Wenn der Förster zu einem Spaziergang einlädt, kann er sich eines Stammpublikums sicher sein. Doch dieses Mal war alles etwas anders. Wie der Plochinger Wald zu Instagram kommt – und warum es sich lohnt, ungewöhnliche Perspektiven einzunehmen.
Sebastian Balke will es jetzt wissen. Legt sich längs auf den Bauch ins Moos. In der Hand eine Kamera, die etwas ins Visier nimmt, was nur der Fotograf selber zu sehen scheint. Minutenlang bleibt er in dieser Stellung. Klick. Sekunden vergehen. Noch einmal: Klick. Dann steht er auf. Schaut auf den kleinen Monitor seiner Kamera, um sein Werk zu begutachten. Zufriedenes Lächeln. Er hat alles gegeben für dieses eine Foto in einem Wald auf dem Plochinger Stumpenhof.
Nur wenige Bäume entfernt steht ein Mann mit Hund und beobachtet die Szene. Es ist Revierleiter Daniel Fritz, der das Forstrevier Plochingen unter sich hat, zu dem auch etliche Schurwaldgemeinden gehören. Mit dem Labrador streift er nahezu täglich durch den Wald, aber ab und zu lädt er sich Gäste ein. Wenn er zu einem Waldspaziergang etwa zum allseits beliebten Thema Klimawandel ruft, kommen viele, und nicht wenige sind Stammgäste. Aber an diesem Tag hat sich neues Publikum eingefunden. Denn der Titel des Spaziergangs ist ein anderer: „Wald goes Instagram“. Die Veranstaltung wurde vom Esslinger Landratsamt beworben mit Begriffen wie „Instawalk“ und einer Du-Anrede: „Du, der Wald und Dein Smartphone“. Zudem heißt es: „Mit Hilfe der Experten können sie ihre Ergebnisse optimieren, sich selbst im Wald in Szene setzen und die Motive auf ihren Social-Media-Kanälen posten.“
Das Instawalk ohne Instapose
Wer hoffte, es gäbe Tipps, mit welcher Pose man im Wald wie ein Instamodel aussehen könnte, sah sich jedoch enttäuscht. Wobei die Spaziergänger auch nicht unbedingt so aussahen, als ob sie das erwartet hätten: Es kamen Hobby-Fotografinnen und Fotografen, die durch die Reihe einen ziemlich bodenständigen Eindruck verbreiteten: Regenjacke, Rucksack, Wanderschuhe. Nicht wenige im Rentenalter, von denen einige sich fragten, was Instagram eigentlich ist und wie man da reinkommt.
Die Wanderausrüstung war eigentlich nicht nötig, auch die Stöcke und die Trinkflasche hätte man notfalls zu Hause lassen können. Zwar zog sich der Spaziergang aufgrund zahlreicher Unterbrechungen zweieinhalb Stunden hin, aber die Strecke ging nur über knapp drei Kilometer. Unterbrechungen gab es immer dann, wenn Fritz die Gruppe zu einem besonderen Platz geführt hatte, wo es besonders viel Moos gibt oder eine uralte Eiche, oder – der Höhepunkt des Abends – zu einer Kolonie von Soundsohalmen. Hier hielt sich keiner der Fotografinnen und Fotografen mehr zurück: Rund zwei Dutzend Menschen, die mitten im Wald auf Halme starrten, eine Kamera oder ein Smartphone in der Hand, dabei in die Hocke gingen, sich niederlegten, sich eigentümlich verrenkten.
Mitgebracht hatte Fritz noch zwei Männer, die den Lehrspaziergang vervollständigten. Während Fritz selbst viel über den Wald, seine Arbeit oder den Labrador Bruni Foresthopper erzählt, erläutert der Fotograf Michael Damböck, wie man gute Fotos macht. Dirk Teegelbekkers, Geschäftsführer der Zertifizierungsorganisation PEFC, wiederum erklärt, warum es sinnvoll ist, einem Wald ein Zeugnis auszustellen. PEFC steht für ein System zur Sicherstellung einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung. Die entsprechende Zertifizierung ist so was wie ein Wald-TÜV. Es soll Käufern sicherstellen, dass Holz- und Papierprodukte mit dem PEFC-Siegel aus ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiger Waldbewirtschaft stammen. Organisiert ist PEFC als Verein, der gemeinsam mit dem Kreisforstamt den Instawalk ins Leben gerufen hat. Der Instawalk wiederum ist ein Teil des Waldfühlprogramms, das der Landkreis Esslingen anbietet, zu dem das Forstamt gehört. Zusammen mit den Försterinnen und Förstern kann man sich zu verschiedenen Themen durch den Wald führen lassen. Die Titel sind vielfältig: Neben dem Instawalk gibt es unter anderem den „Übermorgenwald“, „Bewirtschaften oder still legen?“, „Waldbaden“ oder „Ferien im Wald“.
In der Ankündigung zum Instawalk wird auch versprochen, dass Förster Fritz die Teilnehmenden an seine Lieblingsplätze führt. Der Schachtelhalmplatz gehört dazu, auch wenn eine Teilnehmerin fest davon überzeugt ist, dass es sich in diesem Fall um „falsche Schachtelhalme“ handelt. Dabei hält sie einen kleinen Vortrag darüber, wie gesundheitsfördernd die „richtigen“ seien. Einige hören für Augenblicke interessiert zu, wenden sich dann aber ab und gehen wieder ihrer fotografierenden Tätigkeit nach.
Fritz’ definitiver Lieblingsplatz aber ist eine kleine Eichenoase. Auf einer kleinen lichtdurchfluteten Stelle wachsen unzählige kleine Eichen, die von den Waldbewohnern – warum auch immer – in Ruhe gelassen werden. „Kein Verbiss“, meldet Fritz. Unweit davon steht sie dann, eine riesige, etwa 200 Jahre alte Eiche. Auf die Frage, was es denn genau sei, was ihn an dieser Eiche so berühre, sucht Fritz eine Weile nach Worten. Ihm fallen einige Adjektive ein, und dann das, was die Einzigartigkeit dieses Baumes auf den Punkt bringt. „Majestätisch.“
Die Veranstalter des Instawalk
Forstamt
Das Amt mit kümmert sich um den Wald im Landkreis Esslingen und betreut elf Forstreviere, darunter das Revier Plochingen. Der Kreis ist auf rund 19 500 Hektar bewaldet. Das Kreisforstamt ist auf der gesamten Waldfläche für sämtliche forstrechtliche Aufgaben zuständig. Daneben ist es Dienstleister für 44 Städte und Gemeinden mit insgesamt 10 500 Hektar Wald und Ansprechpartner für die privaten Waldbesitzer.
PEFC
Die Abkürzung steht für die englische Bezeichnung „Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes“, also ein „Programm für die Anerkennung von Forstzertifizierungssystemen“. PEFC ist ein unabhängiges System zur Sicherstellung einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung. Holz- und Papierprodukte mit dem PEFC-Siegel stammen aus ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiger Waldbewirtschaftung.