Das Meer verkommt immer mehr zur Müllkippe. Foto: dpa

Kunststoffe erleichtern dem Menschen den Alltag. Das Leben im Plastozän ist aber nicht für alle Erdbewohner eine Freude.

Stuttgart - Das Thema Plastikmüll ist in aller Munde. Fast täglich wird über plastikverseuchte Ozeane berichtet, über Meerestiere, die an verschluckten Einkaufstüten und Folienstücken zugrunde gehen, oder darüber, welches Land wie viel zur weltweiten Plastikflut beiträgt. Fast könnte man meinen, die Menschheit wolle unbedingt ein neues Erdzeitalter begründen: das Plastozän, das erst dann enden wird, wenn der komplette Planet fein säuberlich in Plastikfolie verpackt sein wird – wie eine spanische Gurke im Supermarkt. Superhygienisch und supersauber.

Streng genommen taugt die Plastikflut aber nicht als Kriterium für ein neues Erdzeitalter. Denn etliche Jahrmillionen wie die Ablagerungen der Jura- oder Kreidezeit wird das Zeug (zum Glück!) nicht überstehen. Aber bis alles vom Menschen in der Umwelt verstreute Plastik vollkommen verrottet sein wird, dürften zumindest ein paar Jahrhunderte vergehen. Außerdem arbeitet die Industrie hart daran, dass der Nachschub nicht so schnell ausgeht. Das hat uns solch epochale Innovationen wie das Einweg-Plastikbesteck beschert. Selbst Neuwagen werden mittlerweile komplett in Folie verpackt, damit auch ja kein Muckenschiss die Freude des Käufers schmälert.

Essbare Autos und kompostierbare Häuser

Die EU will mit ihrer Plastikmüllverordnung zumindest Einweggeschirr und Trinkhalme aus Plastik verbannen. Gleichzeitig suchen Wissenschaftler und Produktentwickler nach Alternativen. So trifft man immer häufiger auf Fast-Food-Schälchen aus natürlichen Rohstoffen wie Stärke oder Weizenkleie, die sich rückstandsfrei kompostieren lassen. Wer die darin enthaltenen Nährstoffe nicht Bakterien, Pilzen und anderen Kleinstlebewesen überlassen will, kann das Ökogeschirr in den meisten Fällen auch selbst verspeisen. Bei manchen Erzeugnissen von Imbissbetreibern oder Systemgastronomen ist der geschmackliche Unterschied zwischen Inhalt und Behältnis ohnehin nicht allzu stark ausgeprägt – erst recht, wenn man genügend Chili- oder Sojasoße drüber kippt. Essbare Autos und kompostierbare Häuser könnten als nächste Schritte folgen. Allerdings dürften viele Bauherren Probleme mit der Vorstellung haben, ihr doch für die Ewigkeit gebautes Häusle den Mikroben zum Fraß vorzuwerfen. Dabei ist Zersetzung das natürliche Schicksal aller materiellen Güter. Selbst von unseren radioaktiven Hinterlassenschaften wird schon in wenigen Millionen Jahren nicht mehr viel übrig sein.

Der technische Fortschritt mache es möglich, unseren Lebensstandard zu halten und trotzdem Umwelt und Klima zu schützen, sagen Optimisten. Tatsächlich haben Ingenieure beispielsweise die Effizienz von Verbrennungsmotoren deutlich verbessert. Damit wäre es möglich, sehr sparsame Autos zu bauen. Doch der Effizienzgewinn wird zu einem großen Teil dadurch aufgehoben, dass die Autos größer und leistungsstärker werden und insgesamt mehr gefahren wird als früher. Solche Rebound-Effekte sind an vielen Stellen zu beobachten. So sinkt durch bessere Isolierung und moderne Heiztechnik zwar der Energiebedarf von Wohnungen pro Quadratmeter, doch dafür bewohnt jeder Einzelne eine größere Fläche. Und der Effekt sparsamerer Flugzeuge verpufft weitgehend durch das anhaltende Wachstum der Passagierzahlen.

Verantwortungsloser Lebensstil

Technik alleine wird also nicht reichen, um den ökologischen Fußabdruck der Wohlstandsbürger auf eine erträgliche Größe zu verkleinern. „Trotz aller Anstrengungen, das Leben in der Komfortzone von Umweltschäden zu entkoppeln, wird der nördliche Lebensstandard immer verantwortungsloser“, schreibt der wachstumskritische Ökonom Niko Paech. Wir sollten also dringend einen oder besser zwei Gänge zurückschalten und der Nachwelt mehr hinterlassen als einen Haufen Plastikmüll. Oder wir lassen alles, wie es ist – und vergurken unsere Zukunft.

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