Mit diesem Foto wird nach Chérif C. gefahndet Foto: FRENCH POLICE/AP

Nächster Terrorschock für Frankreich: Ein mutmaßlicher Islamist schießt im weihnachtlich geschmückten Straßburg um sich. Der Terrorverdächtige hat auch Verbindungen nach Deutschland. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Stuttgart - Der Attentäter vom Straßburger Weihnachtsmarkt ist in Frankreich als Islamist bekannt. Die Behörden schließen nicht aus, dass er nach seiner Tat nach Deutschland geflüchtet ist.

Was wissen wir über den Täter?

Der Mann, der im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt gesucht wird, heißt Chérif C., ist Franzose mit nordafrikanischen Wurzeln und kam am 24. Februar 1989 in Straßburg zur Welt. Laut einem Urteil des Amtsgerichts Singen, das unserer Zeitung vorliegt, hat er sechs Geschwister – nach einem Bruder wird ebenfalls gefahndet. Chérif C. machte mit 16 seinen Hauptschulabschluss. Aus dem Urteil geht auch hervor, dass er mindestens zwischen 2011 und 2016 arbeitslos war.

Warum geht die Polizei bei dem Anschlag von einem islamistischen Hintergrund aus?

Der Angreifer hat nach Angaben von Zeugen „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen. Das teilte Staatsanwalt Rémy Heitz mit. Deshalb und wegen der Wahl des Weihnachtsmarkts als Ort für den Angriff habe die Antiterrorabteilung der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen an sich gezogen.

Welches Motiv hatte Chérif C.?

Das Motiv könnte Rache gewesen sein, spekulierte der „Tagesspiegel“ unter Berufung auf Sicherheitskreise. Nach französischen Medienberichten wurde Chérif C. schon vor dem Attentat am Dienstagabend wegen eines versuchten Tötungsdeliktes gesucht. Am Dienstagmorgen wollten ihn Einsatzkräfte deswegen verhaften – trafen ihn zu Hause jedoch nicht an, wie der Staatssekretär im Innenministerium, Laurent Nuñez, erklärte. Bei der Durchsuchung der Wohnung sollen Granaten gefunden worden sein.

War Chérif C. schon früher auffällig?

Ja. Das Amtsgericht Singen verurteilte ihn am 28. Juni 2016 zu zwei Jahren und drei Monaten Haft wegen Diebstahls. Er war in Engen (Kreis Konstanz) in eine Apotheke und in Mainz in eine Arztpraxis eingebrochen. Der Franzose wurde mittels DNA- und Videobeweisen überführt und war geständig. Inhaftiert war er zunächst in Konstanz, bevor er am 24. Oktober 2016 nach Freiburg verlegt wurde, wo er laut Landesjustizministerium bis zum 27. Februar 2017 blieb. Danach wurde er nach Frankreich abgeschoben. Bis zu der Verurteilung in Singen hatte C. bereits vier Jahre in Haftanstalten verbracht: er wurde unter anderem 2008 in Frankreich und 2013 in der Schweiz verurteilt – ebenfalls wegen Diebstählen.

War der Franzose als Gefährder bekannt?

Chérif C. und sein Bruder Sami werden in Frankreich als radikalisiert eingestuft. In Deutschland tauchen die Namen allerdings nicht in der Datei für islamistische Gefährder auf. Aus Sicherheitskreisen heißt es, die Schwelle für eine Registrierung in der französischen „fiche-S-Datei“ sei deutlich niedriger als für die Aufnahme in die deutsche Gefährderdatei. Chérif C. hat sich laut französischer Behörden im Gefängnis radikalisiert.

Hat sich Chérif C. in einem deutschen Gefängnis radikalisiert?

Laut Landesjustizministerium ist er während der Haft in Baden-Württemberg nicht durch „radikal-islamistische Gesinnung hervorgetreten“. Die Justizvollzugsanstalt Konstanz hatte lediglich über eine körperliche Auseinandersetzung des Gefangenen C. mit einem Mitgefangenen im Februar 2016 berichtet. Das bestätigte das Justizministerium unserer Zeitung. Anlass für die Auseinandersetzung sei gewesen, dass sich der Gefangene C. durch das Spiel von Mitgefangenen an einem Tischkicker gestört gefühlt habe.

Wo steckt Chérif C. jetzt?

Der Aufenthaltsort des mutmaßlichen Täters ist nicht bekannt. Die französische Regierung schließt nicht aus, dass er nach Deutschland geflüchtet sein könnte – womöglich zusammen mit seinem Bruder Sami. Der Täter soll nach Medienberichten vor seiner Flucht von Soldaten verletzt worden sein. Nach Informationen des Senders France Info entkam er mit einem Taxi, das er gestohlen hatte. Mehr als 600 Einsatzkräfte und mehrere Hubschrauber seien an der Fahndung beteiligt, hieß es.

Was ist über die Opfer bekannt?

