Im Zeitalter des Frei-von-Hypes darf natürlich auch ein glutenfreies Deo nicht fehlen. Foto: Fotolia

Die Frei-von-Welle bei Lebensmitteln birgt auch Risiken: Denkende Konsumenten könnten sich totlachen.

Stuttgart - Wir leben im Zeitalter der großen Freiheit. Längst sollen nicht mehr nur Nahrungsmittel frei von Inhaltsstoffen sein, die dem Wohlbefinden oder gar der Gesundheit schaden könnten. Auch ein deutscher Deohersteller weist seit einiger Zeit auf dem Flaschenetikett darauf hin, dass sein Produkt „glutenfrei und laktosefrei“ sei. Demnach können also auch jene Kunden, die das Deodorant als Mundspray nutzen wollen und entsprechende Unverträglichkeiten oder Allergien bei sich vermuten, ohne Bedenken zugreifen. Etwas enttäuschend ist allerdings, dass der beliebte Zusatz „vegan“ fehlt. Offenbar kann der Hersteller nicht ausschließen, dass mal ein Tier in ein Deo-Produktionsgefäß plumpst.

Immer mehr Menschen haben Angst, möglicherweise das Falsche zu sich zu nehmen – oder in ihre Achselhöhlen zu sprühen. Bei einigen kann der Drang, sich stets richtig zu ernähren, zu einer Störung namens Orthorexia nervosa führen. Es ist ja auch nicht leicht, sich im riesigen Warenangebot des Lebensmittelhandels zurechtzufinden. Da erscheint es manchen sinnvoller, sich freiwillig zu beschränken – nach dem Motto: weniger ist mehr. Und weniger als „frei von“ geht prinzipiell nicht.

Garantiert sinnfreie Produktinformationen

Dass der Freiheitskampf am Lebensmittelregal – an dem die Hersteller prächtig verdienen – teilweise zu völlig sinnfreien Produktinformationen führt, birgt allerdings das Risiko von Kollateralschäden: Kunden, die halbwegs bei Verstand sind, könnten sich beim Anblick von glutenfreiem Mineralwasser, fettfreien Gummibärchen oder veganem Salz im Laden totlachen.

Natürlich gibt es Menschen, die an Zöliakie leiden und deshalb tatsächlich Gluten meiden müssen – doch seriösen Studien zufolge ist davon weniger als ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Aber ist Gluten nicht auch für die anderen 99 Prozent ungesund? David Perlmutter beantwortet diese Frage eindeutig mit ja. Wer sein Buch „Dumm wie Brot“ liest, kann sich richtig vorstellen, wie das Klebereiweiß Gluten, das den Teig so schön fest macht, zwischen die Neuronen unserer Gehirns sickert und dort alles zukleistert – Kurzschluss, Demenz, Ende. Das Urteil der Fachwelt war allerdings verheerend: Perlmutters Thesen hielten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Dass heute so viele Kids Probleme in der Schule haben, ist also aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf Hirnerweichung durch lätschige, glutenhaltige Hamburgerbrötchen zurückzuführen. Auch die Behauptung mancher Glutenfrei-Apostel, heutige Weizensorten enthielten besonders viel Gluten, ließ sich in einer Untersuchung mit US-Weizensorten nicht erhärten.

Die Dosis macht’s

Aber kann man nicht wenigstens verlangen, dass unser Essen frei von Giftstoffen ist? Keine Frage, Fipronil gehört nicht in Eier und Glyphosat nicht ins Bier. Doch entscheidend ist eben nicht nur, ob ein bestimmter Stoff gefunden wird, sondern auch wie viel davon. „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei“, schrieb Paracelsus schon im 16. Jahrhundert. Heutige Naturwissenschaftler nennen das Dosis-Wirkungs-Beziehung.

Das Problem ist, dass die Analysetechnik immer weiter voranschreitet – und sich immer kleinere Spuren möglicherweise schädlicher Stoffe in der Umwelt oder in irgendwelchen Produkten finden lassen. Wenn die Entwicklung so weitergeht, könnte irgendwann der Punkt erreicht sein, an dem wir feststellen, dass letztlich alles überall drin ist. Dass wir im Durchschnitt trotzdem immer länger leben, ist nun mal wirklich eine gute Nachricht.

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