Fotografin Cana Yilmaz Stuttgarterin hält Protest in Istanbul in Bildern fest

Von Andrea Jenewein 

Die türkischstämmige Stuttgarter Fotografin Cana Yilmaz war Anfang Juli in Istanbul. Dort hat sie den Protest am Taksim-Platz in Bildern ­festgehalten.

Stuttgart - Die türkischstämmige Stuttgarter Fotografin Cana Yilmaz war Anfang Juli in Istanbul. Dort hat sie den Protest am Taksim-Platz in ihren Bildern ­festgehalten.

Frau Yilmaz, wie viel Türkei steckt in Ihnen?
Ich war – bevor ich jetzt nach Istanbul fuhr – neun Jahre nicht mehr in der Türkei und hatte mich etwas entfremdet. Es fiel mir schwer, mich mit dem Land, aus dem meine Eltern kommen, zu identifizieren. Auch mein Türkisch ist ziemlich eingerostet in dieser Zeit. Ich dachte, mit mir stimmt etwas nicht.
Und, sind Sie seltsam?
Nein, denn die türkische Seite in mir ist durch die Proteste wieder erweckt worden – ich war sehr froh zu merken, dass sie doch nicht verloren gegangen ist.
Durch was genau wurde die türkische Seite in Ihnen wieder wachgerüttelt?
Dadurch, dass ich gemerkt habe, dass sie doch da ist, die Türkei, die ich gut finde.

