In einem Glas Latte macchiato steckt mehr Physik als viele denken. Foto: Fotolia

Wissenschaftler, die Laien ihre Forschung verständlich erklären wollen, müssen auch Verpackungskünstler sein.

Stuttgart - W issenschaftler geben sich heutzutage viel Mühe, komplizierte Forschungsthemen populär zu verpacken. Schließlich soll auch der fachfremde Normalbürger halbwegs verstehen, wofür sein Steuergeld ausgegeben wird. So haben Forscher der University of Princeton die physikalischen Vorgänge bei der Zubereitung des beliebten Heißgetränks Latte macchiato analysiert und im Fachblatt „Nature Communications“ darüber berichtet. Ziel des Projekts war aber nicht, den Beruf des Baristas endlich auf eine solide wissenschaftliche Basis zu stellen. Die Physiker suchten vielmehr ganz allgemein nach der besten Methode, um in einem einzigen Arbeitsgang weiche Materialien mit unterschiedlichen Schichten herzustellen.

Eine zentrale Rolle bei der Entstehung solcher Schichten, wie sie auch in einem Latte-macchiato-Glas zu beobachten sind, spielt der Vorgang der doppelt diffusen Konvektion. Darunter versteht man das gleichzeitige Auftreten von Auf- und Abwärtsbewegungen in Flüssigkeiten. Dieser Prozess, durch den Unterschiede in Dichte und Temperatur ausgeglichen werden, kommt aber erst in Gang, wenn der Espresso ziemlich flott in den Milchschaum gekippt wird: nämlich mit einer Geschwindigkeit von mindestens 21 Metern pro Sekunde oder 75,6 Kilometern pro Stunde. Trotzdem geht bei einem geübten Barista kein Tröpfchen Espresso daneben. Chapeau!

Harry Potters Brille am Nachthimmel

Auch in der Astronomie gibt es neue Ansätze zur populären Wissensvermittlung. Laut einer Umfrage des britischen Wissenschaftsprojekts „The Big Bang Fair“ kennen 29 Prozent der Sieben- bis 19-Jährigen nicht ein einziges der klassischen Sternbilder, die großteils der griechischen und römischen Mythologie entstammen. Astronomen der University of Birmingham haben sich deshalb acht zeitgemäßere Sternbilder überlegt. Wer nun zum Nachthimmel schaut, kann dort etwa Harry Potters Brille, den Tennisschläger von Serena Williams oder die Lauflegende Usain Bolt in Siegerpose erspähen. Allerdings braucht man dazu wie schon bei den klassischen Sternbildern viel Fantasie.

Eine Menge Fantasie ist auch vonnöten, wenn man versucht, das Konzept der gekrümmten Raumzeit zu erfassen – oder ein anderes gedankliches Konstrukt der modernen Astrophysik. Wie wäre es zum Beispiel mit der String-Theorie, nach der die Welt so um die zehn oder noch mehr Dimensionen haben könnte? Die vielen Dimensionen sind den Anhängern dieser Lehre zufolge so kunstvoll ineinandergefaltet, dass sie irgendwie in unsere bekannten drei – oder einschließlich der Zeit vier – Dimensionen hineinpassen. Alles klar?

Proteine mit Postleitzahlen

Zum Glück haben es nicht alle Forscher so schwer, wenn sie Laien ihre Arbeit erklären sollen. „Es gibt eine Milliarde Proteine in der Zelle, die müssen alle an die richtige Adresse geschickt werden. Dafür gibt es kleine Postleitzahlen, die jedes Protein hat, damit es an die richtige Stelle kommt“, hat der Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel in einem Interview nach der Preisvergabe gesagt. Proteine mit Postleitzahlen! Da kann man sich gleich viel besser vorstellen, wie der Paketdienst in der Zelle funktioniert – nämlich ganz ähnlich wie ein Amazon-Logistikzentrum. Forscher, die ihrer Großmutter nicht erklären können, woran sie im Labor arbeiten, hätten es selbst nicht richtig verstanden, findet Blobel. Jungwissenschaftler, die es wirklich zu etwas bringen wollen, sollten also öfter ihre Oma besuchen und mit ihr über ihre Forschung plaudern – bei einer Tasse Kaffee oder einem mittels doppelt diffuser Konvektion fabrizierten Glas Latte macchiato. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.fragen-sie-dr-ludwig-warum-gibt-es-immer-mehr-bastarde-auf-den-strassen.ad6afcd9-355b-4cb8-a578-2bff1ff26975.html

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