Eine Mehrheit für die Ausgliederung ist wohl ziemlich sicher – ob es aber für die nötige Dreiviertelmehrheit reicht?

Wie geht es weiter, wenn die Ausgliederung scheitert?

Für den Präsidenten Dietrich wäre ein Nein zur Abspaltung der Profiabteilung eine schwere Niederlage. Schließlich ist die Ausgliederung das zentrale Thema seiner Ära. Dennoch will der Präsident, der bis Oktober 2020 gewählt ist, unabhängig vom Ausgang der Abstimmung weitermachen. „Der Verein würde ein Nein überleben“, sagt Dietrich, „aber er wäre nicht in der Lage, die Zukunft zu gestalten.“

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