Vertraue keinem Foto: Gérard Goodrow, der Kurator der Ausstellung, vor zwei Werken von Andreas Gefeller. Foto: factum/Bach

Die Städtische Galerie zeigt Fotokunst aus Deutschland und China. Der rote Faden ist: Vertraue keinem Foto. Wegen der Zensur könnten viele Werke in China nicht gezeigt werden, sagt der Kurator.

Bietigheim-Bissingen - Im sogenannten postfaktischen Zeitalter, in dem wir leben, muss die Darstellungsform der Fotografie noch mehr als bislang bewusst hinterfragt werden: Wie geht man als Künstler damit um, dass ein Foto weniger denn je als zuverlässiges Dokument taugt? Und muss ein Foto überhaupt seinen Ausgangspunkt in der realen Welt haben?

Mit solchen Fragen befasst sich eine Ausstellung, die es jetzt in der Städtischen Galerie in Bietigheim-Bissingen zu sehen gibt. „Jenseits des Dokumentarischen“ ist der Titel des Kooperationsprojekts mit der Städtischen Galerie Hannover. Gezeigt werden Fotografien von jeweils sechs Künstlern aus China und aus Deutschland. „Der rote Faden der Werke ist: Habe kein Vertrauen“, sagt Gérard Goodrow, der Kurator aus Hannover, der die Ausstellung konzipiert hat.

Die Ausstellung kommt auch nach Peking

So gibt es beispielsweise Aufnahmen der jungen Fotografin Jiaxi Yang, die wie lieblose Stillleben aussehen, bei denen aber das Arrangement der Objekte daran zweifeln lässt, ob hier wirklich die Realität abgebildet ist. Auch sehr interessant: die Bilderserie von Zhang Wei. Er hat Hunderte Gesichter von Chinesen fotografiert und deren Züge in ikonografische Fotografien von Mao, Snowden, Che Guevara oder Steve Jobs eingearbeitet. So glaubt man, einem alten Mao ins Gesicht zu blicken, dabei ist es eine Maske, die aus vielen Gesichtern zusammengesetzt wurde. „Es wäre nicht möglich, diese Bilder in China zu zeigen“, sagt Goodrow mit Blick auf die dort herrschende Zensur. Die meisten Stücke der Ausstellung sollen aber auch noch in Peking, Chonqing und Shenzen gezeigt werden. Die deutschen Werke sind in dieser Hinsicht unbedenklich. Da gibt es die langzeit- und überbelichteten Nachtfotografien von Andreas Gefeller, der Industrieanlagen ins Surreale überführt. Oder Fotos von Kris Scholz, der Böden und Arbeitsflächen in extremen Nahaufnahmen abgelichtet hat. Eine sozialpolitische Komponente im Sinne der Thematisierung der Auflösung der Industriegesellschaft ist ihnen jedoch nicht abzusprechen. Die Bietigheimer Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger ist froh über das Kooperationsprojekt: „Wir hätten das alleine nie machen können.“ Dazu brauche man die Kontakte in China, über die Goodrow verfügt.

Politische Kunst in China ist „harmlos und bissig zugleich“

Einige chinesische Werke bergen, was die Zensur in China angeht, versteckte Kritik. Nicht etwa bei Jiang Pengyi, der Glühwürmchen in einem Schuhkarton fotografiert hat, so dass deren Flugbewegungen rätselhafte Kompositionen ergeben. „Die beste chinesische Kunst ist nicht sofort politisch“, sagt Goodrow. „Harmlos und bissig zugleich“ sollten die Bilder sein, im Kreise der Künstler würden die bissigen Botschaften dann schon verstanden.

So wie beispielsweise das bereits ins Abstrakte gehende abgelichtete Blätterdickicht von Shang Feiming. Es gleicht traditioneller chinesischer Tuschemalerei, die wiederum untrennbar mit dem Gedankengut der altchinesischen Philosophie und Literatur verknüpft ist – Dinge, die Maos Kulturrevolution nicht auslöschen konnte. Regelrecht verschwommen sind hingegen die Bilder von Xu Jong. Er hat Orte seiner Kindheit fotografiert, jedoch den Abstand zwischen Linse und Objekt so verlängert, dass die Bilder extrem unscharf werden – wie die Erinnerung an eine Zeit voller Gräueltaten: Jongs Familie wurde Opfer der Kulturrevolution. Die Ausstellung ist bis zum 3. Oktober zu sehen. Öffentliche Führungen gibt es beispielsweise am 6. August um 11.30 Uhr oder am 27. August um 16.30 Uhr.

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