Ein Bild- und Textband widmet sich Backnang zur Coronazeit. Ein hiesiger Fotograf und etliche Autoren geben Einblicke in ihr Innenleben während der Pandemie.
Die Tische und Stühle der Cafés sind übereinandergestapelt. Die Murr rauscht leise vorbei an der menschenleeren Bleichwiese. Nur ein einziger junger Mann sitzt auf den Stufen oberhalb des Flusses. „Wir haben geöffnet“, verspricht auf einem anderen Foto verheißungsvoll ein Schild. Doch auf den Straßen unterhalb des Stadtturms ist niemand da, der es lesen könnte. Andere Bilder zeigen Schilder mit Abstandsgebot – ohne einen Menschen weit und breit, von dem man überhaupt Abstand nehmen könnte.
Die Fotos zeigen Backnang als Geisterstadt
Die Szenen stammen aus dem Backnang der Coronazeit – und sind nun Teil eines großen Bildbands mit dem Titel „Meinbaco – ein Stadtlesebuch unter Corona“. Meinbaco ist ein Wortspiel aus Backnang und Corona. Die Bilder hat der Backnanger Ralf Blum angefertigt. Der 55-Jährige ist hauptberuflich Architekt. Seine Kamera hat er aber nicht nur zur Baustellendokumentation immer dabei: „Ich fotografiere eigentlich alles, was mir vor die Linse kommt.“
Dass aus seinen Fotos, die er zur Coronazeit gemacht hat, einmal ein Buch wird, sei aber nicht geplant gewesen. „Anfangs ist diese ganze Coronageschichte an der Baubranche noch einigermaßen vorbeigegangen“, erinnert sich Blum. Erst auf dem Nachhauseweg von einem Termin in Stuttgart fiel es ihm auf: „Ich bin durch Degerloch und Möhringen gefahren, alles war leer. Auf der Königstraße spielte ein Straßenmusiker ohne Publikum.“ In Backnang sah es auch nicht anders aus – und Blum begann, das Gesehene mit der Kamera zu dokumentieren. Seine Bilder zeigen eine Geisterstadt – und die verschiedenen Versuche von Menschen und Behörden, der Lage Herr zu werden.
Zunächst war gar nicht klar, dass aus den Ergebnissen einmal ein Buch werden würde. „Vor Weihnachten 2020 habe ich die entstandenen Bilder dann sortiert und gedacht, das wäre doch schade, wenn die einfach hinten runterfallen würden.“ Blum nahm dann Kontakt zum Verleger Jörg Esefeld auf – er ist ebenfalls Architekt und hat schon mit Blum zusammengearbeitet. Die beiden entschieden sich, ein Buch daraus zu machen. Das opulente Ergebnis ist fast 300 Seiten dick.
Mit der Veröffentlichung des Bandes tritt die selbst ernannte Murrmetropole Backnang in große Fußstapfen. Der Verlag Edition Esefeld & Traub hat sich vor allem auf Bücher zu Architektur, Kunst und Lyrik spezialisiert – und seine Stadtlesebücher sind normalerweise Millionenstädten wie New York, Istanbul oder Tokio gewidmet. Nun also Backnang. „Es ging uns hier beileibe weniger um den Ort an sich; das war eher ein Zufall. Er steht stellvertretend für so viele dieser Ortschaften. Uns ging es vielmehr darum, über Texte und Essays diese eigenwillige Zeit doch noch etwas einzufangen“, erklärt Verleger Esefeld.
Die Autoren schildern ihr Innenleben im Lockdown
Backnang als Symbol für alle anderen kleineren Städte in der Coronazeit. Doch austauschbar sind die Motive keineswegs. Wer Backnang kennt, wird auf den Seiten viele Orte wiedererkennen – und manchmal erschrecken. Schon jetzt scheint die Zeit der menschenleeren Plätze seltsam fern, obwohl sie nicht lange her ist. In den Textbeiträgen zu den Bildern liefern die Autorinnen und Autoren teilweise sehr persönliche Einblicke in ihre Erlebnisse während der Coronazeit. „Damals gab es ja viele Diskussionen in den Medien, welche Maßnahmen nun richtig oder falsch seien. Da war viel Schwarz-Weiß-Denken im Spiel, und darum ging es uns in unserem Buch weniger. Uns interessierte viel mehr: Wie gingen die Menschen mit der Situation um? Manche hatte man ja über Monate hinweg nicht gesehen“, erklärt Ralf Blum.
Ursprünglich, so verrät Blum, war geplant, nur Backnanger Autoren um eine Mitarbeit zu bitten. „Aber schnell haben wir gemerkt, dass das Thema auch darüber hinaus Gültigkeit hat.“ Und so fand sich eine große Anzahl an – auch bundesweit bekannten – Schreibern, die ihre Gedanken beisteuerten. Unter den Beitragenden sind – neben Blum persönlich – zum Beispiel der SPD-Bundestagsabgeordnete Gernot Gruber, der Schwabenkrimi-Autor Klaus Wanninger, die Offenbacher Dichterin Safiye Can, der Backnanger OB Maximilian Friedrich, der Wendrsonn-Sänger Markus Stricker und der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler. Auch Jan Georg Plavec, Redakteur unserer Zeitung, hat einen Text zu „Meinbaco“ beigesteuert. Stuttgart werde „backnangisiert“, konstatierte der Journalist in seinem Beitrag: „Der ideale pandemische Lebensstil ist suburban.“ „Es war mir wichtig, dass alle Generationen etwas zu dem Buch beitragen können“, sagt Ralf Blum. Da traf es sich gut, dass die Jugendkunstschule Backnang zur Coronazeit ein Postkartenprojekt realisiert hatte – einige der Postkarten wurden für das Buch ebenfalls ausgewählt.
Auch die Proteste gegen die Maßnahmen werden behandelt
Das Buch widmet sich aber auch der Zeit, in der das öffentliche Leben Schritt für Schritt wieder beginnt. Bilder und Texte erinnern daran, dass der 3G-Status zeitweilig die Eintrittskarte zu so ziemlich allem war. Auch die Montagsspaziergänge – mit denen gegen die Coronamaßnahmen protestiert wurde und die in Backnang wie in anderen Städten stattfanden – sind Thema.
Das Buch zur Coronazeit in Backnang
Autor
Ralf Blum ist Diplom-Ingenieur und Architekt. In seiner Freizeit widmet er sich unter anderem der Natur- und Cityfotografie. Blum ist 55 Jahre alt, lebt in Backnang und hat zwei erwachsene Kinder.
Verlag und Kurator
Der Verlag Edition Esefeld & Traub widmet sich schwerpunktmäßig den Themen Architektur, Archäologie, Fotografie und Kunst. Andere Bildbände über New York, Moskau, Tokio oder Sao Paolo sind ebenfalls dort erschienen. Die Texte zu Ralf Blums Fotografien in „Meinbaco“ wurden von dem Schriftsteller José F. A. Oliver ausgewählt und zusammengestellt.
Buch
„Meinbaco“ ist als Hardcover-Buch im Verlag Edition Esefeld & Traub erschienen. Das „Stadtlesebuch unter Corona“ hat 284 Seiten und viele Schwarzweiß- und Farbabbildungen. Es ist in Buchhandlungen und auf Amazon für einen Preis von 49 Euro erhältlich. Das Buch hat die ISBN-Nummer 978-3-9818128-7-9.