Cana Yilmaz. Foto: Peter Petsch
Was ist das etwa?
Ich habe Literatur studiert und interessiere mich für türkische Schriftsteller und Künstler allgemein. Meine Eltern haben Bücher von Autoren gelesen oder Filme von Filmemachern angeschaut, von denen ich wusste, dass sie verfolgt wurden oder im Gefängnis saßen. Deshalb war meine Türkei lange auch eine unterdrückte Türkei. Nun wehren sich die Türken.
Das Thema Unterdrückung spielt auch in Ihrer Familiengeschichte eine Rolle . . .
Meine Eltern, die Anfang der 70er Jahre nach Deutschland kamen, sind Aleviten. Die Anhänger dieser islamischen Glaubensrichtung verstehen sich als modern und zukunftsgewandt. Sie werden vom türkischen Staat bis heute nicht als religiöse Minderheit anerkannt. Viele Aleviten und Andersdenkende sind nur aufgrund dessen, dass sie ihre Meinung äußerten, ums Leben gekommen. Erdogan ist einer, der die Menschen gegeneinander aufhetzt, somit spaltet und seine ­Taten vertuscht.
Freuten Sie sich deshalb über die Proteste?
Ja, ich habe mich sehr darüber gefreut und fand die Entwicklung sehr spannend. Es hat mir sehr gefallen, dass die Proteste nicht von einer bestimmten Gruppe ausgingen und die Aufstände auch nicht aus einer wirtschaftlichen Misere heraus entstanden – wie etwa in Ägypten. Es war vielmehr ein vielstimmiger Schrei nach Freiheit. Ganz egal welcher Glaubensrichtung ein Mensch angehört, ob jung oder alt, reich oder arm – sie kämpfen zusammen. Das ist stark.
Wie haben Sie das Geschehen verfolgt?
Zumeist über Facebook. Es hat mich total gepackt. Irgendwann hatte ich einen Freitag und einen Montag frei und habe spontan einen Flug nach Istanbul gebucht.
Wann war das?
Vom 5. bis 8. Juli. Am 6. Juli hatte das Protestbündnis Taksim-Plattform zu einer weiteren Demonstration auf dem Taksim-Platz aufgerufen. Dabei solle der von der Polizei gesperrte Gezi-Park „den wahren Besitzern, nämlich jedem“ zurückgegeben werden. Wenige Stunden vor Beginn hatte Istanbuls Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu die Großkundgebung für illegal erklärt und zudem über Twitter angekündigt, der Gezi-Park werde am 7. oder spätestens am 8. Juli wiedereröffnet.
Was passierte dann?
Als ich am Taksim-Platz ankam, war alles voller Polizei. Mit ihren Wasserwerfern haben sie dann vom Taksim-Platz aus die Menschen in die Haupteinkaufsstraße Istiklal Caddesi und deren Nebenstraßen getrieben.
Wo waren Sie?
Ich war in einer Parallelstraße der Istiklal Caddesi, die war komplett abgesperrt. Ich habe dort fotografiert. Es war wirklich so, wie man es über Facebook und Twitter verfolgen konnte: Die Leute dort sehen alles mit Humor, sie sind geradezu lustig und gehen kreativ mit dieser Situation um.
Wodurch zeigte sich das?
Sie hatten Wasserpistolen und haben sich gegenseitig damit nass gespritzt – vor den Augen der Polizisten. Aus Trotz: Um zu zeigen, wir machen das, aber nur mit Wasser, das nicht mit Chemikalien versetzt ist. Wir tun uns nicht weh.
Wie ging es weiter?
Irgendwann wurde es ernster. Die Polizisten sind immer näher an uns herangerückt mit ihren Wasserwerfern. Da stand ich da und dachte: Okay, das ist es jetzt. Ich habe gespürt: Hier geht gleich richtig was ab.
Hatten Sie Angst?
Es war eher ein Aufgeregtsein. Wohl auch deshalb, weil ich mich unter den Protestlern sicher gefühlt habe. Ich wusste: Wenn irgendwas ist, die Menschen helfen einander.
Der Zusammenhalt macht stark?
Ja. Die Polizisten haben zwar Wasserwerfer, Schlagstöcke und Tränengas, aber die Demonstranten haben die Macht.
Was machten Sie in dieser Situation?
Ich habe die Polizisten fotografiert. Das waren meist junge Männer, richtige Babyfaces. Die konnten dir nicht einmal richtig in die Augen schauen. Ich dachte: Okay, die machen hier ihren Job – aber sie haben Angst.
Haben Sie sich selbst nie als Fremde oder gar als Schaulustige empfunden?
Das war interessant. Natürlich lebe ich in Deutschland. Aber in Deutschland bin ich die Türkin, in der Türkei die Deutsche. In der Protestbewegung bin ich eine unter Gleichgesinnten, die das Gleiche wollen. Freiheit.
Es war also auch Ihr Protest?
Ja, ich war da, um die Bewegung zu unterstützen. Aber ich bin mir natürlich bewusst, dass ich nicht die gleichen Erfahrungen ­gemacht habe wie die Menschen, die dort ­leben. Aber ich wollte das sehen – und dokumentieren.
Wie war die Atmosphäre in der Stadt?
Die Stimmung unter den Protestlern war wirklich toll, obwohl das ein bunter, zusammengewürfelter Haufen an Menschen ist. Wenn man auf die andere Seite geschaut hat, war da eine schwarze Wand. Das waren totale Gegensätze.
Da spricht die Fotografin. Ist die Kamera denn ein Instrument, um Geschehnisse auf Distanz zu halten, oder wirkt sie eher wie ein Vergrößerungsglas?
Mein Gefühl war einfach, alles festhalten zu wollen. Um es weiterzutragen.
Was war der schlimmste Moment?
Einmal hörte ich aus einer Gasse Schreie, ich bin dann mit meiner Kamera dorthin. Mir kam ein Mann entgegen, der furchtbar hustete und dessen Augen tränten. In dem Moment habe ich selbst das Gas zum ersten Mal eingeatmet. So ist das also, dachte ich. Das war heftig, am eigenen Leib zu erfahren, wie das sticht.
Was wollen die Türken? Freiheit? Alkohol? Oder wollen sie den Ministerpräsidenten ­Recep Tayyip Erdogan stürzen, der ja immerhin demokratisch gewählt ist?
Ein Protestler sagte mir, dass es für viele um Alltagsdinge geht. Dass er als Student in seiner Theatergruppe etwa Probleme hat, seine Meinung frei zu äußern. Viele Theater mussten schließen. Ich denke, sie wollen nicht bevormundet werden, wie sie sich auf den Straßen verhalten sollen, wann und wo sie Alkohol trinken dürfen. In den neun Jahren, in denen ich nicht in der Türkei war, hat eine versteckte Islamisierung stattgefunden. ­Immer mehr Frauen laufen bedeckt rum. Das ist eine Rückwärtsentwicklung, und das sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden.
Wie stehen Sie zum EU-Beitritt der Türkei?
Ich finde diese Diskussion bescheuert. Die Frage, ob dieses „doofe“ Land zu unserem Club dazugehören soll oder nicht, ist nicht zeitgemäß. Zumal die EU auch ihre Probleme hat. In der Türkei kämpft eine große Gruppe von Menschen um Freiheit und Unabhängigkeit – und um echte Demokratie.
Was sind Ihre weiteren Pläne?
Ich werde die Entwicklung natürlich weiterhin verfolgen und möchte auch wieder in die Türkei gehen.
Was haben Sie persönlich mitgenommen?
Der Besuch in Istanbul und die Proteste haben mich ein bisschen frei gemacht von dem Gefühl der Entfremdung. Die Türkei, die für mich immer nur im Innern existiert hat, durch Geschichten meiner Eltern, durch die Literatur und Musik, soll nicht mehr nur im Innern existieren. Ich will die Heimat meiner Eltern, vor allem die Stadt, aus der sie stammen, Sivas, besuchen und kennenlernen. Darauf freue ich mich.

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