Chérif C. soll am Dienstagabend mitten in der weihnachtlich geschmückten Innenstadt um sich geschossen haben. Er habe laut Ermittlern eine Handfeuerwaffe und ein Messer dabeigehabt. Bei dem Angriff wurden zwei Menschen getötet, ein drittes Opfer wird nur noch künstlich am Leben gehalten. Zwölf Menschen wurden verletzt. Unter den Todesopfern ist ein 45 Jahre alter Tourist aus Thailand. Nach Medienberichten starb er durch einen Schuss in den Kopf. Nach bisherigen Erkenntnissen des Auswärtigen Amtes sind keine Deutschen getötet oder verletzt worden.

Was müssen Reisende mit Ziel Frankreich nun beachten?

Das Auswärtige Amt hat am Mittwoch seine Reisehinweise für Frankreich verschärft. Reisende werden gebeten, „besonders vorsichtig zu sein und den Anweisungen von Sicherheitskräften unbedingt Folge zu leisten“. An den Grenzübergängen müssen sich Reisende wegen Kontrollen auf Wartezeiten bis zu 90 Minuten einstellen.

Wie reagieren Touranbieter aus Stuttgart und der Region?

Bei Binder-Reisen in Stuttgart zum Beispiel fällt an diesem Donnerstag eine Tour aus. 30 Buchungen hatte das Unternehmen, 20 Gäste sagten am Mittwoch schon vor 9 Uhr ab. „Daraufhin haben wir den Ausflug abgesagt“, sagt Geschäftsführer Harald Binder. Einzelne Gäste hätten auch von Straßburg auf Colmar umgebucht, so Binder. Schlienz Tours startet am Donnerstag eine Flussreise, die einen Stopp in Stuttgarts Partnerstadt für einen Bummel auf dem Programm habe. „Da haben wir uns schon Alternativen überlegt, die wir an Bord dann anbieten werden“, sagt Mark Ungerathen, Leiter des Touristikbereichs bei Schlienz Tours. Die Busunternehmer beobachten die weitere Entwicklung, nachdem der Weihnachtsmarkt in Straßburg am Mittwoch zunächst geschlossen blieb. Auch die SSB bieten ihren Kunden ein alternatives Ziel an, das noch nicht festgelegt ist. Das Unternehmen hatte für den kommenden Montag eine Fahrt nach Straßburg geplant. „Wer will, kann kostenfrei stornieren. Ansonsten bieten wir an, zu einem anderen Weihnachtsmarkt zu fahren“, sagt Alexander Steinkrug, Geschäftsführer von SSB Reisen.

Muss die Terrorabwehr in Europa besser werden?

Der CDU-Innenpolitiker Armin Schuster fordert als Konsequenz aus dem Angriff von Straßburg ein europäisches Terrorabwehrzentrum nach deutschem Vorbild. „Terror ist nicht auf ein Land begrenzt“, sagte der Vorsitzende des Amri-Untersuchungsauschusses den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. „Es ist mindestens ein europäisches Problem. Dafür ist Straßburg ein Musterbeispiel.“ Deshalb werde neben dem gemeinsamen deutschen Terrorabwehrzentrum auch ein europäisches gebraucht, sagte Schuster. Zudem mahnte er, weiter in die Bundespolizei zu investieren. Da es im Schengen-Raum keine Grenzkontrollen gebe, würde im Notfall umso mehr Schleierfahndungen gebraucht. Diese ließen sich nur durch die Bundespolizei bewerkstelligen.

Kann Europa bei der Vermeidung von Terror von Israel lernen?

Israel hat leidvolle Erfahrung mit Terroranschlägen und investiert sehr viel in die Prävention und in Überwachung zum Schutz seiner Bürger. „Wir kämpfen sehr darum, Terror zu stoppen, bevor er erfolgreich zuschlägt“, sagte der israelische Sicherheitsexperte Arye Sharuz Shalicar unserer Zeitung. Große Veranstaltungen wie Märkte würden auf mehreren Ebenen abgesichert.

Wie erfolgt die Sicherung in Israel genau?

„In Israel ist es bei solchen Veranstaltungen nicht möglich, aus verschiedensten Richtungen oder Gassen auf das Gelände zu kommen, es gibt wenige Zugänge, und an diesen wird kontrolliert“, sagte Ex-Armeesprecher Shalicar, der heute Abteilungsleiter im israelischen Nachrichtendienstministerium ist. „Neben offensichtlichen Patrouillen in Uniform sind zivile Sicherheitskräfte unterwegs um die Lage zu beurteilen und eventuell verdächtige Personen zu überprüfen“, so Shalicar. Wichtig sei bei Einzeltätern eine verdeckte Überwachung von Gefährdern. Auch Videoüberwachung und Gesichtserkennungssoftware sowie intelligente Software, die Bewegungen auswertet, gehörten zum Beispiel zu den gängigen Antiterrormaßnahmen im Alltag in der Jerusalemer Altstadt. „Diese Überwachung ist ein heftiger Eingriff, und ich bin mir nicht sicher, ob Europa dazu bereit ist“, sagte Shalicar. „Es ist schwierig, eine Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden, und auch in Israel kommt es trotz der Maßnahmen alle paar Tage zu Zwischenfällen.“

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